POLITIK
07/06/2018 09:15 CEST | Aktualisiert 07/06/2018 16:15 CEST

"Unterwerfung" und "Maischberger": Islamfeindlicher ARD-Quatsch nur noch peinlich

Die Berichterstattung verkommt zur Farce.

Screenshot
Eine Szene aus dem ARD-Film "Unterwerfung" sowie eine aus der Sendung "Maischberger". 

Im Ernst: Was wollte die ARD eigentlich am Mittwochabend rund um die Ausstrahlung des Films “Unterwerfung“ mit ihrem stümperhaft produzierten Rahmenprogramm erreichen?

War das schon offen weggesendete Islamfeindlichkeit? Oder einfach nur der krachend gescheiterte Versuch, die angeblichen “Sorgen der Bürger“ ernst zu nehmen?

Nur eines ist wohl sicher: Kaum einer der beteiligten Fernsehredakteure dürfte das gleichnamige Buch von Michel Houellebecq gelesen haben. Sonst wäre nicht den ganzen Abend auf allen ARD-Medien so ein Alarm gewesen.

Houllebecqs “Unterwerfung” ist Satire auf Frankreichs akademische Linke

► Die Geschichte von “Unterwerfung“ spielt im Jahr 2022. Ein Hochschullehrer namens Francois, dessen vorrangiger Lebensinhalt der Sex mit wechselnden Studentinnen ist, erlebt den Wahlsieg der von linken Kräften unterstützten Muslimbruderschaft bei der Präsidentschaftswahl. Doch das interessiert ihn nicht.

Ebenso wie seine eigene Doktorarbeit, an die er sich nicht mehr konkret erinnern kann. Er nimmt es klaglos hin, dass er von den neuen Herrschern frühpensioniert wird und bestellt sich tags darauf eine marokkanische Prostituierte.

Später geht er in ein Kloster, wo er jedoch nicht nach Gott sucht, sondern am Ende nur darüber klagt, dass er nicht rauchen darf. Als ihn der Präsident der neuen islamischen Universität zur Konvertierung und damit zur Rückkehr auf seinen alten Arbeitsplatz bekehren will, besäuft sich Francois auf dessen Couch am Wein.

► Seinen möglichen Übertritt zum Islam stellt er sich zum Schluss in schillernden Farben vor – und erfreut sich dann an der Aussicht, dass er die nunmehr verschleierten Studentinnen begatten könnte.

Es liegt sehr nahe, dass Houellebecqs Buch keine Utopie von einer muslimischen Machtergreifung ist, sondern eine Satire auf die akademische Linke in Frankreich, deren Antifaschismus vor lauter Individualismus zur Farce verkommen ist.

ARD-Berichterstattung verkommt zur Farce

Dass dieses Buch als Warnung vor einer tatsächlichen Islamisierung gelesen wird, kann bei ehrlicher Betrachtung nur daran liegen, dass das Werk am 7. Januar 2015 erschienen ist – dem Tag des Terroranschlags auf die Satirezeitung “Charlie Hebdo“.

Die ARD jedoch hat sich entblödet, einen Online-Faktencheck zu veröffentlichen: “Wie realistisch ist eine ‚Unterwerfung’?“, so der Titel. Und mit verblüffender Ernsthaftigkeit wird darin das Szenario einer muslimischen Machtübernahme unter die Lupe genommen.

Ergebnis, oh Wunder: Das alles wäre ungefähr so wahrscheinlich die der Champions-League-Titel für dem Hamburger Sportverein im Jahr 2019.

Kein Wunder, sind in Deutschland doch nur anderthalb Millionen Muslime wahlberechtigt. Selbst wenn man diesen Menschen maximale Bösartigkeit unterstellt, reicht es nicht für ein Angstszenario.

ARD-Film weist schwere Mängel auf

Der Film selbst ist recht unterhaltsam geraten. Und er bietet auch gute Momente, in denen islamfeindliche Klischees aufs Korn genommen werden.

Hauptdarsteller Edgar Selge, der einerseits sich selbst bei einer Theateraufführung vom “Unterwerfung“ spielt, und andererseits die Rolle des “Francois“, stellt den schwanzgesteuerten Akademiker-Schluffi mit wohltuender Ironie dar.

► Aber auch der Film hat Schwächen. Vor allem dort, wo sie auch das Buch hat.

Wenn man etwa den Roman tatsächlich schon als finstere Utopie liest, dann ist der schwächste Teil die Beschreibung der vermeintlichen Islamisierung Frankreichs.

Warum etwa sollte ein Kandidat des gemäßigten Islam im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl mehr als dreimal so viele Stimmen auf sich vereinigen, wie es in Frankreich Muslime gibt? Und das, während der Front National so erfolgreich polarisiert, dass seine Kandidatin das Feld anführt? Das bleibt im Buch eher rätselhaft.

Den möglichen Aufstieg eines Politikers wie Emmanuel Macron hatte Houellebecq bei der Abgabe seines Werkes im Jahr 2014 erst gar nicht auf dem Schirm, ebenso wie die Implosion der Sozialistischen Partei bei den Wahlen von 2017.

Auch der Film weist an dieser Stelle schwere Produktionsfehler auf. Das kommt daher, dass er sich zum Teil an den Buchtext von Houellebecq hält, und zum Teil das Szenario aktualisiert.

Einerseits sagt Edgar Selge als Sprecher auf der Bühne, den Worten des Romans folgend, dass die Muslimbruderschaft in den Umfragen für den ersten Wahlgang nur knapp hinter den regierenden Sozialisten liege.

Andererseits unterhält sich Selge in seiner Rolle als Francois mit einer Uni-Kollegin – abweichend von der Romanvorlage - bereits in der darauffolgenden Szene darüber, dass liberale Präsident Macron auf Platz zwei liegt und am Ende wohl die Wahl gewinne.

Hier wollte man wohl den Zuschauern mit einem aktualisierten Bezug das Schaudern ein wenig realistischer gestalten. Ein peinliches Missgeschick seitens der Drehbuchautoren.

“Maischberger”-Talkrunde verliert sich in Belanglosigkeiten und Geplärre

Absolut erbärmlich geriet dann die anschließende Sendung mit Sandra Maischberger

Die einstmals hoch geschätzte ARD-Journalistin ist schon seit einiger Zeit auf ihrem Sender eher für die Sarrazinierung des Abendfernsehens zuständig. Im Netz kursiert eine Liste mit ausgewählten Themen ihrer Sendung – ja, es gab im Ersten tatsächlich schon Talkshows mit Titeln wie “Beethoven oder Burka“ und “Feindbild Islam“.

Am Mittwoch war das Thema: “Die Islamdebatte – Wo endet die Toleranz?“. Maischberger nennt den Film gleich zu Beginn eine “Provokation“und äußert immer wieder implizit Verständnis für die Angst vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands.

Wie kaum anders zu erwarten, geht die Debatte bald in Geplärre unter. Eine Sendung wie eine Gesprächstherapie für eine zutiefst verunsicherte Fernsehnation.

Und wer ist daran schuld? Sicher nicht Michel Houellebecq, liebe ARD.