POLITIK
28/10/2018 09:12 CET | Aktualisiert 28/10/2018 11:32 CET

Pittsburgh: Das antisemitische Attentat als Höhepunkt einer Woche des Hasses

Was die Taten von Gregory B., Cesar S. und Robert B. verbindet.

dpa
Mahnwache in Pittsburgh: Menschen zünden am Samstagabend Kerzen an, um der tödlichen Schießerei in einer Synagoge zu gedenken.

► In einem Vorort von Louisville, Kentucky, richtet Gregory B. zwei Schwarze in und vor einem Lebensmittelgeschäft hin, verschont aber Weiße, weil “Weiße keine Weißen erschießen”.

► Cesar S., ein Anhänger von Donald Trump und offenbar Antisemit, der zu weißen Rassisten aufblickte, schickt mindestens 14 Bomben per Post an Kritiker des Präsidenten im ganzen Land.

► Und in Pittsburgh, Pennsylvania, geht der selbsterklärte Antisemit Robert B. in eine Synagoge und tötet dort elf Menschen – nachdem er geschrien hat: “Alle Juden müssen sterben!”

Diese drei aggressiven Taten haben eines gemeinsam: Wut, Rassismus und gewalttätige Rhetorik.

Die Besonderheit dieser Woche des US-amerikanischen Hasses liegt darin, dass gleich drei von vielen wütenden, hasserfüllten Menschen beschlossen haben, ihre Gewaltfantasien in die Wirklichkeit umzusetzen.

Trump reagiert mit Belustigung

Es begann am Montag, als die ersten Pakete mit zündfähigen Rohrbomben die Türschwellen und Büros hochkarätiger Demokraten und ihrer Unterstützer erreichten. Bill und Hillary Clinton, Barack Obama, Joe Biden, der ehemalige CIA-Direktor John Brennan und der Philanthrop George Soros waren das Ziel von Cesar S.

Auch in den darauffolgenden Tagen entdeckten Ermittler weitere verdächtige Pakete. Die US-Medien wiesen von Anfang an darauf hin, dass alle Empfänger zu Trumps erklärten Feinden gehörten – und dass der US-Präsident seine Anhänger in der Vergangenheit wiederholt gedrängt hatte, Gewalt gegen einige von ihnen zu begehen.

Konservative und rechte Politiker – einschließlich des US-Präsidenten selbst – deuteten an oder erklärten sogar völlig offen, dass die Bomben eine sogenannte False-Flag-Operation war, die von den Demokraten selbst begangen wurde, um im aktuellen Wahlkampf zu den US-Zwischenwahlen zu punkten.

Diese absurde Theorie erwies sich spätestens dann als unwahr, als die Polizei am Freitag Cesar S. verhaftete. Der 56-Jährige stellte sich rasch als überzeugter Trump-Anhänger und wilder Verschwörungstheoretiker heraus – der sich “die Tage unter Hitler” zurückwünschte.

Und Trump? Der machte sich in einer Rede nach der Festnahme von Cesar S. über Soros lustig und schürte erneuten Hass gegen den Milliardär und seine früherer Kontrahentin Clinton.   

Gezielter Kopfschuss in Kentucky 

Von den versuchten Sprengstoffattacken gänzlich überlagert wurde eine Schießerei in einem Supermarkt in Kentucky. Dass am Mittwoch zwei Menschen durch Schüsse starben, war keine große Nachricht – durchschnittlich sterben in den USA Tag für Tag 96 Menschen durch Waffengewalt. Allerdings war die Tat in einem Vorort von Louisville anders gelagert. 

Laut Augenzeugenberichten soll Gregory B. einen schwarzen Mann in den Hinterkopf geschossen haben. Selbst als der Mann schon am Boden lag, soll B. weiter auf ihn geschossen haben. Anschließend soll der 51-Jährige den Laden verlassen haben, um draußen eine schwarze Frau zu erschießen. 

Bis jetzt gibt es zwar kein offizielles Motiv für die Taten. Allerdings gibt es Hinweise auf einen rassistischen Hintergrund, wie das eingangs erwähnte Zitat von B. zeigt. So soll der Täter Minuten zudem vor seiner Tat versucht haben, eine mehrheitlich von Schwarzen besuchte Kirche zu betreten, was ihm nicht gelang. 

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Von links nach rechts: Gregory B. (51), Cesar S. (56) und Robert B. (46).

“Alle Juden müssen sterben!”

Am Samstag kam es dann zum traurigen Höhepunkt dieser Woche des Hasses: Der Antisemit Robert B. betrat eine Synagoge in Pittsburgh und schrie Augenzeugen zufolge: “Alle Juden müssen sterben!” Dann erschoss der 46-Jährige mit einem Sturmgewehr mindestens elf Menschen und verletzte sechs weitere schwer, wie Wendell Hissrich, Direktor für Öffentliche Sicherheit der Stadt Pittsburgh, sagte. Der Attentäter selbst wurde angeschossen und wird derzeit im Krankenhaus behandelt. 

Das Attentat ereignete sich während einer Zeremonie in dem Gotteshaus am jüdischen Feiertag Sabbat. “Es ist der schlimmste Tatort, den ich in 22 Jahren Berufserfahrung gesehen habe”, sagte der FBI-Agent Bob Jones. 

Ein Blick auf die Social-Media-Aktivitäten von Robert B. – vor allem auf die Plattform “Gab”, dem “Twitter für Rassisten” und Rechtsextremisten –  zeigt, dass er Juden verachtete und verschiedenen rassistischen Verschwörungstheorien anhing. Seine Wut und Angst, angeheizt von der Idee, dass Juden Einwanderer ins Land bringen würden, um Weiße zu vertreiben, endete in dem, was als der “tödlichste Angriff auf eine jüdische Gemeinde in der US-Geschichte” bezeichnet wird.

Die Tat vom Samstag wird von den Behörden als Hassverbrechen eingestuft. Fakt ist aber: Die menschenverachtende Haltung von Robert B. war die gleiche wie bei Cesar S. und Gregory B. Ihr Hass war blind – und sie erhielten stillschweigende Unterstützung durch die gewalttätige Rhetorik, der sich US-Präsident Trump nahezu tagtäglich bedient. Und das seit Beginn seines Wahlkampfes im Sommer 2015 und noch mehr seit der Amtsübernahme im Januar 2017.

Überraschend ist allerdings, dass sich ausufernde Gewalttaten gegen anders denkende und anders aussehende Menschen in der letzten Woche derart gehäuft haben. Die vergangenen Tage haben gezeigt, wie bedrohlich stark die rechtsextreme, gewaltaffine Gemeinschaft ist – und traurigerweise auch, wozu Teile der US-Gesellschaft fähig sind.  

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag der US-HuffPost. Er wurde mit zusätzlichen Material von dpa und weiteren Quellen ergänzt.