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07/06/2018 18:16 CEST | Aktualisiert 07/06/2018 18:19 CEST

US-Bürgermeister verschenkt Geld an Bürger, um Armut zu bekämpfen

“Ich glaube, so etwas könnte dem Großteil der Amerikaner helfen.”

Jane Ross / Reuters
Bürgermeister Michael Tubbs will die Armut in seiner Stadt bekämpfen.
  • Stockton in Kalifornien zählt zu den ärmsten Städten der USA.
  • Der junge Bürgermeister will mit einem Grundeinkommens-Experiment dagegen vorgehen.

Michael Tubbs ist ein Überflieger. Er kommt aus armen Verhältnissen. Bis er sechs Jahre alt war, bezog seine Mutter Sozialhilfe. Später hat er in Stanford studiert, ein Praktikum im Weißen Haus gemacht.

Doch dann hat es ihn zurück zu seinen Wurzeln gezogen, in seine Heimatstadt: Stockton in Kalifornien. Dort ist er der heute 27-Jährige seit 2016 Bürgermeister – und hat einiges zu tun.

Die 300.000-Einwohner-Stadt zählt zu den gefährlichsten und ärmsten Städten der USA. Etwa jeder vierte Bürger lebt in Armut. Geschätzt 1500 Menschen sind obdachlos und leben auf der Straße. 

Laut einer Studie des Washingtoner Think Tanks “Economic Innovation Group”, liegt Stockton vor dem Hintergrund von Indikatoren wie der Zahl der High-School-Abschlüsse, Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnotstand auf Platz acht der “Not leidendsten” Großstädte der USA.

► Dagegen will Tubbs dringend etwas tun und wagt ein Experiment.

500 US-Dollar im Monat gegen Armut

Ab 2019 will er für die Dauer von 18 Monaten einer auserwählten Gruppe an Familien 500 US-Dollar zahlen – quasi eine Art bedingungsloses Grundeinkommen.

Stockton wird die erste Stadt in den USA sein, in der ein solches Experiment durchgeführt wird. “Ich glaube, so etwas könnte dem Großteil der Amerikaner helfen”, sagte Tubbs der “Washington Post”.

Und deshalb sei er stolz, das in Stockton auszuprobieren, “wo viele Menschen so hart arbeiten wie meine Mutter, aber möglicherweise nicht genug Geld für schlechte Zeiten oder ihre Rente oder Ähnliches beiseite legen können”.

Wie erfolgreich das Experiment verlaufen wird, ist unklar. Aber der junge Bürgermeister hofft, nach den eineinhalb Jahren einige Fragen beantworten zu können.

► Was machen die Menschen mit dem Geld? Und wie beeinflussen ihre Entscheidungen andere Ergebnisse/ Erfolge (outcomes)?

Wer genau das Geld bekommen wird, ist noch offen. Aber Tubbs will es am liebsten Menschen geben, die arbeiten, aber dennoch am Existenzminimum leben. 

Wer verdient was und was bedeutet ‘verdienen’ überhaupt?

Die Kosten von einer Million US-Dollar werden vom “Economic Security Project” getragen, einer Wohltätigkeitsorganisation, der auch Chris Hughes, Mitgründer von Facebook, angehört.

Experimente mit einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) gibt es seit einigen Jahren auf der ganzen Welt. In Finnland hatten 2000 Menschen im Jahr 2017 monatlich 560 Euro bekommen, auch in der Schweizer Gemeinde Rheinau wird ab 2019 ein Grundeinkommen getestet.

Bereits 2015 sagte Telekom-Chef Timotheus Höttges der “Zeit”, dass er ein bedingungsloses Grundeinkommen als die einzige Möglichkeit sehe, ein faires System für eine Welt von morgen zu schaffen.

► Befürworter argumentieren, dass ein BGE Sozialhilfe- und Verwaltungskosten senken und Armut mindern könne.

► Kritiker befürchten, dass ein Grundeinkommen teuer sei und dafür sorge, dass die Leistungsmotivation und Arbeitsbereitschaft der Menschen sinke.

Das erste Fazit in Finnland allerdings war: Die Bezieher sind motivierter, weniger gestresst und zufriedener.

“In diesem Land müssen wir uns darüber unterhalten, wer was verdient und was ‘verdienen’ genau bedeutet. Warum auch immer, aber wenn wir über das soziale Sicherheitsnetz sprechen, geht unser Blick nicht in Richtung der Leute, die hart arbeiten, wie ein Alleinerziehender, der bei Walmart arbeitet. Unser Blick fällt immer auf jemanden, der Drogen konsumiert”, sagt Tubbs der “Washington Post”.

Gegen diese Vorurteile will der 27-Jährige vorgehen.

Armut kann jeden treffen, auch “die Mutter, die in der Lage war, für die Kinderbetreuung zu zahlen, den Studenten, der aufs Community College gehen konnte, das Paar mit Kreditkartenschulden”.

(jds)