POLITIK
08/05/2018 13:37 CEST | Aktualisiert 11/05/2018 09:55 CEST

Die ungleiche Vermögensverteilung gefährdet den Frieden in Deutschland

Die Wirtschaft boomt – aber Mittel- und Unterschicht sieht vom Aufschwung nichts.

ARD
Thomas Clauss mit seiner Familie.
  • Die ARD-Dokumentation “Ungleichland” zeigt die unfaire Vermögensverteilung in Deutschland. 
  • Ein Forscher ist sich dabei sicher: Ungleichheit kann unsere Gesellschaft zerstören.

Thomas Clauss ist Familienvater und arbeitet in einem Siemens-Werk. Er und seine Frau Kathrin haben zwei gemeinsame Kinder – er ist Hauptverdiener. Eine typische Mittelschichts-Familie.

Doch Clauss hat Angst. 

“Die Perspektive der unteren Mittelschicht ist wesentlich näher als der Schritt nach oben, in die höhere Mittelschicht. Und das geht glaube ich allen so”, erklärt Clauss in der ARD-Dokumentation “Ungleichland”, vom Montagabend.

Der Familienvater hat Recht. Die deutsche Mittelschicht ist in Gefahr. Und das betrifft uns alle.

Der Ökonom Marcel Fratzscher, der das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) leitet, hat errechnet, dass der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung in den vergangenen 20 Jahren von 48 auf 41 Prozent geschrumpft ist. Mehr Menschen zählen heute zur Unter- und Oberschicht als in den 90er Jahren. Die Gesellschaft driftet auseinander. 

Allerdings sind die Zahlen von Fratzscher unter deutschen Ökonomen umstritten. 

Die Wirtschaft blüht – aber Mittel- und Unterschicht sieht vom Aufschwung nichts

Der DIW-Ökonom steht aber mit seiner These nicht allein da. “Ungleichheit ist das drängendste soziale Problem unserer Zeit”, warnt auch Raj Chetty, Ökonom der Stanford University in der Dokumentation. 

Besonders schwerwiegend ist das Problem in Deutschland. Wie die Dokumentation zeigt, sind in kaum einem Industrieland Reichtum und Vermögen so ungleich verteilt wie hier.

Mehr zum Thema: “Ungleichland”: Szene zeigt, wie realitätsfern das Leben der Reichen ist

Dazu trägt auch die unterschiedliche Einkommensverteilung bei. 

“Der größte Teil des Zuwachses von Einkommen ist den wenigen Menschen ganz oben auf der Einkommensskala zugutegekommen”, erklärt Chetty im Film. “Die Einkommen von Menschen aus der Mittelschicht und unterhalb der Mittelschicht sind nicht gestiegen, teilweise sogar gesunken.”

So driften die Einkommensschichten immer weiter auseinander.

Die Hälfte der Deutschen ist nicht in der Lage, zwei Kinder auszustatten

Alarmierend sind auch die Zahlen zur Vermögensverteilung: Die Hälfte der Deutschen hat weniger als 17.000 Euro angespart. 

Davon könne man sich gerade mal einen Golf mit Standardausstattung leisten, Schuhe und Bekleidung für 1,6 Kinder von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr oder 3,3 Quadratmeter einer Neubauwohnung in Frankfurt am Main, so der Bericht. 

Damit ist die Hälfte der Deutschen nicht in der Lage, sich zwei Kinder zu leisten, ganz zu schweigen von einer eigenen Immobilie, die später vererbt werden könnte. Und so zieht sich die Armut gleich durch mehrere Generationen. 

Der Frieden in unserer Gesellschaft ist bedroht 

Die mögliche Folge: Die Mittelschicht schrumpft weiter, mit Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

Branko Milanovic, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, sagt in der ARD-Doku: “Eine breite Mittelschicht ist für eine friedliche und demokratische Gesellschaft unerlässlich.”

Seine Prognose: “Die fortschreitende Polarisierung der Gesellschaft und die immer kleiner werdende Mittelschicht, wird zu Problemen führen. Wir betreten hier Neuland und wir sollten uns fragen, ob eine erfolgreiche Gesellschaft wirklich funktionieren kann, wenn die Schichten so weit auseinanderdriften.” 

“33 Prozent der Deutschen wünschen sich einen starken Anführer”

Schon jetzt zeigt sich, dass vor allem ein zentraler Baustein unserer Gesellschaft unter der Entwicklung leidet: Die Demokratie.  

Yascha Mounk, Politikwissenschaftler der Universität Harvard, nennt dazu auch Zahlen:

“Vor 20 Jahren meinten immerhin 16 Prozent der Deutschen, sie wünschten sich einen starken Anführer, der sich nicht mit Wahlen und Parlamenten herumschlagen muss. Mittlerweile sind es 33 Prozent”, sagt er in der Dokumentation. 

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Das spielt vor allem Populisten in die Hände.

Und damit löst die wachsende Ungleichheit einen Teufelskreis aus, der nicht nur unsere Demokratie, sondern auch unser gesellschaftliches Zusammenleben gefährdet.

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(tb/ben)