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21/08/2018 14:18 CEST | Aktualisiert 21/08/2018 14:18 CEST

Unser verrücktes Gehirn

Wer sich das Gehirn als einen Computer vorstellt, liegt falsch. Am besten lässt sich das an unserem Erinnerungssystem, dem Gedächtnis, darlegen. Dieses funktioniert sehr eigenständig und befindet ohne unser Zutun darüber, was wichtige und was unwichtige Informationen sind – aus Gründen, die wir nicht kennen. Ein Computer tut das nicht, sondern speichert Daten und Informationen genau so wie sie eingegeben worden sind. Dazu kommt, dass wir sie, sofern es zu keiner technischen Panne kommt, auch genau so wieder hervorholen können.

Unser Gehirn ist eine Art Netzwerk ohne Chef und funktioniert nach seiner eigenen Logik, die im Dienst unseres Überlebens steht. Um dieses zu gewährleisten, simplifiziert es Vorgänge, überarbeitet Erinnerungen, gaukelt es uns (für uns verständlichen) Sinn vor. Und folgt dabei der „Lieber auf Nummer sicher Gehen“-Regel. Zudem ist es geltungsbedürftig und ichbezogen.

„Alles, was man ist, beruht auf unserem Gehirn, auf dessen Eigenarten, und daher ist ein grosser Teil von dessen Aktivität dem Bemühen gewidmet, einen so gut aussehen und so gut fühlen zu lassen wie möglich“, schreibt Dean Burnett, Neurologe an der Cardiff University in Unser verrücktes Gehirn (C. Bertelsmann, München 2018). Anders gesagt: Unser Gehirn biegt unsere Erinnerungen in einer Weise zurecht, die uns schmeichelt. So treten wir etwa in unseren Erinnerungen meist als Hauptakteure auf, auch wenn wir nur eine Nebenrolle gespielt haben.

Unser Gehirn ist ständig darauf ausgerichtet, potentielle Bedrohungen zu entdecken, erklärt Dean Burnett. Das kann in der heutigen Zeit, wo wir uns nicht mehr in der Wildnis, sondern vor dem Computer aufhalten, Aberglauben und Verschwörungstheorien zur Folge haben. Und zu Phobien führen – „was bedeutet, dass wir von etwas gepeinigt werden, von dem wir wissen, dass es harmlos ist, vor dem wir aber dennoch schreckliche Angst haben.“

Eine weitere Eigenart des Gehirns ist, dass es binär funktioniert und sich ganz automatisch an Extremen ausrichtet. Gut und Schlecht, Hoch und Tief, Schwarz und Weiss – dabei geht oft vergessen, dass die graue Fläche dazwischen, die sich, wenn man genau hinschaut, in unzähligen Schattierungen zeigt, den wesentlich grösseren Raum einnimmt. Dazu kommt, dass es dramatisiert, was oft zu Fehlentscheidungen führt.

Dean Burnett vergleicht unser Gehirn mit einer Festplatte, „die voller veralteter Softwareprogramme und überholter Downloads ist, welche die Grundabläufe behindern“, also für die heutige Zeit eher suboptimal unterwegs ist. So notwendig es für unser Überleben in einer feindlichen, wilden Umgebung gewesen ist, ständig im Gefahr-Modus zu operieren, so unnötig ist es heutzutage, in einem dunklen Schlafzimmer die Schatten an der Wand (die von den dürren Ästen vor dem Fenster stammen) mit einem Geisterwesen zu assoziieren.

Wussten Sie, dass man nur schwer verbergen kann, was man wirklich denkt? Das liegt daran, dass unsere Mimik universell ist. „Es gibt eine leichte kulturelle Variation, doch insgesamt gesehen, ist jeder Mensch in der Lage, einen Gesichtsausdruck zu deuten, gleichgültig, woher er stammt.“ Und wussten Sie, weshalb intelligente Menschen bei einer Auseinandersetzung oft den Kürzeren ziehen? Nun ja, je klüger eine Person ist, desto wahrscheinlicher ist, dass sie zum Zweifeln neigt.

Unser verrücktes Gehirn ist reich an solchen Erkenntnissen. Mit anderen Worten: Eine abwechslungsreiche und informative Einführung in die Neurowissenschaft.