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13/11/2018 14:55 CET | Aktualisiert 13/11/2018 15:34 CET

Unfruchtbarkeit: Wie es sich anfühlt, wenn man nicht schwanger werden kann

Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, leben wir ein geheimes Leben voller Schande und betrauern einen Verlust, von dem wir glauben, dass er uns nicht zusteht.

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Etwa jedes zehnte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Wer medizinische Hilfe in Anspruch nimmt, leidet trotzdem oft unter der körperlichen und seelischen Belastung. Denn Unfruchtbarkeit ist immer noch ein Thema, über das nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird und das große Ängste und Unsicherheiten hervorrufen kann.

In diesem Gastbeitrag beschreibt Autorin Caro Townsend, wie sie und ihr Mann mit der Diagnose umgegangen sind. Sie möchte möglichst viele Menschen für das Thema sensibilisieren. 

Wie viele Paare haben auch wir nie darüber nachgedacht, dass wir Probleme mit dem Kinderkriegen haben könnten.

Mein Mann und ich waren beide gesund, meine Periode kam immer regelmäßig und ganz ehrlich: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Unfruchtbarkeit etwas sein könnte, das uns eines Tages betreffen und später unser Leben bestimmen könnte. So wie uns geht es ungefähr jedem zehnten Paar in Deutschland.

Unfruchtbar zu sein, ist vollkommen überwältigend und viele Betroffene halten es bedauerlicherweise sehr lange geheim. Es gibt viel Scham, Verlegenheit, Zweifel und Verwirrung unter unfruchtbaren Paaren. Ich habe mich ständig gefragt, ob wir alles richtig machen und überlegt, ob es vielleicht eine wichtige Sache gab, die wir beide im Sexualkunde-Unterricht verpasst haben.

Aber wen sollten wir fragen? Es war mir peinlich, mit anderen über das Thema zu sprechen und ich wusste einfach nicht, wie ich meine Angst in Worte fassen sollte. 

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Wir fingen an, zu lügen 

Mein Mann und ich hatten kein Geheimnis daraus gemacht, dass wir nach unserer Hochzeit eine Familie gründen wollten. Und doch bekamen wir kein Baby. Wir waren in der Phase unseres Lebens, in der Freunde und Familienmitglieder ihre “freudigen Nachrichten” verkündeten und wir fühlten uns bloßgestellt, weil es uns nicht gelang, etwas zu erreichen, das als die natürlichste Sache der Welt gilt: Die Fähigkeit, ein Kind zu gebären.

Also fingen wir an, zu lügen. Ein ganzes Jahr lang logen wir, bis uns die Unfruchtbarkeit schließlich von einem Arzt diagnostiziert wurde und wir den Prozess der künstlichen Befruchtung beginnen konnten.

So läuft eine künstliche Befruchtung ab:

Bei einer künstlichen Befruchtung wird die Eizelle der Frau künstlich mit dem Sperma des Partners oder eines fremden Spenders befruchtet. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:

► Die berühmteste ist die In-vitro-Fertilisation. Dabei verschmelzen  Ei- und Samenzelle nicht im Eileiter der Frau, sondern werden im Reagenzglas zusammengeführt und bei einer erfolgreichen Befruchtung in die Gebärmutter der Frau eingesetzt.

► Das Verfahren ist recht unkompliziert: Vor der Fertilistion bekommt die Frau lediglich eine Hormontherapie. 36 Stunden vorher wird ihr dann eine letzte Spritze verabreicht, die eine endgültige Reifung der Eizellen auslöst.

► Die Kosten für die In-Vitro-Fertilisation belaufen sich auf 2500 bis 2700 Euro.

► Ein günstigeres Verfahren der künstlichen Befruchtung ist die Insemination, bei der die Spermien des Mannes aufbereitet und in die Gebärmutter der Frau künstlich eingespritzt werden. Diese Prozedur können Paare für 150 bis 200 Euro erstehen.

Niemand träumt davon, unfruchtbar zu sein, oder Schwierigkeiten mit der Empfängnis zu haben. Und assistierte Reproduktion in einer sterilen, klinischen Umgebung ist nicht gerade die Szene, die man gerne heraufbeschwört, wenn man sich diese magische Schöpfung eines neuen Lebens vorstellt.

Lange, qualvolle Jahre können vergehen, während man darauf wartet, einen bestimmten medizinischen Grund zu finden, um mit Fruchtbarkeitsbehandlungen zu beginnen. Eine Diagnose, die bei Menschen mit unerklärlicher Unfruchtbarkeit nie eintrifft.  

Die Hoffnung ist immer da

Und doch verschwindet die Hoffnung nie ganz.

Am Anfang ist die Hoffnung alles. Wir wissen, dass es bei der künstlichen Befruchtung im Durchschnitt bis zu sechs Monate dauern kann, schwanger zu werden. Uns ist auch bewusst, dass es bei manchen Paaren ein ganzes Jahr dauert. Also beten wir, wünschen und hoffen, dass wir zu diesen Paaren gehören.

Wir verbringen zwei Wochen im Monat mit dem Versuch, daran zu glauben und verzweifelt vorauszuahnen, dass dieser Monat der eine sein könnte. Wir analysieren jedes Symptom, jeden Stich, greifen nach jedem noch so kleinen Strohhalm, bevor wir entdecken, dass Mutter Natur wieder einmal grausam war und die Anzeichen einer regelmäßigen, monatlichen Blutung denen einer frühen Schwangerschaft sehr ähnlich sind. Der Segen eines Kindes wird wieder und wieder durch einen schonungslosen, roten Fluch ersetzt.

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Die Verzweiflung ließ uns abergläubisch werden. Einsame Elstern werden nun gegrüßt, Wünsche an Hühnerknochen gerichtet und Münzen herumgetragen, die wir auf der Straße gefunden haben und die uns Glück bringen sollen.

Statt medizinischer Methoden recherchieren wir jetzt Alternativen: Wir drücken Neugeboren gegen unsere Unterleibe, in der Hoffnung, so fruchtbarer zu werden. Wir trinken literweise Hustensaft. Wir sehen uns Videos von Clowns an, direkt nachdem wir “es” versucht haben. Mit klarem Kopf betrachtet erscheinen diese Methoden allesamt lächerlich – und trotzdem glauben wir allzu gerne daran, dass eine von ihnen uns den großen Traum eines eigenen Kindes erfüllen könnte.

Wir leben ein geheimes Leben voller Schande

Wir haben ein Vermögen ausgegeben, um herauszufinden, wann der Eisprung stattfindet und wie die Temperaturkurve verläuft. Dann haben wir auf eine Vielzahl teurer Stäbchen gepinkelt; Frühtests, digitale, altmodische, konventionelle, die mit den zwei Strichen; wir haben gefühlte Stunden damit vergeudet, Eieruhren beim Ablaufen zu beobachten und darauf zu warten, dass mythische Linien erscheinen, um uns zu zeigen, dass wir den Test endlich bestanden haben. Es ist wirklich Geldverschwendung.

Und so machen wir weiter. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr leben wir ein geheimes Leben voller Schande und betrauern einen Verlust, von dem wir glauben, dass er uns nicht zusteht. Wie können wir etwas betrauern, das wir nie hatten? Und währenddessen präsentieren wir so oft die falsche, scheinbar vergnügte Fassade eines Paares, das Reisen und Karriere der Reproduktion vorzieht.

Es kann unvorstellbar schwer sein, anderen davon zu erzählen. Diese inneren Ängste laut auszusprechen, macht es noch realer als es schon ist. Für die meisten ist es eine einsame, schmerzhafte und sehr beängstigende Zeit. Mir ist bewusst, dass niemand die Absicht hat, uns dieses Gefühl zu vermitteln. Gleichzeitig bin ich fest davon überzeugt, dass niemand sich je so fühlen sollte: Unfruchtbarkeit ist keine Schande.

Tabus werden endlich gebrochen 

Die Haltung gegenüber Unfruchtbarkeit wird immer besser. Tabus werden gebrochen und es gibt eine unglaublich starke Gemeinschaft von Frauen und Männern, die offen darüber sprechen. Aber obwohl darüber gesprochen wird, gibt es so viel unbeabsichtigte Ignoranz bei allen Themen, die Fruchtbarkeit betreffen. Das gilt auch für die künstliche Befruchtung, bei der Babys auf eine harte, nervenaufreibende Weise gezeugt werden.

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Deshalb sollten mehr Menschen sich über Unfruchtbarkeit informieren und versuchen, sich in die Lage der Paare hinein zu versetzen, die nicht auf dem natürlichen Weg Eltern werden können. Jeder sollte einmal versuchen, sich die Angst, Isolation und Verwüstung vorzustellen, mit der diese Familien konfrontiert werden.  

Es ist an der Zeit, dass wir mehr Mitgefühl und Verständnis für diejenigen aufbringen, die eine solche Verzweiflung erleben. Wir müssen uns bewusst machen, dass diese Paare zwar häufig nicht so wirken, als ob sie leiden, tatsächlich aber traurig und verängstigt sind und mit einer falsch verstandenen, geheimen Schande leben.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Gina Louisa Metzler aus dem Englischen übersetzt und redaktionell angepasst. 

(ak)