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20/08/2018 16:25 CEST | Aktualisiert 22/08/2018 07:56 CEST

Bienensterben: Umweltschützer warnen vor Folgen – Forscher erklären, wie es wirklich ist

Summsumm statt Blabla?

kuritafsheen via Getty Images

Sie hat vier durchsichtige Flügel, ist kaum größer als ein Zentimeter und weniger als ein Gramm schwer. Aber was die Biene für dieses Land leistet, flößt vom Bauern bis zur Bundesregierung allen Respekt ein.

“Gibt es keine Bienen, dann gibt es keine Landwirtschaft und dann gibt es auch keine Grundlage für unsere Ernährung”, sagte etwa Bundesagrarministerin Julia Klöckner am Wochenende im HuffPost-Interview.

Für sie ist die Biene “systemrelevant”.

Die Tiere sind für Menschen überlebenswichtig. Ihre natürlichen Lebensräume werden immer kleiner, der Klimawandel und die industrielle Landwirtschaft gefährden sie und rotten ganze Arten aus.

Aber wie schlimm ist das Bienensterben wirklich? Seit Jahren streiten sich Wissenschaftler, Politiker und Umweltschützer darüber.

Wir machen für euch den Faktencheck – diese 11 Dinge müsst ihr wissen.

1. Die Zahl der Fluginsekten ist seit 1989 um 76 Prozent zurückgegangen

Forscher der Radboud-Universität in Nimwegen haben im Rahmen einer Studie festgestellt: Die Biomasse an Fluginsekten ist in 63 deutschen Schutzgebieten seit 1989 um gigantische 76 Prozent geschrumpft.

Fast alle Arten sind davon betroffen. Eine ökologische Katastrophe.

“Sowohl die Gesamtzahl der Insekten als auch die Vielfalt der Insektenarten haben in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland nachweislich abgenommen”, bestätigte auch das Bundesumweltministerium gegenüber der ”FAZ”.

2. Hälfte der Wildbienenarten ist bedroht oder ausgestorben

Die Wildbiene ist in Deutschland stark bedroht.

39 heimische Arten gelten in Deutschland als ausgestorben oder verschollen, 31 sind vom Aussterben bedroht, 78 Arten gelten als stark gefährdet, 85 als gefährdet.

Weitere 34 Bienenarten sind gefährdet. 24 Arten gelten als extrem selten. Das teilt das Bundesamt für Naturschutz in einer “Roten Liste und Gesamtartenliste der Bienen Deutschlands” mit.

Insgesamt stehen 52,6 Prozent aller heimischen Arten auf dieser Liste und sind somit in irgendeiner Art und Weise bedroht. 233 Arten, die abgenommen haben, stehen nur fünf Wildbienenarten gegenüber, die zugenommen haben. 

3. Die Zahl der Honigbienen wächst

Fest steht: Die Zahl der Honigbienenvölker wächst. Derzeit gibt es in Deutschland rund 870.000 Bienenvölker, das ist ein deutliches Wachstum im Vergleich zum Tiefstand 2009, damals waren es nur 614.000. 1990 hingegen gab es in Deutschland noch 1,06 Millionen Bienenvölker.

“Aber die Tatsache, dass die Zahl der Bienenvölker zunimmt, bedeutet nicht, dass es den Bienen gut oder besser geht. Das bedeutet einfach nur, dass immer mehr Menschen bereit sind, Bienen zu halten”, sagt Bienenforscher Jürgen Tautz, unter anderem Professor am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, der HuffPost.

Derzeit gibt es 130.000 Imker in Deutschland, so viele wie nie zuvor.

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Inzwischen gibt es 130.000 Imker in Deutschland

“Dennoch sterben Bienen in einer deutlich größeren Anzahl, als es natürlich wäre”, sagt Tautz.

Wildbienen vs. Honigbienen

Es gibt auf der Welt neun Arten von Honigbienen, acht davon in Asien. Bei uns lediglich eine Art. Wildbienenarten gibt es hingegen Tausende, 560 in Deutschland – auch Hummeln zählen dazu.

 

Während Honigbienen ausschließlich in Bienenstöcken und als Völker leben, sind Wildbienen Einsiedler, die teils unter der Erde nisten, oder in morschem Holz oder Pflanzenstängeln.

 

Die meisten Wildbienenarten gehen mit bestimmten Pflanzenarten eine Symbiose ein. Die Pflanzen liefern den Wildbienen Nektar, die Bienen wiederum bestäuben die Pflanzen. Verschwindet eine Wildbienenart, kann sich auch die Pflanzenart nicht mehr weiter vermehren. Zur Futtersuche bewegen sich Wildbienen nur bis zu 500 Meter rund um ihr Nest.

 

Honigbienen hingegen fliegen dafür bis zu 7 Kilometer. Honigbienen ernähren sich von Blütenstaub und Nektar. Der Nektar wird als Honig verarbeitet und dient als Wintervrorrat. Wildbienen produzieren keinen Honig, sondern verbrauchen den Nektar direkt.

4. Das passiert, wenn es keine Bienen mehr gibt

Einen Großteil unserer Nahrung würde es ohne die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten nicht geben. Am naheliegendsten ist dabei wohl, dass zahlreiche Obstsorten von der Bestäubung durch Bienen abhängig sind.

Und wie sieht es beim Gemüse aus? Zahlreiche Salat- oder Kohlsorten benötigen keine Bestäubung, weil sie sich selbst vermehren können oder windbestäubt werden.

Aber: Frucht-Gemüsesorten wie Gurken, Kürbisse, Auberginen oder Avocado gäbe es ohne die Bestäubung durch Bienen nicht mehr. Auch Kleidung aus Baumwolle, Kakao, Raps- und Sonnenblumenöl gäbe es nicht länger.

Gleichzeitig sind Insekten die Nahrungsgrundlage für zahlreiche Vögel und Amphibien – verschwinden Insekten, sterben auch sie aus.

5. Ein Bienenvolk arbeitet so viel wie 500 Hummelvölker

Honigbienen sind die wichtigsten Helfer der Landwirtschaft. Sie werden gezielt als Nutztiere eingesetzt. Als Bestäuber sind sie in erheblichem Maße für den Erhalt und die Fortpflanzung der Pflanzenwelt verantwortlich.

“Ein Volk kann am Tag bis zu 6 Millionen Blüten bestäuben – umgerechnet bräuchte es für dieselbe Bestäubungsleistung 500 Hummelvölker”, sagt Bienenforscher Tautz.

Mehr zum Thema: So könnt ihr auf dem eigenen Balkon Wildbienen helfen

Denn: Bienen sind blütenstetig. Wenn eine Arbeitsbiene Kirschblüten bestäubt, bleibt sie den ganzen Tag bei dieser Blüte. Fliegen, Wespen, Käfer sind da nicht wählerisch, nehmen einfach, was sie gerade finden. Bienen arbeiten somit deutlich effizienter für die Landwirtschaft.

6. “4 Jahre nach dem Aussterben der Biene stirbt die Menschheit aus” – stimmt das?

Dieses Szenario hält sich hartnäckig, ist aber falsch, sagt Bienenforscher Tautz.

“Bienen sind definitiv nicht einfach bis gar nicht zu ersetzen. Aber die Natur findet immer einen Weg. Aber es wird eine andere Welt sein, es wird nicht mehr die Welt sein, die wir kennen.”

Und:

7. Das Aussterben von Insekten würde Milliarden kosten

“Bienen sind deswegen systemrelevant, weil sie Bestäubungsleistung in Milliardenhöhe für die Landwirtschaft leisten”, sagt Agrarministerin Klöckner im HuffPost-Interview.

Rund 85 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge im Pflanzen- und Obstbau hängen in Deutschland von der Bestäubung der Honigbienen ab, teilt der Deutsche Imkerbund mit. 

Forscher aus Frankreich und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig haben errechnet, dass Insekten als Bestäuber zehn Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion unterstützen.

Allein in Deutschland leisten sie durch Bestäubung von Nutzpflanzen demnach jedes Jahr Arbeit, die umgerechnet 1,8 Milliarden Euro wert ist.

8. “Der Klimawandel ist schuld am Sterben” – stimmt das?

Das ist nur teilweise richtig. Die Erderwärmung führt dazu, dass viele Blühpflanzen heute früher blühen als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dass das den Rhythmus der Bienenvölker stört und sie Energie kostet. Auch warme Winter und lange Trockenheitsphasen im Frühjahr und Sommer stressen die Bienen zusätzlich.

Mehr zum Thema:Es gibt immer weniger Insekten – so können wir helfen, etwas gegen die fatalen Folgen zu tun

Doch Wissenschaftler zweifeln, dass das wirklich maßgeblich zu einem Bienensterben führt. So sagt Randolf Menzel, Leiter des neurobiologischen Instituts der Freien Universität Berlin, dem “Stern”, dass der Klimawandel aus seiner Sicht keinen maßgeblichen Einfluss habe.

“Denn Honigbienen können sich enorm gut an extrem unterschiedliche Klimabedingungen anpassen. Ihre Lebensräume reichen vom Norden Kanadas – wo mehr als sechs Monate Eis und Schnee vorherrschen – bis in tropische Gefilde und in die Randbereiche von Wüsten.”

9. Die Landwirtschaft ist schuld am Bienensterben

Hauptgrund für das Insekten- und Bienensterben ist vor allem die immer intensivere, industrielle Landwirtschaft. Vor allem der Einsatz von Pestiziden gefährdet Insekten.

Der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zufolge belegen Studien, dass Neonikotinoide Wild- und Honigbienen erheblich schaden. So können die Stoffe etwa die Lern- und Orientierungsfähigkeit der Bienen beeinträchtigen und die für die Bestäubung wichtigen Tierchen sogar lähmen und töten. Die Moleküle werden auch von Blüten und Pollen aufgenommen und verbreiten sich so in der Umwelt.

Falls Bienen nicht direkt durch Insektizide sterben, fehlen ihnen der Lebensraum und Nahrung. Denn der Einsatz von Pestiziden zerstört Wildkräuter, Gräser und Grünstreifen. 

Grünland und Zwischenfrüchte werden oft zu früh gemäht, zur besten Bienenflugzeit bei schönem Wetter können in den Mähwerken zehntausende Bienen auf einem Hektar sterben, teilt das Umweltinstitut München mit.

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Monokulturen nehmen zu, Wiesen werden zu früh gemäht.

Und es gibt ein weiteres Problem: Unseren Landschaften fehlt es an Vielfalt – ein großes Problem für die Bienen. “Monokulturen nehmen zu, natürliche Standorte wie Auwälder, Magerrasen oder Hecken mit vielfältigem Nahrungsangebot gehen zurück”, sagt Bienenforscher Menzel dem “Stern”.

Die Belastung durch Pestizide und der Verlust an vielfältigen Landschaften führen außerdem dazu, dass immer mehr Bienenvölker die Winter nicht überstehen.

10. Drei Neonikotinoide wurden verboten – wird jetzt alles gut?

Neonikotinoide hatten lange in der Landwirtschaft den Ruf einer Wunderwaffe, weil sie Fressfeinde der Pflanzen töten, aber nützliche Insekten angeblich nicht.

Nach und nach entdeckten Forscher allerdings, dass die Substanzen doch Bienen und andere Pflanzenbestäuber schädigen können.

Mehr zum Thema: Alarmierende Studie: Rettet die Bienen - oder die Menschen werden hungern

Jetzt hat die Europäische Union drei Neonikotinoide verboten. Also wird alles gut? Nein, sagt Bienenforscher Tautz.

“Wenn die Politik stolz verkündet, dass die EU drei Neonikotinoide verboten hat, ist das total in die eigene Tasche gelogen. Drei Gifte sind weg, die nächsten intensivieren Gifte stehen bereit, werden wieder zehn Jahre benutzt bis Schaden nachweislich ist, dass sie giftig sind. Ein Teufelskreis ohne Ende.” 

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Durch Pestizide getötete Bienen

So galt beispielsweise Sulfoxaflor bislang als geeigneter Ersatz. Doch jetzt hat eine Studie von Forschern der Royal Holloway University of London ergeben, dass sich das Ersatz-Schädlingsgift negativ auf die Fortpflanzung von Hummeln auswirkt.

Gleichzeitig ist der Verzicht auf Gift in der modernen Landwirtschaft momentan undenkbar. “Die Zahl an Schadinsekten würde explodieren und uns das Essen wegessen”, sagt Tautz.

Um einen Mittelweg zu finden, schlägt Tautz vor, mehr naturverträgliche Landwirtschaft zu betreiben und weniger auf Monokulturen zu setzen – so würde auf Dauer auch der Einsatz von Pestiziden überflüssiger.

11. Sonst gibt es keine Gründe für das Bienensterben?

Falsch. Seit den späten 1960er Jahren wurde die sogenannte Varroa-Milbe nach Europa geschleppt. Der Parasit stammt eigentlich aus Asien. Die asiatischen Honigbienen halten die Milben aus, die europäischen jedoch nicht. Rund ein Drittel aller Arbeiterbienen hat den Parasiten in sich.

Die Milben saugen den Bienen die Körperflüssigkeit ab. Wenn Bienen als Larven von den Parasiten befallen werden, werden sie nicht so groß wie üblich, sind schwächer und können flaue Zeiten schlechter überleben. “Sie schwächen die Westlichen Honigbienen und können eine Reihe von Krankheiten auslösen und verstärken”, sagt Bienenforscher Menzel.

Fazit:

Fakt ist: Auch wenn es statistisch gesehen kein Aussterben der Honigbiene gibt, steht fest, dass es Bienen immer schlechter geht. Das gefährdet nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch, wie wir leben. “Bienen und Wildbienen sind für die Nahrungskette des Menschen und für unser Ökosystem unverzichtbar”, heißt es vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

 

Getty / HuffPost

Um besser zu verstehen, welche Konsequenzen das Insekten- und Bienensterben mit sich bringt, was das für die Zukunft bedeutet und vor allem, wie wir etwas dagegen unternehmen können, hat die HuffPost mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner, Wissenschaftlern, Imkern, Umweltschützern und Landwirten gesprochen.

Was sie prognostizieren und welche Lösungsvorschläge sie haben, lest ihr die ganze Woche im Rahmen eines Themenschwerpunkts zum Kampf gegen das Bienensterben auf www.huffpost.de.

(jkl)