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13/03/2018 13:14 CET | Aktualisiert 13/03/2018 14:21 CET

US-Professorin: Warum wir dringend mehr Frauen in der Wirtschaft brauchen

Sie haben eine andere Perspektive als Männer.

Sidekick via Getty Images
Eine weibliche Professorin: in Wirtschaftswissenschaften eine Seltenheit.
  • Die Wirtschaft und die Wirtschaftspolitik werden von Männern dominiert
  • Dabei wäre es wichtig, Frauen stärker einzubeziehen: Studien zeigen, dass sie viele entscheidende Fragen anders angehen

Frauen sind in der Wirtschaft kaum vertreten.

Das Ausmaß des Problems zeigt sich schon an den Universitäten: An den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten von US-Universitäten sind nur 14 Prozent der Professorenstellen von Frauen besetzt.

Nur 35 Prozent der in Wirtschaftswissenschaften Promovierenden sind Frauen. Im Gegensatz dazu besetzen in den meisten sozialwissenschaftlichen Fächern Frauen typischerweise mehr als 60 Prozent der Doktorandenstellen. 

In manchen Fächern im Bereich Naturwissenschaften oder Technik sind Frauen inzwischen bedeutend stärker vertreten. Das gilt jedoch nicht für die Wirtschaftswissenschaften.

►  Zahlen belegen, dass der Anteil an Frauen dort seit 2000 kaum gestiegen ist.

Aber warum ist das überhaupt wichtig?

Würden wir mehr über die weltweiten sozialen Auswirkungen des Klimawandels oder Gründe und Lösungen für geschlechtsspezifische Lohnunterschiede wissen, wenn Frauen in der Wirtschaft stärker vertreten wären?

►  Würden die Antworten auf manche politischen Fragen anders ausfallen, wenn es mehr Wirtschaftswissenschaftlerinnen gäbe?

Wirtschaftswissenschaftlerinnen sehen die Welt anders als Wirtschaftswissenschaftler

Diejenigen, die sich für eine Gleichbehandlung der Geschlechter aussprechen, sind der Meinung, dass Wirtschaftswissenschaftlerinnen dringend miteinbezogen werden müssen, wenn wissenschaftliche Studien durchgeführt oder politische Inhalte debattiert werden.

► Denn sie bringen eine andere Perspektive ein als Männer. 

Doch stimmt das wirklich? Ich bin selbst Wirtschaftswissenschaftlerin und habe gemeinsam mit meinen Co-Autorinnen beschlossen, die These zu prüfen.

► Unsere Ergebnisse zeigen eindeutig: Die Sichtweisen von Wirtschaftswissenschaftlerinnen im Vergleich mit ähnlich ausgebildeten Wirtschaftswissenschaftlern unterscheiden sich klar.

Und das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für die Europäische Union.

►  So sprechen sich Wirtschaftswissenschaftlerinnen beispielsweise eher dafür aus, dass die Regierung ein Problem löst und nicht der Markt.

Männliche Wirtschaftswissenschaftler zeigen eine größere Bereitschaft, sich auf Märkte zu verlassen und erachten ein Eingreifen von außen, also durch den Staat, als eher problematisch.

Die Männerdominanz erschwert Frauen ihre Arbeit

Diese unterschiedlichen Sichtweisen zeigten sich in zahlreichen Politikbereichen – sei es bei Schutz von Nationalparks, bei der Frage, inwieweit sich der Arbeitgeber um die Krankenversicherung seiner Angestellten kümmern muss oder beim Thema Einkommensungleichheit.

► Nicht sonderlich überraschend ist, dass sich auch die Sichtweisen bezüglich der Gleichstellung von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt unterschieden.

Männer führen die Einkommensunterschiede vor allem auf Qualifikationen und Selbstentscheidungen zurück. Frauen hingegen sehen den Grund dafür eher in ungleichen Chancen und Möglichkeiten. 

Wenn die meisten Professorenstellen von Männern besetzt sind (und das ist so), könnten es junge Akademikerinnen schwerer haben, Wertschätzung für ihre Forschungsarbeit zu bekommen. 

Mehr zum Thema: Frauen sind geborene Führungskräfte

Wenn die Zahl der männlichen Chefredakteure bei wissenschaftlichen Fachmagazinen aus dem Bereich Wirtschaft die der Frauen deutlich überwiegt (und das ist so), dann ist es fast logisch, warum die Arbeit von Frauen teilweise sechs Monate länger geprüft wird, bevor es zu einer Veröffentlichung kommt. Das hat die Wirtschaftsprofessorin Erin Hengel bei einigen Top-Fachmagazinen nachgewiesen.

Dieses Ungleichgewicht könnte auch der Grund dafür sein, warum die Forschungsthemen von Wirtschaftswissenschaftlerinnen bei diesen Redakteuren keinen Anklang finden.

Geschlechterverteilung hat Einfluss auf Entscheidungen in Wirtschaft und Politik

► Viel wichtiger ist vielleicht noch, dass wir jetzt auch verstehen, welchen Einfluss das Geschlechterungleichgewicht in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung auf Entscheidungen in der Wirtschaft hat.

Auch wenn es viele Hürden gibt, mögen manche überzeugt sein, dass es im Laufe der Zeit immer mehr Frauen in die Wirtschaft schaffen, während gleichzeitig die junge, männliche Generation der Wirtschaftswissenschaftler offener für Diversität wird.

►  Wahrscheinlich ist das aber nicht.

Warum, zeigt das Beispiel der Economics Job Market Rumors, einer Jobbörse für Wirtschaftswissenschaftler.

Alice Wu von der Princeton University hat die Webseite analysiert und dabei festgestellt, dass einige der Vorurteile, die zum geschlechtsspezifischen Ungleichgewicht in den Wirtschaftswissenschaften beigetragen haben, unter Berufseinsteigern der Branche immer noch weit verbreitet sind.

Wu hat sich mehr als eine Million anonymer Online-Postings angesehen. Was sie dabei entdeckt hat, zeichnet ein verstörendes Bild der Einstellungen, die sich offenbar an einigen Stellen in der Branche hartnäckig halten.

Viele leiden unter der Frauenfeindlichkeit der Branche

Während die User Männer mit Worten beschreiben, die in Zusammenhang mit ihrer Ausbildung oder ihrem Beruf stehen, wie “Berater” oder “Mathematiker”, beschreiben die User Frauen mit Worten, die in Zusammenhang mit ihrem Aussehen stehen, wie “heiß” oder “umwerfend”. 

Diese Einstellungen treffen viele Frauen in der Wirtschaft. Solche, die bereits in der Branche Fuß gefasst haben, aber auch junge Akademikerinnen, die eine Karriere dort anstreben. 

► Der Verwaltungsrat der American Economic Association - einer der größten Vereinigungen von Wirtschaftswissenschaftlern weltweit - hat im Januar auf Wu’s Analyse reagiert und überlegt sich Maßnahmen, um gegen den respektlosen Umgang vorzugehen.

Mehr zum Thema: Brauchen wir auch einen “Equal Invest Day”?

Es ist an der Zeit, dass führende Köpfe in der Branche und Wirtschaftswissenschaftler auf der ganzen Welt die zahlreichen Faktoren, die zur Geschlechterungleichheit geführt haben, ernst nehmen und konstruktiv dagegen vorgehen.

Die Branche muss verstehen, dass dahinter ein systematisches Problem steckt, das sich nicht von alleine löst.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas bearbeitet. 

(ujo)