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12/08/2018 11:02 CEST | Aktualisiert 13/08/2018 13:17 CEST

Vater: "Meine Tochter zieht bald aus – es macht mir riesige Angst"

"Ich werde nie aufhören, sie als mein kleines Mädchen zu sehen."

Sverre Haugland via Getty Images
"Ich werde nie aufhören, sie als mein kleines Mädchen zu sehen."

Als ich im zarten Alter von 23 Jahren Vater wurde, rechnete ich damit, dass es hart werden würde. Die Verantwortung für ein neues Leben zu übernehmen und eine dreiköpfige Familie ernähren zu müssen, war gelinde gesagt beängstigend.

Als unsere kleine Tochter heranwuchs, tauchten neue Herausforderungen auf. Das Zahnen, die Trotzereien und das wachsende Verlangen ihren eigenen Willen durchzusetzen, stellten uns auf eine harte Probe. Dazu kamen weitere unvermeidliche Veränderungen, als ihre Schwester auf der Bühne erschien.

Ihre Mutter und ich ließen uns scheiden, als sie sieben war und ihre Schwester drei. Ich hatte Angst, was die neue Situation mit meinen Töchtern und mir machen würden. Mir graute es davor, meine Rolle und meinen Platz in ihrem Leben zu verlieren.

Glücklicherweise schienen die Auswirkungen nur minimal zu sein. Meine Ex-Frau und ich einigten uns darauf, dass wir weiterhin beide eine aktive Rolle in der Erziehung unserer Kinder spielen würden.

Mein Töchter hätten mich mehr gebraucht

Das umzusetzen war zwar nicht immer leicht, aber insgesamt hat es sehr gut funktioniert.

Die hormonale Chaos der Teenagerjahre kam wie erwartet. Ich muss gestehen, dass ich in dieser Zeit mehr für sie hätte da sein können. Doch als lediger Vater von zwei jugendlichen Töchtern war ich ein bisschen überfordert.

Dennoch bin ich dankbar für die relativ trivialen Schwierigkeiten, die diese Zeit gebracht hat. Ich bin dankbar, dass eine ausgeglichene junge Erwachsene aus der Pubertät hervorgekommen ist und meine jüngere Tochter auch auf dem Weg dorthin ist.

In jüngster Zeit haben ihre Mutter und ich jeweils erneut geheiratet. Und für mich kamen dadurch zwei Stiefgeschwister hinzu. Auch hier war klar, dass weitere Komplikationen aufkommen würden, aber auch diese waren nur sehr klein.

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Wir haben es als Team geschafft

Ich schätze, wir haben wirklich Glück, dass es für uns so einfach verläuft. Seit ich vor 18 Jahren Vater wurde, hat es unendlich viele Momente gegeben, die mit verschiedenen Phasen und Ereignissen verbunden sind.

Jeden Moment haben wir gemeinsam überlebt – als unterstützendes und entgegenkommendes Team. So sind wir gewachsen, als Vater und als Töchter.

Die Phase, in der ich mich momentan wiederfinde ist jedoch anders. Es ist schwerer. Das ist die Phase, auf die ich schon lange erwarte. Und jetzt wo sie hier ist, ist es nur noch schwerer.

Tochter Nummer eins verlässt ihr Zuhause und geht an die Universität.

Ich dachte, ich wäre bereit für diesen Moment

Ich dachte, ich wäre bereit für die emotionale Herausforderung – und sie auch.

Jetzt zweifle ich jedoch jeden Tag daran. Meine Eltern verglichen in meiner eigenen Kindheit diese Phase mit einem Trauerfall. Und ich glaube nicht, dass sie übertrieben haben.

Meine Ängste sind zahlreich und kommen in vielen Formen.

Ist sie robust genug sich um sich selbst zu kümmern? Habe ich ihr genug beigebracht, damit sie sich selbst verteidigen kann? Oder habe ich viel zu viel für sie gemacht, weil ich ihr etwas gutes tun wollte? Ist sie dadurch zu anhänglich und abhängig geworden?

Habe ich ihr in ihrer Kindheit genug Freiraum gegeben, damit sie Risiken un den Charakter anderer Menschen richtig einschätzen kann? Habe ich sie zu sehr beschützt und sie dadurch zu naiv, zu argwöhnisch oder zu vertrauensselig erzogen?

Es ist so ein schmaler Grat und es ist einer, auf dem alle Eltern balancieren müssen, die ihr Kind so gut wie sie es nur können, erziehen wollen.

Ich habe Angst, dass ihr was passieren könnte

Sie hat Input von mir, meiner Ex-Frau, einer liebenden und unterstützenden Familie und so vielen anderen, die zu ihrer Erziehung beigetragen haben – wie in den späteren Jahren ihre neuen Stiefeltern. Also ist sie hoffentlich gut vorbereitet.

Irgendwie spendet mir das im Moment Trost. Denn ich verlor mich in meinen Gedanken über all die Dinge, die schief gehen könnten.

Ich stellte mir vor, wie sie in Geldnot kommen könnte und ich meinem Drang widerstehen müsste, ihr mehr zu geben, da ich versprochen, beinahe angedroht, habe, dass sie einen festen Betrag kommt, um sich um sich selbst zu kümmern.

Ich stelle mir vor, wie sie hungrig wäre, sich einsam fühlt, ungeliebt und isoliert.

Ich stelle mir vor, wie sie von ihren neuen Kommilitonen nicht akzeptiert wird, ihre Sachen geklaut werden, sie in Verlegenheit gebracht wird, beschämt ist oder durch beliebige und unwahrscheinliche Ereignisse isoliert wird.

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Ich kann nicht mehr für sie da sein

In den letzen 18 Jahren konnte ich ihr immer aufrichtig versprechen, dass ich für sie da sein werde, wenn sie mich braucht. Ich weiß,dass es ab jetzt unmöglich sein wird.

Nicht nur rein logistisch, sondern auch, weil nun die Zeit gekommen ist, in der sie für sich selbst Verantwortung übernehmen muss.

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Ich wurde beruhigt, dass es ihr gut gehen wird, dass sie wachsen wird und meine Ängste unbegründet sind. Ich wurde daran erinnert, dass sie gut erzogen wurde – ein Kompliment, dass ich für meinen Teil wiederwillig akzeptiere.

Meine Sorgen drehen sich nicht nur um ihre Fähigkeiten. Was ist mit den äußeren Einflüssen?

Als sie ihren Führerschein machte, waren es die anderen Verkehrsteilnehmer, die eine eindeutige Gefahr darstellten. Als sie alt genug wurde, um in Bars zu gehen, waren es die anderen Menschen, die mir Sorgen bereiteten. Betrunkene, aggressive und potentielle Gefahren.

Es könnte das Ende einer Ära sein

Ich weiß, ich bin ein wenig kurzsichtig, was ihre Charakterschwächen und Fehltritte betrifft. Aber es ist auch die Bedrohungen von anderen, vor denen ich sie nicht mehr beschützen kann. Es ist schmerzhaft. Der Schmerz wird wahrscheinlich erst nach einigen Monaten nachlassen.

Meine Ängste werden vermutlich erst abklingen, wenn sie in ihrem neuen Leben angekommen ist und ihr erstes Semester oder erstes Jahr dort hinter sich hat.

Ich werde oft daran erinnert, dass es das Ende einer Ära sein könnte, aber es ist auch der Start einer neuen und aufregenden.

Ich erinnere mich selbst daran, dass es Zeit für Freude und zufriedener Reflexion ist. Natürlich bin ich voreingenommen, aber ich bin überaus stolz auf meine Tochter und die junge Frau, zu der sie geworden ist.

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Sie ist mein kleines Mädchen

Manchmal kann sie unsicher wirken, aber das trügt. Denn sie weiß, wie sie voran kommt und das Beste aus jeder Situation macht.

Sie zeigt Initiative und wenn sie etwas erreichen möchte, sei es ein guter Universitätsabschluss, Autofahren lernen, Urlaub machen oder Sport und Musik üben,verfolgt sie dieses Ziel mit Elan und Tatendrang.

Sie ist offen, freundlich, rücksichtsvoll, respektvoll und hingebungsvoll gegenüber ihren Freunden und ihrer Familie. In ihrem Leben gab es wenig Drama und wenn, dann war es sehr trivial – ich bin darüber sehr froh.

Wenn man sie wie einen “fertigen Artikel” betrachtet, ist sie so gut wie bereit für die nächste Phase ihres Lebens, wie ich es mir nur wünschen kann.

Ich liebe sie innig und ich weiß, dass sie es weiß. Ich habe selbst nie aufgehört mich als Kind meiner Eltern zu sehen und ich werde nie aufhören, sie als mein kleines Mädchen zu sehen. Egal wohin sie geht oder was sie macht.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(jkl)