POLITIK
04/08/2018 20:18 CEST | Aktualisiert 04/08/2018 20:18 CEST

Jeden Monat sterben 4 Menschen, weil ihr Kaffee und Snacks essen wollt

“Wir wollen nicht, dass noch mehr Blut vergossen wird.”

Thom Pierce / Global Witness
Rámon Bedoyas führt Journalisten über den Grundbesitz seiner Familie. 

Kaffee gemahlen, 500 Gramm, 3,59 Euro. Schokolade, 100 Gramm, 79 Cent. Avocado-Sonderangebot, 35 Cent pro Stück.

Jede Ware, die wir an der Supermarktkasse aufs Band legen, hat ihren Preis.

Doch den bezahlen nicht nur wir, die Konsumenten, mit Münzen und Scheinen. Sondern auch Umweltaktivisten auf der ganzen Welt – mit ihrem Leben.

Paramilitärische Gruppen, Einsatzkräfte verschiedener Regierungen, Verbrecherbanden und Schmuggler haben im vergangenen Jahr 46 Umweltaktivisten ermordet. Menschen, die die Natur vor übermäßiger Tierhaltung oder dem Ausbau des Plantagenanbaus bewahren wollten.

► Im Schnitt sind das fast vier Morde an Umweltschützern pro Monat.

Das geht aus einem Bericht der Organisation “Global Witness” hervor.

Vor allem landwirtschaftliche Großbetriebe, die auf die Produktion von Fleisch, Kaffee oder Palmöl spezialisiert sind, haben Blut an den Händen. Bei den Opfern handelt es sich oft um Nachfahren der Ureinwohner, die versuchen, ihren Grundbesitz zu verteidigen.

Erschossen beim Protest gegen Plantagen

Eines der 46 Opfer 2017 war Ramón Bedoyas Vater, Hernán. Er wurde von einer kolumbianischen Miliz erschossen, weil er gegen den Ausbau von Palmöl- und Bananenplantagen protestierte. 14 Kugeln durchlöcherten ihn. 

Der HuffPost sagt Ramón Bedoya, sein Vater sei immer wieder bedroht worden. “Sie wollten ihn loswerden, denn sie wussten, dass er die Leute mobilisieren konnte.”

Die kolumbianischen Behörden hätten zwar von den Drohungen gegen Hernán gewusst, aber nichts getan, um sein Leben zu schützen.

Nun brauchen seine und andere betroffene Gemeinden Unterstützung, sagt Bedoya. Das Morden soll ein Ende haben. “Wir wollen nicht, dass noch mehr Blut vergossen wird.”  

► Nirgendwo auf der Welt leben Umweltschützer so gefährlich wie in Südamerika. Fast 60 Prozent aller Morde an Aktivisten wurden 2017 in diesem Teil der Welt verübt. 

Zählt man nicht nur die Aktivisten, die gegen Landwirtschaft protestieren, sondern auch jene, die gegen Bergbau, Ölförderung, Holzabbau und Wilderei protestieren, starben 2017 weltweit 207 von ihnen.

Global Witness
Nirgendwo auf der Welt werden so viele Umweltschützer ermordet wie in Südamerika.

Der mexikanische Regenwald zum Beispiel hat in jüngster Zeit großen Schaden durch landwirtschaftliche Großbetriebe genommen. Rinderfarmen und Avocado-Plantagen hinterlassen ihre Spuren in der Natur.

Das Problem mit den Avocados:

  • Die meisten der in Europa erhältlichen Avocados werden aus Mittel- und Südamerika importiert.
  • Für die Produktion eines Kilogramms Avocado sind rund 1000 Liter Wasser nötig. In vielen Regionen, in denen es Avocado-Plantagen gibt, fehlt es deshalb sogar an Grundwasser. Die Böden trocknen völlig aus.
  • Zudem haben die Früchte meist eine schlechte CO2-Bilanz, da sie aus weit entfernten Ländern importiert werden müssen. Auch wer BIO-Avocados kauft, sollte bedenken: Nur bei Avocados aus europäischen Ländern und Israel werden die Standards auch von der EU kontrolliert. 
 

Mehr zum Thema: Waldsterben: Wie ein Projekt aus Münster unsere Natur retten will

Im Januar 2017 wurde der Aktivist Isidro Baldenegro López erschossen.

López war bekannt für seinen Einsatz zum Schutz der Wälder im mexikanischen Berggebiet Sierra Tarahumara, bekam dafür sogar den prestigeträchtigen Goldman Umweltpreis.

Die Morde dürfen nicht hingenommen werden

Auch Isela González erhält Morddrohungen.

Sie ist Vorsitzende einer Vereinigung, die die Rechte von Ureinwohnern in Sierra Tarahumara seit 20 Jahren verteidigt. Inzwischen steht González unter Polizeischutz – und trotzdem fühlt sie sich nicht sicher.

Der HuffPost sagt sie: “Man muss immer darauf gefasst sein, was als Nächstes passieren könnte.”

Mexiko hat seit Kurzem einen neuen Präsidenten, den Populisten Andrés Manuel López Obrador.

Für Gonzáles steht er in der Pflicht: 

“Gerade weil wir eine neue Regierung bekommen, ist es unverzichtbar, dass unsere Botschafter für die Rechte der Menschen einstehen – dass die Morde nicht hingenommen werden – und dass sie die Geschehnisse nicht einfach totschweigen.”

Thom Pierce / Global Witness
Seit 20 Jahren setzt sich Isela González für die Rechte von mexikanischen Ureinwohnern ein.

Auch die Europäische Union steckt mit drin

Von europäischer Seite gibt es wenig Bemühungen, der Abholzung der Regenwälder und den damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen Einhalt zu gebieten.

Gesetze zur Einschränkung von illegalen Bauholz-Importen werden zum Beispiel schlecht umgesetzt. Dass europäische offizielle Abkommen mit südasiatischen Palmöl-Herstellern haben, um Europas Handelsinteressen zu wahren, ist ein weiteres Hindernis.

Mehr zum Thema: Experten warnen: Palmöl – das unsichtbare Gift für unsere Gesundheit

Im Mai kam eine Studie der Europäischen Kommission zu dem Schluss, dass ein Verbot von Palmöl zu Spannungen mit Produzenten beispielsweise aus Indonesien führen könnte.

► Ursprünglich sollte ein solches Verbot im Jahr 2020 in Kraft treten.

Das Problem mit dem Palmöl:

  • Palmöl ist das meistverwendete Öl in der Lebensmittelproduktion. Es ist in vielen Schokoriegeln, Müslisorten aber auch in Kosmetikprodukten enthalten.
  • Da die Nachfrage vor allem von Industrieländern wie Deutschland in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen ist, werden immer mehr und immer größere Plantagen benötigt. Um dafür Platz zu schaffen, werden in vielen Ländern in Südostasien, aber auch in anderen Teilen der Welt, Regenwälder abgeholzt. Seltene Tierarten wie der Orang Utan verlieren somit ihren Lebensraum.
  • Oft werden die Wälder auch niedergebrannt. Dabei sterben nicht nur viele Tiere, es werden auch giftige Dämpfe freigesetzt.
  • Ein weiteres grosses Problem ist die Freisetzung von Unmengen von Treibhausgasen. Der Regenwaldboden – speziell der Torfboden im Sumpfregenwald – speichert CO2 seit Tausenden von Jahren. Wird der Wald abgeholzt und der Boden trockengelegt, entweicht das gespeicherte CO2 in die Atmosphäre. 

Da Parlamentsabgeordnete jedoch negative Auswirkungen auf das Freihandelsabkommen mit den betroffenen Ländern befürchteten, entschloss man sich, das Verbot um zehn Jahre aufzuschieben.

Beschämend, bedenkt man, “dass immer mehr Regenwälder aufgrund der Palmöl-Industrie verschwinden”, sagt Sebastian Ordoñez Muñoz von der Menschenrechtsorganisation War on Want.

“Wenn das noch zehn Jahre so weitergeht, wird das dramatische Auswirkungen auf unser Klima haben. Leidtragend sind auch in diesem Fall vor allem einheimische Völkergemeinschaften.”

Die Konsumenten haben es in der Hand

Laut dem Global-Witness-Bericht können Regulierungen dazu beitragen, Umweltverbrechen zu bekämpfen.

Und Konsumenten können es ebenso: indem sie Firmen, die mit Palmöl-Produkten handeln, nicht unterstützen oder in den sozialen Medien an den Pranger stellen, oder indem sie Druck auf die Politik aufbauen, damit die Abgeordneten entsprechende Konsequenzen ziehen.

Ben Leather, einer der Autoren des Berichts, schlägt vor: 

Kunden können sich an diese Firmen wenden und einfordern, dass sie die Zusammenarbeit mit Lieferanten, die mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden, einstellen.”

Es sei das Recht eines jeden Kundens, zu verlangen, “dass durch seinen Konsum keine Menschen sterben”.

Thom Pierce / Global Witness
Maria Socorro setzt sich gegen den Anbau von Hydro Aluminium ein.

Umweltschützer sind die Infanterie im Krieg gegen den Klimawandel

Hinzu komme, dass weibliche Umweltaktivisten zunehmend sexuelle Gewalt zu fürchten hätten. Die Drohungen, die sie erhalten, seien “sehr spezifisch und ernst”, sagt Leather. In manchen Fällen kämen die Drohungen sogar aus ihrer eigenen Community.

Dass man bislang kaum etwas gegen die Verbrechen unternommen habe, habe die Situation in Südamerika zunehmend verschärft.

“Die Täter haben das Gefühl, dass sie damit davonkommen, deshalb scheuen sie sich nicht, größere Mengen von Menschen zu töten”, glaubt Leather. Dadurch wollten die Täter die Gemeinschaften einschüchtern.

Das gefährlichste Land für Umweltschützer: Brasilien

Im Global-Witness-Bericht ist auch die Rede von Massakern in Brasilien und auf den Philippinen – dort habe das Militär im Dezember 2017 mindestens acht Ureinwohner erschossen, weil diese versucht hatten, ihr Land davor zu bewahren, zu einer Kaffeeplantage zu werden.

► Das mit Abstand gefährlichste Land für Umweltschützer war 2017 zum wiederholten Mal Brasilien. 57 Aktivisten wurden dort ermordet, so viele wie noch nie in irgendeinem anderen Land.

Unter anderem seien 22 Angehörige des Gamela-Stammes getötet worden, als sie gegen die Enteignung ihres Landes protestierten. Einigen von ihnen habe man die Hände abgeschnitten.

Das britische Handelsministerium hat unterdessen angekündigt, dass man im kommenden Jahr mindestens 3,9 Milliarden Dollar für den Handel mit Brasilien bereitstellen werde – unterstützt werden die Lebensmittel-, Bergbau-, Öl- und Gasindustrie.

Regierungen dürfen nicht länger gemeinsame Sache mit Großunternehmen machen

“Organisiertes Verbrechen ist ein großes Problem in einigen Teilen von Brasilien”, heißt es in den Richtlinien des Handelsministeriums. Allerdings wird weder die unrechtmäßige Abholzung von Regenwäldern noch die systematische Ermordung von Aktivisten dazu gezählt. 

Zwar verzeichnet der Bericht auch eine positive Entwicklung: In Honduras ist die Zahl der getöteten Umweltaktivisten von 14 auf fünf gesunken. Doch die politische Situation in dem zentralamerikanischen Staat bleibt angespannt.

Honduras ist nach wie vor eines der Länder, in dem die Menschenrechte häufig mit Füßen getreten werden. 128 Umweltaktivisten sind dort in den letzten zehn Jahren ums Leben gekommen.

Der Umweltaktivist und Autor George Monbiot sagte, Umweltschützer seien die Infanterie in einem Generationenkrieg gegen den Klimawandel.

Es wird uns nie gelingen, einen grüneren, nachhaltigeren Planeten zu gestalten, wenn wir weiterhin zulassen, dass Regierungen gemeinsame Sache mit Großunternehmern machen. Wenn wir zulassen, dass Landwirte die Natur ausbeuten – denn sie ist unverzichtbar, nicht bloß für das Deckeln von Kohlenstoffmolekülen, sondern auch für den Erhalt seltener Arten.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt und leicht gekürzt.

(sk)