LIFE
08/03/2019 18:33 CET | Aktualisiert 08/03/2019 18:33 CET

Unser blutiges Geheimnis: Warum die Periode immer noch ein Tabu-Thema ist

Nach wie vor sprechen wir immer noch nicht gerne über unsere Menstruation – warum eigentlich nicht?

Brbara Traver Lpez De Ayala / EyeEm via Getty Images
Die Menstruation ist immer noch ein Tabu-Thema.

Als ich klein war, hat meine Mutter ihre Tampons in meinem Beisein gewechselt. Ich stand häufig nur einen Meter von der Toilette entfernt, wenn sie einen blutigen Wattepfropfen hervorzog, im Toilettenpapier eingewickelt im Müll entsorgte und kurz darauf einen frischen Tampon auspackte.

Das war nicht eklig. Das war normal. Mit fünf Jahren war mir bewusst: Frauen bluten einmal im Monat, die meisten zumindest. Punkt.

Diese Selbstverständlichkeit, die die Menstruation für mich hatte, ging zunehmend verloren, je älter ich wurde. Mit elf Jahren bekam ich selbst zum ersten Mal meine Tage – als erste in meiner Schulklasse. Als ich zum ersten Mal von meiner Periode im Schulunterricht überrascht wurde und meine Freundinnen nach einer Binde fragen musste, war das unwahrscheinlich peinlich.

Ein Mädchen rannte freudig entsetzt durch den Raum und schrie allen Kindern entgegen: “Agatha hat ihre Tage – jetzt schon!”

Ich würde nicht lauthals im Büro nach einem Tampon fragen

Wir waren damals natürlich Kinder, und Kindern ist vieles peinlich. Würde ich allerdings heutzutage in einer ähnlichen Situation durchs Büro rufen: “Ich hab meine Tage bekommen – hat jemand ’nen Tampon für mich?”

Nein.

Wenn ich mir meinen schmerzenden Unterleib halte und jemand (vor allem ein Mann) fragen würde, was los ist – würde ich dann sagen: “Ich hab meine Tage?”

Möglicherweise nicht.

Warum nicht? Weil’s peinlich ist, unangenehm, eklig, unhygienisch; weil ich mich dann als zu offen, zu ungehemmt, oder zu emotional oute – schließlich sind menstruierende Frauen ja besonders zickig oder hysterisch. Um die Menstruation kreisen viele Vorurteile und Mythen.

Warum ist das so? Warum ist ein so simpler körperlicher Vorgang immer noch so stark negativ besetzt? Um der Frage nach dem Tabu der Menstruation auf den Grund zu gehen, hat die HuffPost Expertinnen befragt, warum wir vor monatlich-blutigen Tatsachen zurückschrecken und was sich ändern muss, um unsere Scham abzulegen.

“Die Menstruation spielt sich im Verborgenen ab”

“Die Menstruation spielt sich im Verborgenen ab – und das ist erstaunlich, schließlich betrifft sie die Hälfte der Weltbevölkerung”, sagt Dr. Yael Adler. Die Dermatologin und Bestseller-Autorin hat sich in ihrem Buch “Darüber spricht man nicht” damit beschäftigt, warum uns sämtliche körperliche Vorgänge, seien es Verdauungsgeräusche oder Ausscheidungen, peinlich sind.

Laut Adler haben Untersuchungen gezeigt, dass es den meisten Frauen unangenehm ist, über ihre Menstruation zu sprechen – das beweist zum Beispiel eine Umfrage in Österreich: Dort gaben 60 Prozent der befragten Mädchen zwischen 13 und 17 an, dass ihnen die Periode peinlich sei. Adler sieht die Begründung für die Scham offenbar in dem negativen Image der monatlichen Blutung: “Die Periode gilt allgemein als eklig, unhygienisch und unsexy und es herrschen eine Menge Mythen, Vorurteile und Stigmata rund um die Menstruation.”

Dass die Periode unter einem negativen Image leidet, ist teilweise verständlich – das weiß jede Frau, die schon einmal ihre Tage hatte. Viele von uns leiden nicht nur an Schmerzen in Bauch, Rücken oder Kopf, sondern auch Stimmungsschwankungen oder schlechter Laune. Einige meiner Freundinnen sind auf die Anti-Baby-Pille angewiesen, die Menstruationskrämpfe abschwächt und so deren Periode überhaupt erst erträglich macht.

Andere weinen Tage vor ihrer Menstruation scheinbar grundlos oder reagieren selbst bei Kleinigkeiten über. Und wenn die Menstruation zum negativen Erlebnis wird, sprechen wir selbstverständlich nicht so gerne darüber. 

Die Periode wird oft negativ wahrgenommen

Auch die Gynäkologin und Autorin der Buchs “Unverschämt – Alles über den fabelhaften weiblichen Körpers” Dr. Sheila de Liz sagt im Gespräch mit der HuffPost: “Natürlich freuen wir uns nicht immer über unsere Tage. Wer hat sich nicht sich schon mal die Lieblings-Unterwäsche ruiniert, wurde kurz vor einem Date von der Blutung überrascht oder beim Strandurlaub?”

Gerade solche Erlebnisse sind natürlich nicht nur unangenehm, sondern auch peinlich und werden gerne mal verschwiegen. Schließlich ist Periodenblut in seiner Bedeutung anders besetzt als Blut, das zum Beispiel aus einer simplen Schnittwunde oder beim Nasenbluten austritt. Wir bluten an einer intimen, versteckten Stelle. 

Dass beim Thema Periode Schamgefühle aufkommen, findet Daniela Huber von pro familia München deswegen ganz normal – schließlich geht man mit Körperflüssigkeiten allgemein auch sensibel um, meint die Sozialpädagogin. “Außerdem hat die Menstruation auch mit Sexualität zu tun, vielen ist es dann zu intim, offen darüber zu sprechen”, sagt Huber.

Im Schulunterricht zum Beispiel klären Huber und ihr Team Jugendliche über Sexualität und körperliche Themen auf – dabei stellt sie immer wieder fest, dass in der Schule oftmals keine besonders praxisnahe Körperaufklärung stattfindet. “Auch sitzen in der Regel Mädchen und Jungen gemischt in einer Klasse, dann geht man vielleicht nicht so detailliert auf ein spezifisches Thema wie die Menstruation ein.”

Gerade bei Männern herrscht viel Unwissen über die Menstruation

Aber braucht es das wirklich – getrennten Aufklärungsunterricht für Mädchen und Jungen, um das Thema zugänglicher zu machen? Werden Jungen dann nicht umso stärker von der Menstruation entfremdet, wird die Blutung dann nicht umso stärker tabuisiert?

In meinem Umfeld habe ich immer wieder festgestellt, dass viel Unwissen über die Periode vor allem bei Männern herrscht. Seien es Aussagen zu Stimmungsschwankungen während der Menstruation (ja, viele Frauen haben sie, aber eben nicht jede; und nein, schlechte Laune bedeutet nicht zwangsweise, ich habe meine Tage) – oder Sprüche wie: “Periodenflecken auf der Hose? Das ist ja voll unhygienisch” (naja, manchmal eben nicht vermeidbar – wir Frauen suchen uns das nicht aus).

Auch Adler betont, dass gerade Männer meist sehr wenig über die Menstruation wissen. Sie neigen dazu, das Thema weit von sich fern zu halten: “Obwohl nicht nur Frauen, sondern auch Männer diesem Zyklus der Frau ihr Leben verdanken, schieben sie das Thema weit von sich weg und so entsteht eine Sprachlosigkeit.”

Diese Sprachlosigkeit muss allerdings böse gemeint sein. Natürlich passiert es immer noch, dass Männer menstruierende Frauen als fremd oder gar ekelhaft empfinden. Natürlich gibt es auch Kulturen auf der Welt, die blutende Frauen als unrein abstempeln und während dieser Zeit des Monats systematisch ausgrenzen. Möglicherweise kann das männliche Schweigen über die Periode allerdings auch mit eine Unsicherheit zusammenhängen – eben aufgrund des oftmals vorherrschenden Halbwissens. 

“Möglicherweise fühlen sich Männer von der Periode eingeschüchtert, weil sie sie nicht ganz verstehen”, mutmaßt auch de Liz. Frauen seien aufgrund ihres Zyklus hormonellen Schwankungen unterworfen, die Männer so kennen würden. Dadurch würden wir zum Mysterium für sie.

Obwohl die Menstruation uns alle betrifft, weil alle unsere Leben bedingt durch sie entstanden sind, genießt sie trotzdem kein positives Image: Nach wie vor überwiegen Ekelgefühle vor unseren Körperflüssigkeiten, sei es auch Blut, das nicht zwangsweise peinlich sein muss – es durch seine Verbindung mit dem Intimbereich allerdings genau das wird. Gerade Männer scheinen oftmals keinen Zugang zu dem Thema zu finden – sei es durch mangelnde Aufklärung, Unverständnis oder schlichtweg Vorurteile.

Überwinden können wir die Scham über die Periode, indem wir offen darüber sprechen

Überwinden können wir die Scham allerdings, wie so oft bei Themen, die uns peinlich sind, indem wir offen über die Menstruation sprechen. So fordert auch Adler, dass man Jungen und Mädchen einfach sachlich erklärt, was da mit dem Körper eigentlich passiert:

“Dass die Frau einmal im Monat blutet. Dass das ein hormoneller Prozess ist, bei dem man 60 bis 80 Milliliter Blut verliert. Dass man im Alter von etwa zwölf bis 50 Jahren 400 bis 500 Eisprünge und Perioden abwechselnd erlebt. Dass das Menstruationsblut auch nicht unhygienisch ist: Es besteht aus Wasser, Eiweiß, abgeschilferten Zellen der Gebärmutterschleimhaut, Immunzellen, Vaginalflüssigkeit sowie vaginalen Milchsäurebakterien und natürlich Blut.”

Sachlich erklärt und in seine Einzelteile aufgeschlüsselt verliert das Blut, das aus einer scheinbar doch so geheimen Stelle fließt, seinen mystischen Charakter – sowohl für Frauen als auch für Männer, die diesen körperlichen Vorgang an sich selbst nicht wahrnehmen können.

Auch de Liz versucht Frauen in ihrer Praxis zu vermitteln, dass sie mit ihrer Menstruation einfach ganz normal umgehen und diese neutrale Haltung auch so an ihre Töchter weitergeben sollten: ”Weder ist die Periode ein Fluch, der monatlich über einen hereinbricht, noch ein Grund, eine Party zu schmeißen. Ein entspannter Umgang ist wichtig.”

In diesem Zusammenhang bin ich sehr froh über meine Mutter, die mir einen selbstverständlichen Umgang mit der Monatsblutung beigebracht hat – von klein auf. Die ihre die Periode nicht verteufelt hat, selbst als sie einmal auf einem Spielplatz ihren kompletten Rock vollgeblutet hat. Die meine erste Menstruation nur sachte belächelt und mir dann erklärt hat, wo die Binden lagern und wie man Tampons benutzt. Auch wenn die Periode später in der Schule peinlich wurde und sogar heute teilweise noch ist, weiß ich von ihr, dass ein selbstverständlicher und entspannter Umgang mit der Menstruation möglich ist. 

Jüngere Frauen gehen entspannter mit ihrer Menstruation um

Glücklicherweise lässt sich gerade bei jüngeren Generationen der Trend zu einem offeneren Umgang mit der Periode beobachten. Was ich zum Beispiel noch in meiner Teenie-Zeit erlebte, das Gekicher, die Scham, nach einem Tampon zu fragen, die schrägen Blicke der Jungs – dem müssen sich Mädchen heutzutage vielleicht nicht mehr so stark aussetzen: “Viele Mädchen gehen heutzutage gelassen mit ihrer Periode um, vor allem untereinander”, meint Huber. “Da ist es zum Beispiel kein Problem, sich gegenseitig nach einem Tampon zu fragen.”

Auch de Liz hat beobachtet, dass gerade jüngere Frauen zunehmend die Scham über ihre Periode ablegen. Das zeige zum Beispiel auch die Vielfalt, die heutzutage in Hinblick auf Menstruationsprodukte besteht: “Zu einem entspannteren Umgang mit der Periode tragen auch neue Produkte wie Menstruationshöschen oder -tassen bei. Ich finde diese Entwicklung wichtig, weil sie die Periode aus der Schmuddelecke holt.”

Indem wir nicht nur offen mit unserer Periode umgehen, sondern auch mit den Gefühlen und Vorurteilen, die mit ihr verbunden sind, können wir die Schamgefühle und Vorurteile überwinden. Wir können über diesen körperlichen Vorgang, der so viele Tabus erlebt, sprechen, wir können ihn erklären und entmystifizieren – oder um es mit den Worten von de Liz zusammenzufassen: “Wir holen uns unsere Menstruation zurück.”

(jg)