POLITIK
25/02/2018 14:39 CET | Aktualisiert 26/02/2018 16:12 CET

"Unfassbar dumm und peinlich": Hannes Jaenicke teilt gegen die GroKo aus

"Wir leben in einer Lobbykratie."

Thomas Lohnes via Getty Images
  • Schauspieler Hannes Jaenicke setzt sich für den Umweltschutz ein
  • Im HuffPost-Interview spricht er über den Klimawandel 

Hannes Jaenicke ist nicht nur Schauspieler, er ist auch Umweltaktivist. Jaenicke setzt sich für den Tier- und Umweltschutz ein und drehte zahlreiche Dokumentationen über bedrohte Arten. Im Gespräch mit der HuffPost verurteilt er die GroKo für ihre Klimapolitik und sagt, was sich am Verhalten der Deutschen ändern muss.

Wann wurde dir zum ersten Mal wirklich bewusst, dass der Klimawandel auch in Deutschland stattfindet?

Hannes Jaenicke: Einen konkreten Moment gab es nicht, aber viele Dinge, die man nur schwer ignorieren kann: Unwetter verschärfen sich, das merkt man auch in Deutschland. Wenn es mal Hochwasser oder Fluten gibt, dann richtig. Als Kind habe ich jeden Winter Schneemänner gebaut und wusste nicht, was Kunstschnee ist. Das ist heute anders.

Es hieß einmal, Deutschland sei Klima-Vorbild für die ganze Welt. Ist das noch so?

Nein. Seit zehn Jahren muss man da ‘a.d.’ dahinter schreiben. Ich halte es auch für unwahrscheinlich, dass wir da jemals wieder hinkommen. Ich glaube, dass uns zum Beispiel die Chinesen, die Kalifornier und Skandinavier mittlerweile weit voraus sind.

Wir leben in einer Lobbykratie.

Was müsste sich in der Politik ändern, um ein Umdenken in der Bevölkerung zu schaffen?

Bei uns regiert nun einmal die Autoindustrie, die Agrar-, Chemie-, Pharmaindustrie. Wir leben in einer Lobbykratie. Angela Merkel, Markus Söder, Sigmar Gabriel, Peter Altmaier – sie alle waren mal Umweltminister.

Die wissen alle genau, was Umweltverschmutzung und Klimawandel für Konsequenzen haben. Aber sie tun nichts dagegen.

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Es müsste dringend eine CO2-Steuer her. Wer die Umwelt verschmutzt, muss bestraft werden, wer sauber produziert muss belohnt werden. 

Wir müssen Nachhaltigkeit im Grundgesetz verankern und sie als Schulfach ab der ersten Grundschulklasse einführen.

Andere Länder sind nicht so weichgespült wie wir.

Stattdessen hat die GroKo das 2020-Ziel aus dem Koalitionsvertrag gestrichen.

Das ist unfassbar dumm, kurzsichtig und peinlich. Es gibt Länder und Regionen, wie beispielsweise Norwegen oder Kalifornien, die sich geradezu für Elektromobilität begeistern.

Mit Amsterdam bewegt sich eine ganze Weltstadt auf dem Fahrrad, trotz des oft miserablen Wetters. Parkhäuser kosten in Amsterdam 80 bis 90 Euro pro Tag. Ich habe Mütter beobachtet, die mit ihren drei Kindern bei Wind und Wetter überall hin mit dem Rad fahren. Die sind offenbar nicht so weichgespült wie wir.

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Wir hingegen sind eine Autonation. Die Industrie kann Affen- und Menschenversuche machen, unsere Innenstädte mit Mogel-Software vergiften, da passiert gar nichts, da gibt es keinen Aufschrei.

Offenbar ist für die meisten viel wichtiger, wer in der Champions League spielt oder was weiß ich was. Ich verstehe oft nicht, was die Leute hierzulande umtreibt.

Wie kann sich etwas in der Wahrnehmung ändern?

Der Leidensdruck ist noch nicht hoch genug. Der Endverbraucher hierzulande merkt von den Folgen der Umweltzerstörung kaum etwas, und jeder Hersteller denkt, es wäre zu teuer, auf umweltfreundliche und nachhaltige Produktion umzustellen.

In Großkonzernen geht es sowieso nur um die Rendite und den Quartalsbericht. Erst wenn alles restlos vergiftet ist oder uns die Ressourcen ausgehen, wird sich etwas ändern. Aber wir leiden eben nicht unter Wasserknappheit und leben mit dem Segen einer sehr gemäßigten Klimazone.

Dasselbe gilt für Plastik: Die Pazifik-Anrainer-Staaten haben als erste gesetzliche Plastikverbote erlassen, weil sie längst unter den Folgen der Plastik-Verhüllung ihres Ozeans leiden. Bei uns fehlt dieses Betroffen-Sein.

Der Normalbürger ist einfach bequem.

Wie können wir es trotzdem schaffen, dass die Deutschen mehr auf Plastik verzichten und umweltbewusster leben?

Die Vokabel ‘Verzicht’ ist an sich schon ein Fehler. Es müsste Gewinn heißen. Wir leben im Konsum- und Wegwerfrausch, sind Opfer eines Systems, das nur funktioniert, wenn wir immer mehr kaufen.

Die meisten rackern ja nur deshalb wie die Ochsen, um sich dieses Konsumverhalten leisten zu können. Und der Normalbürger ist einfach bequem oder redet sich raus, sonst müsste er ja tatsächlich etwas an seinem Verhalten ändern.

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Unser Wachstumsmodell funktioniert nur in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Aber eigentlich bräuchten wir ein völlig anderes Wachstum – in der Bildung, bei regenerativen Energien etc.

Wie schaffen Sie es, umweltschonend zu leben?

Ich muss zugeben, bei manchen Dingen ist das mit meinem Beruf schwer. Ich fliege arbeitsbedingt viel zu viel. Wenn wir einen Dokumentarfilm irgendwo in Afrika oder der Arktis drehen, lässt sich Fliegen kaum vermeiden.

Dafür vermeide ich Plastik wie die Pest, benutze nur biologische Putz- und Waschmittel, halte meinen Stromverbrauch auf dem absoluten Minimum und habe in jeder deutschen Großstadt ein Fahrrad stehen. Ansonsten fahre ich mit deutschen Elektro-Autos und versuche so weit wie möglich nach dem ‘RRR’-Prinzip zu leben: Reduce, Re-Use, Recycle.

Was würden Sie den deutschen Bürgern gerne mitgeben?

Dass es eine Win-Win-Situation ist, wenn sie aus der Konsumschraube aussteigen. Das fängt beim Plastikkonsum an, geht über Energieverbrauch und Klamotten-Kaufen bis zur Nutzung von Pestiziden und anderen Chemieprodukten. Die Liste ist endlos. 

Let’s be gentle with our planet.

Jeder sollte sich fragen, brauche ich wirklich einen Wäschetrockner, oder reicht ein Wäscheständer? Brauche ich als Stadtbewohner einen SUV? Muss ich nach jedem Tragen meine T-Shirts oder Hosen waschen? Esse ich eigentlich alle Lebensmittel, die ich kaufe, oder schmeiße ich einen Großteil davon weg?

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“Let’s be gentle with our planet”, das hat der Dalai Lama mal gesagt. Wir sollten alle lernen, mit dem Planeten etwas sanfter und vorsichtiger umzugehen.

Im Rahmen eines Themenschwerpunkts zum Klimawandel in Deutschland spricht die HuffPost mit Stadtplanern, Naturschützern, Klimaforschern und Meteorologen.

Außerdem schauen wir uns vor Ort an der Küste, in den Bergen, Wäldern und Großstädten gemeinsam mit Experten an, wo die Folgen des Klimawandels in Deutschland bereits sichtbar sind.

(lp)