POLITIK
12/08/2018 11:03 CEST | Aktualisiert 12/08/2018 11:03 CEST

Unruhestifter oder Muster-Muslime? Ein Ortsbesuch bei Uiguren in München

Eine Leben zwischen Integration und Abschottung.

dpa
Teilnehmer eines Protests vor dem Bundeskanzleramt im Juli. Sie demonstrierten  für eine Verbesserung der Situation der Uiguren. 

Ein Zehntel eines Volks interniert, bis zu einem weiteren Fünftel in “politischen Umerziehungslagern” festgesetzt.

Es sind unfassbare Zahlen, die am Freitag veröffentlich worden: Nach Erkenntnissen eines Uno-Menschenrechtsgremiums werden in China mehr als eine Millionen Uiguren in Einrichtungen festgehalten, die geheimen Internierungslagern ähneln.

Laut dem Ausschuss-Mitglied Gay McDougall sollen sich bis zu zwei Millionen weitere Uiguren in Lagern befinden.    

Rund 10 Millionen Menschen gehören dem muslimischen Turkvolk in China an. Sie werden Beobachtern zufolge immer stärker in ihrer Freiheit eingeschränkt und verfolgt. Viele Uiguren haben sich radikalisiert, kämpfen teils mit Gewalt gegen die chinesische Regierung.

Was viele nicht wissen: Eine der weltweit größten Exil-Gemeinden hat eine neue Heimat in München gefunden.

Doch was treibt die Uiguren ausgerechnet in die bayerische Hauptstadt? Und wie leben Sie hier? Ein Ortsbesuch.

München: Die “Exil-Hauptstadt der Uiguren”

Ein kirchlicher Kindergarten auf der rechten, die Freiwillige Feuerwehr auf der linken Straßenseite. Reihenhäuser quetschen sich aneinander, dazwischen lädt der lokale CSU-Ortsverband in einem Aushang zum nächsten Parteitreffen. Oberbayern, Münchner Speckgürtel.

“Es ist schön hier in Karlsfeld, zwischen Stadt und Land zu wohnen”, sagt Enver Can zur Begrüßung. Er trägt eine dunkle Hose, Karohemd, beige Strickjacke und eine Kopfbedeckung, die wie eine Schiffermütze aussieht.

Vor acht Jahren ist der Rentner vom nahen München in den Vorort gezogen.

Eins will der agile 69-Jährige jedoch gleich richtigstellen: “Meine Mütze ist eine Schäpkä, wie sie viele linke Intellektuelle in der Türkei tragen.” Can stammt aus der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang im Nordwesten Chinas.

Er ist einer von etwa 1200 Uiguren in Deutschland, zwischen 600 und 700 leben allein in München. Die Stadt ist ein wichtiges uigurisches Zentrum, die “Welt” nannte die Isar-Metropole deshalb die “Exil-Hauptstadt der Uiguren”.

“Gewalt lehnen wir ab”

Bayern und Xinjiang trennen fast 6.000 Kilometer.

Doch die Region taucht hierzulande immer wieder in Medienberichten auf – zumeist negativ. Denn in regelmäßigen Abständen wird die Provinz von schweren Unruhen und Zusammenstößen erschüttert.

Hintergrund sind Spannungen zwischen der muslimischen Minderheit der Uiguren und den Han-Chinesen, der größten Bevölkerungsgruppe in China.

Das Turkvolk fühlt sich von der chinesischen Zentralregierung unterdrückt, internationale Menschenrechtsgruppen teilen diese Einschätzung.

Umgekehrt wirft Chinas Regierung uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor. Tatsächlich haben sich viele Uiguren radikalisiert, einzelne haben Anschläge ausgeführt. 

Doch geht von den Uiguren in Deutschland eine besondere Gefahr aus?

Eher nicht.

Weder beobachtet der Bayerische Verfassungsschutz deren Exil-Organisationen, noch liegen Erkenntnisse über eine Gefährdung von den hier lebenden Uiguren vor, wie ein Sprecher der Behörde der HuffPost auf Anfrage mitteilte.

Auch Can entgegnet entschieden: “Gewalt lehnen wir ab. Die Geschichte zeigt, dass wir immer sehr liberal und offen waren.” Im Imbiss einer Karlsfelder Metzgerei erzählt er von seiner persönlichen Geschichte, die zum Verständnis beiträgt.

Während sich ein Handwerker am Nachbartisch ein Stück Currywurst in den Mund schiebt, erinnert sich Can an seine – und damit auch die uigurischen – Anfänge in Deutschland. Als einer der ersten Uiguren kam er 1975 nach München.

Marco Fieber / HuffPost
Für das Foto vor seinem Haus in Karlsfeld hat sich Enver Can extra mit seiner traditionellen Kopfbedeckung, der Doppa, ablichten lassen.

Can war mit vier anderen Landsleuten für den uigurischen Dienst des US-finanzierten Hörfunks “Radio Liberty/Radio Free Europe” zuständig. Aus einem Gebäude am Englischen Garten übertrug der Nachrichtensender sein Programm in zig Sprachen für Hörer in den damaligen kommunistischen Ländern, bis hinein nach China. 

Englischkurse bekam er von seinem Arbeitgeber, “Deutsch habe ich auf der Straße gelernt”, sagt der Ex-Journalist schmunzelnd. “Wir Uiguren waren erst zu fünft, dann fünf Familien. So blieb das bis Ende der 1980er Jahre.”

In Deutschland gibt es die Freiheit, die in China fehlt

1991 gründete Can mit einigen Mitstreitern einen Verein, um auf die schlechte Menschenrechtslage der Uiguren aufmerksam zu machen. Es war zugleich die erste uigurische Exil-Organisation. 

“Das Echo auf unsere Arbeit war groß, viele hofften, dass wir helfen konnten.” Dadurch wurden viele Uiguren in China auf die noch kleine Münchner Gruppe aufmerksam. In den 1990er Jahren kamen so schätzungsweise 400 bis 500 Uiguren in die bayerische Landeshauptstadt. 

“Wir haben hier alles”, so Can und zählt auf: “Grillparties, Tanzgruppen, unsere politische Führung und sogar der beste Exil-Satiriker lebt in München.”

Wir haben hier alles: Grillparties, Tanzgruppen, unsere politische Führung und sogar der beste Exil-Satiriker lebt in München. Enver Can

Zu den großen Festen kommen sie alle zusammen, zum Ramadan, zum Opferfest und natürlich zu Nouruz. Bei dem Neujahrs- und Frühlingsfest feiern bisweilen 300 Leute, auch Vertreter der Stadt und politischer Parteien schauen vorbei. Can betont: “Wir sind eine vorbildhafte Gemeinde.”

Nachdem die Bundesregierung die Asylgesetze 1993 verschärfte, sind es nur noch einzelne Uiguren, die es nach Bayern schaffen.

Einer der Wenigen ist Dolkun Isa. Er bat 1996 um Asyl in Deutschland, 10 Jahre später akzeptierten die Behörden sein Gesuch. Isa bekam einen deutschen Pass. Bereits seit 2004 ist er Generalsekretär des Weltkongresses der Uiguren, den er auch mitbegründet hatte. Auch der Kongress hat seinen Sitz in München, er setzt sich nach eigenem Bekunden für Demokratie und Menschenrechte in Xinjiang ein.

Isa sagt: “In China haben wir keine Freiheiten. Die Uiguren, die nach Deutschland kommen suchen Freiheit, die sie hier finden.”

Aus seiner Sicht sei es äußerst wichtig, die deutschen Gesetze und die Regeln der Gesellschaft zu respektieren. “Gerade weil wir nur eine kleine muslimische Minderheit sind. Doch im Gegensatz zu anderen Gruppen sind wir sehr säkular und modern.”

Isa betont, dass es etwa 40 uigurische Unternehmer in München gebe – in der Gastronomie, im Handel oder im Marketing.

(jkl)

Der Islam als Teil der uigurischen Identität

Laut der Islamwissenschaftlerin und Sinologin Frauke Drewes sei es nicht nur die Elite gewesen, die nach Deutschland gekommen ist. “Es sind prinzipiell alle Schichten. Und alle versuchen einen möglichst hohen Bildungsstand zu erreichen.”

Ungeachtet dessen ist der Islam ein wichtiger Teil der uigurischen Identität. Aus Sicht von Drewes betonen die Uiguren hierzulande, einen sehr liberalen Islam zu vertreten. “Sie sind diesbezüglich auch versucht, sich von radikaleren Strömungen zu distanzieren.”

Das geschieht vor allem durch enge Bindungen untereinander. “Sie kennen sich sehr gut und sind gut vernetzt”, so Drewes. “Zugleich legen sie sehr viel Wert darauf, gut integriert zu sein.”

Die Uiguren sind im Ausland, auch in Deutschland stark organisiert. “Ihre Organisationen werden zwar von China als terroristisch eingestuft, doch Experten sind sich einig, dass man diese Einschätzung so nicht übernehmen kann”, stellt Drewes klar.

Ihr zufolge sind zudem die Wertvorstellungen der Uiguren in Deutschland eher westlich geprägt. “Zugleich grenzen sie sich von der türkischen Community ab und bilden eine geschlossene Gemeinschaft – auch wenn diese vereinzelt durchlässig ist.” So gebe es einige bayerisch-uigurische Ehen.

“München ist zu meiner zweiten Heimat geworden”

Das bestätigt auch Enver Can. Er selbst hat vier Söhne, auch sie Musterbeispiele der Integration, wie der Vater stolz berichtet. Die Ältesten hätten teils im Ausland studiert und würden jetzt in München arbeiten, der dritte sei Polizist bei der bayerischen Polizei. Und der Jüngste habe vor Kurzem sein Studium begonnen.

Für eine erfolgreiche Integration seien laut Can zwei Faktoren wichtig: “Die, die herkommen, sollten den Willen mitbringen sich einzufügen, sie sollten Lernen wollen. Zugleich muss die Gesellschaft offen und aufnahmewillig sein. Nur wenn beide Faktoren zutreffen, kann Integration klappen.”

Die, die herkommen, sollten den Willen mitbringen sich einzufügen, sie sollten Lernen wollen. Zugleich muss die Gesellschaft offen und aufnahmewillig sein. Nur wenn beide Faktoren zutreffen, kann Integration klappen. Enver Can

Für ihn selbst habe sich die Frage nach Integration nie gestellt, sie war logische Konsequenz. “Ich hoffte hier auf eine gute Zukunft. Nun ist München zu meiner zweiten Heimat geworden.”

Doch ab und zu zieht es Can raus aus der Stadt, zum Schliersee in die Alpen. Denn dort gebe es ein Restaurant, dass sein Leibgericht besonders gut zubereitet: Kalbshaxe.

(jkl)