LIFE
06/12/2018 11:36 CET | Aktualisiert 06/12/2018 16:26 CET

"Meinen Gendefekt haben nur etwa 0,05 Prozent der Menschen – ich liebe ihn"

Als ich 13 war, fiel mir auf, dass ich anders war.

Alexander Spatari via Getty Images

“Welchen Buchstaben hat deine Lieblingsfarbe?”

Obwohl ich meinem Freund eine ganz normale Frage gestellt hatte, sah er mich plötzlich vollkommen verwirrt an.

“Komm schon, jeder hat doch einen Favoriten. Meiner ist das A, weil es leuchtend rot ist.” Mein Versuch, doch noch eine Antwort aus ihm herauszubekommen, schien meinen Freund noch mehr zu verwirren.

“Was zur Hölle redest du denn da?”, fuhr er mich schließlich an. Ich war dreizehn Jahre alt, als mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich die Welt auf eine andere Weise wahrzunehmen schien als die meisten Menschen. Mein ganzes Leben lang war ich fest davon ausgegangen, dass Buchstaben und Zahlen ihre eigenen Farben hatten. Ich dachte auch nicht, dass dies eine Frage der individuellen Wahrnehmung sein könnte, sondern dass es einfach eine allgemeine Tatsache des Lebens war.

Ich merkte, dass mein Gehirn mir Streiche spielte

Ein A war rot, ein B blau, ein C gelb und so weiter. Manche Wörter “sahen” auch besser aus als andere. Das Wort “Harmonie” mit seiner Mischung aus purpurroten, grünen und goldenen Tönen fand ich zum Beispiel besonders ästhetisch. “Violett” mit seiner Mischung aus braunen und weinroten Tönen empfand ich hingegen als besonders hässlich.

Die alberne Unterhaltung mit meinem Schulfreund öffnete mir jedoch die Augen und mir wurde klar, dass Buchstaben und Zahlen keine Farben haben. Dass Wörter nicht von Natur aus schön oder hässlich sein können. Ich lernte, dass es sich bei diesen Wahrnehmungen lediglich um Streiche handelte, die mein Gehirn mir spielte.

Bei meiner Suche im Internet fand ich schnell heraus, dass all dies sogar einen Namen hatte: man nennt es Synästhesie. Synästhesie ist ein neurologisches Phänomen, bei dem bestimmte Impulse – die unter anderem visuell, auditiv
oder körperlich sein können – unverbundene Sinne aktivieren. Die bekannteste Form, die ich auch selbst habe, ist die Graphem-Farb-Synästhesie. Sie führt dazu, dass man Wörter und Zahlen in verschiedenen Farbtönen wahrnimmt.

Manche spüren sogar die Schmerzen des Anderen

Es gibt noch viele andere Arten von Synästhesie. Zu den seltensten gehören die “Mirror-Touch-Synästhesie”, bei der man genau dasselbe “fühlt”, was man bei jemand anderem sieht. Man spürt also beispielsweise einen Schmerz, wenn jemand anderem gegen das Bein getreten wird.

Eine weitere seltene Form ist die “lexikalisch-geschmackliche Synästhesie”, bei der man Worte “schmecken” kann. Zur Häufigkeit von Synästhesie gibt es vollkommen unterschiedliche Schätzungen, die von 0,05 Prozent bis hin
zu 25 Prozent reichen. Die letztere Zahl gilt allerdings als extrem überschätzt, da aktuelle Studien die tatsächliche Häufigkeit zwischen einem und vier Prozent einschätzen.

Fakt ist jedoch, dass Synästhesie lediglich bei einer Minderheit der weltweiten Bevölkerung vorkommt.

Anderen zu erklären, wie Synästhesie sich anfühlt, ist schwierig. Es ist so, als würde ich alles auf zwei verschiedenen Ebenen wahrnehmen. Einerseits kann ich objektiv sehen, dass alle Buchstaben in Schwarz gedruckt sind, weil meine Augen ganz normal funktionieren.

Andererseits hat jeder Buchstabe und jede Zahl in meiner Wahrnehmung auch noch eine zweite Farbe, eine “geistige” Farbe sozusagen. Wörter und Zahlen
sind wie “farbige Konzepte”, wenn man so will. Ihre Existenz lässt sich vielleicht nur mit Platons idealen Formen vergleichen.

Klänge erzeugen bei mir Bilder

Während bei mir vor allem die Graphem-Farb-Synästhesie ausgeprägt ist, kann ich auch eine musikalische Synästhesie wahrnehmen. Bestimmte Klänge erzeugen bei mir beispielsweise ganz bestimmte Bilder.

Wenn ich Violinen in klassischen Kompositionen höre, sehe ich meist rauschende Bäche vor mir. Bei elektronischer Tanzmusik mit ihren hart klingenden 4/4-Takten hingegen stelle ich mir vor, ich würde durch einen Säulengang aus Betonpfeilern fahren. Es gibt jedoch noch viele andere Formen von Synästhesie, die ich gar nicht wahrnehmen kann.

Manche Synästheten können beispielsweise den “Geschmack” eines Gespräches benennen, weil sie bestimmte Töne mit einer gewissen Konsistenz verbinden. Synästhesie kann aber auch negativere Auswirkungen haben.

Das ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand die körperlichen Schmerzen “fühlen” kann, die er im echten Leben oder im Fernsehen bei anderen beobachtet. Ich verfüge über keine dieser beiden Unterarten. Das beweist, dass Synästhesie in ihrer relativen Seltenheit ein vollkommen unterschiedlich ausgeprägtes und facettenreiches Phänomen ist.

Es ist der Ursprung meiner Kreativität

In gewisser Hinsicht kann das also bedeuten, dass zwei Menschen feststellen, dass sie nur sehr wenig oder vielleicht auch gar nichts gemeinsam haben, obwohl sie beide Synästheten sind. Seit ich herausgefunden habe, dass das, was ich immer als normalen Teil des Lebens betrachtet hatte, in Wahrheit ein neurologisches Phänomen ist, interessiere ich mich für die verschiedenen Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden.

Die ersten Studien fanden vor allem zu Beginn der 1980er-Jahre mit der Einführung von MRTs statt. Durch meine Synästhesie habe ich viel mehr über mich selbst herausgefunden, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Ich war schon immer ein sehr kreativer Mensch.

Seit ich 12 Jahre alt bin, schreibe ich Gedichte, Geschichten und Lieder. Und ich habe bereits mit sechs Jahren angefangen, Geige zu spielen. Außerdem ist mein Schlafzimmerschrank bis zum Rand vollgestopft mit unzähligen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Städten und Landschaften, die ich als kleiner Junge gemalt habe.

Mein momentanes Ziel ist es, als professioneller Songwriter Fuß zu fassen und Platten aufzunehmen. Seit vergangenem Jahr arbeite ich mit verschiedenen Produzenten an meinen Demos, weil ich gerne in der Musikindustrie
arbeiten möchte.

Synästhesie ist vererbbar – in meiner Familie hat es keiner

Mir war bis vor kurzem nicht klar, dass es einen Zusammenhang zwischen Synästhesie und Kreativität gibt. Dieser Zusammenhang wird sogar von Wissenschaftlern bestätigt, obwohl es einige Vorbehalte im Bezug auf die evolutionäre Bedeutung dieser Beziehung gibt. Da man davon ausgeht, dass Synästhesie größtenteils vererbbar ist, kann man bei mir wohl tatsächlich sagen, dass mir die Kunst in den Genen liegt.

Das ist in meinem Fall keine sonderlich große Überraschung. Denn meine Familie ist vor allem von meiner mütterlichen Seite her ganz allgemein sehr künstlerisch veranlagt. Meine norditalienische Großmutter ist Malerin. Und mein
Urgroßonkel gehörte zu dem Team, das die kunstvolle Decke des Teatro alla Scala nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg restauriert hat.

Die Vermutung, dass ich die Synästhesie von meiner Mutter geerbt habe,
deckt sich wohl auch mit der Theorie, dass die Übertragung bei Männern wie mir meist von der mütterlichen Seite stammt.

Dennoch blieb meine Suche nach dem Ursprung meiner Synästhesie innerhalb meiner Familie bisher erfolglos. Denn weder meine Mutter, noch meine Großeltern mütterlicherseits oder andere lebende Verwandte, die ich gefragt habe, zeigen irgendwelche Merkmale von Synästhesie. Ich habe meine Synästhesie also entweder von einem entfernten Verwandten geerbt, oder ich habe sie aufgrund von Umwelteinflüssen entwickelt.

Wenn man jedoch bedenkt, dass ich mich schon seit meiner frühesten Kindheit an “farbige Buchstaben und Zahlen” erinnern kann, scheint die erstere Theorie überzeugender zu sein. Auch wenn die Entstehung von Synästhesie schwer nachvollziehbar ist, habe ich dadurch die unverhoffte Gelegenheit gewonnen, mehr über meine Familie und mich selbst herauszufinden.

Die meisten von uns arbeiten in kreativen Berufen

Ich habe gerade erst mein Studium abgeschlossen und bewege mich allmählich auf die gefürchtete Quarterlife-Crisis zu, in der junge Menschen sich fragen, was denn ihr “wirklicher” Weg im Leben ist. Und gerade deshalb ist es für einen angehenden Künstler wie mich irgendwie beruhigend zu wissen, dass ungefähr ein Viertel aller Synästheten in kreativen Bereichen arbeitet.

Zu den bekanntesten unter ihnen zählen Franz Lizst, David Hockney, Izthak
Perlman, Charli XCX und viele andere. Ich vergesse oft, dass ich Synästhesie habe. Doch manchmal frage ich, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich sie nicht hätte.

Ich habe es immer für selbstverständlich gehalten, wie viel Farbe und Lebendigkeit ich wahrnehme, ohne mir überhaupt bewusst darüber zu sein. Obwohl Synästhesie keine besonderen Auswirkungen zu haben scheint, frage ich mich manchmal, ob mein Leben auch ohne diesen Zustand genauso wäre, wie es jetzt ist.

Macke, Begabung oder Fluch?

Zum Teil habe ich meine starke Begeisterung für Schriftstellerei und Musik auch den komplexen Bildern und Farbmustern zu verdanken, die diese beiden Kunstformen in meinem Kopf auslösen.

Wer weiß, ob ich überhaupt eine dieser beiden Künste zu meinem Lebensziel gemacht hätte, wenn ich keine Synästhesie hätte. Natürlich bedeutet meine Synästhesie auch, dass ich manchmal ein wenig mehr Zeit darauf verwende, mir über bestimmte Dinge den Kopf zu zerbrechen, die Nicht-Synästheten gar nicht erst in den Sinn kommen würden.

So frage ich mich beispielsweise manchmal, ob ein Wort in einen Satz passt. Und vor allem, ob dieses Wort neben den anderen Wörtern gut “aussieht”. Oder ob ein bestimmter Takt neben dem Klavier “gut aussieht.” Ich muss auch zugeben, dass meine Synästhesie mir während meines Studiums sehr geholfen hat, weil ich mir Daten und Fakten auch ohne Eselsbrücken oder Tricks leicht merken konnte.

Ob man es nun als Macke, Begabung oder Fluch bezeichnet: Ich weiß mein Leben in seinen bunten Farbtönen inzwischen sehr zu schätzen. Und ich würde es um nichts in der Welt eintauschen wollen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.