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09/07/2018 20:44 CEST | Aktualisiert 13/08/2018 17:56 CEST

Umvolkt uns! Warum das deutsche Volk abgeschafft werden sollte

Niemand, der einigermaßen alle Maschen am Zaun hat, würde ihm eine Träne nachweinen.

Christian Ender via Getty Images

Es war während der Fußball-WM 2010, als ich bemerkte, dass ich einer von diesen Deutschen geworden war. Nein, ich habe nicht das, was man einen “Migrationshintergrund” nennen würde.

Geboren bin ich in einem kleinen Städtchen in Niederbayern, und als das einzig fremdländische an meiner Familie könnten noch die Vorfahren aus der Pfalz, Schwaben und Franken gelten.

Als Deutscher gefühlt hatte ich mich jedoch nie, es war mir schlicht egal und abgesehen von einem leichten, spielerischen Bayern-Folklorismus hatte ich nicht viel übrig für das Denken in Nationalitäten. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass deutsch sein einfach nicht sexy war.

Maschendrahtzaun ist das Sinnbild des Deutschen

Wer sich an Stefan Raabs Song vom Maschendrahtzaun erinnert, weiß, warum. Der Maschendrahtzaun steht sinnbildlich für alles, was für mich damals Deutschsein bedeutete: Übellaunigkeit im Vorgartenraum und kleinliches Nachbarschaftsgezeter, aus Angst vor fremden Menschen, Tieren oder Botanik auf dem eigenen Territorium.

Vielleicht, weil dem Deutschen, eingeklemmt zwischen zwei Doppelhaushälften, immer wieder der “Zweifrontenkrieg” aus dem kollektiven Volksgedächtnis in die Galle kommt.

Man könnte auch sagen, der Maschendrahtzaun ist das geheiligte Artefakt, an dem Schicksal und Wesen des Deutschen Volkes hängen: im sorgfältigen Umhegen einer rührseligen Larmoyanz, aus deren Deckung munter gegen den Nachbarn geätzt werden kann. Das war mein Bild vom Deutschen.

Deutschland war plötzlich Spaß und Leidenschaft

Und dann kam der Moment während der WM 2010, als ich mit Freunden im Biergarten saß, um ein Fußballspiel anzusehen. Mit dabei einige Leute aus den verschiedensten Ländern, ich weiß nicht mehr genau, woher. Doch an eines erinnere ich mich: Als die deutsche Hymne gespielt wurde, stand ich auf und sang mit.

So ein Gefühl hatte ich bis dahin für unmöglich gehalten. Und nun ertappte ich mich dabei: Ich war irgendwie stolz, Deutscher zu sein. Wie konnte das passieren?

Beim Thema Fußball treten ja oft ganz allgemeine Stimmungslagen in einem Land hervor und damals begann das Deutsche plötzlich attraktiv zu werden.

Ich mochte diese Mannschaft, die zauberhaft spielte, und dabei am Ende dennoch knapp verlor. Das Gefühl, nicht der Beste sein zu müssen, um aufrecht vom Platz gehen und sich feiern lassen zu können, schien die neue Verfassung eines ganzen Landes auszudrücken.

Nicht mehr die marodierenden Schlägerbanden waren Fans, sondern eben ganz normale, nicht sehr angriffslustige Typen wie ich, die Spaß und Leidenschaft mitbrachten. Ich mochte die gute Laune und den Optimismus, den das Land plötzlich auszustrahlen schien.

Denn diese Leidenschaft schien nicht nur den Fußball, sondern überhaupt ganz Deutschland erfasst zu haben.

dpa
Das Sommermärchen 2006: Torwart-Trainer Andreas Koepke, der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann und sein damaliger Co-Trainer Joachim Löw sowie Team-Manager Oliver Bierhoff auf der Fan-Meile am Brandenburger Tor zusammen.

Die Deutschen wurden auf einmal gemocht

Ja, wir waren wieder wer. Nicht Volksgemeinschaft und auch nicht Exportweltmeister, sondern einfach nur Bürger eines recht schönen, mitteleuropäischen Landes, das Lust auf Fortschritt zu haben schien. Europa fühlte sich nach Heimat an und die Welt trug ein freundschaftliches Gesicht.

Deutschland hatte Verantwortung in der Welt und mit seinen Menschen geschah etwas Verrücktes: Sie wurden nicht mehr gefürchtet, auch nicht geachtet und auch nicht bewundert – sie wurden tatsächlich gemocht.

Es war eine Zeit, in der ich nicht nur Partylaune, sondern auch Solidarität spürte; Mitgefühl meiner Landsleute mit Menschen, denen es schlecht ging. Ein Nazi war noch Nazi und kein besorgter Bürger und die “Ausländer” fingen an, dazuzugehören und dazugehören zu wollen.

Auch Flüchtling war noch kein Schimpfwort damals. In München standen noch im Sommer 2015 Hunderte am Bahnhof, um den nach tagelangem Marsch entkräfteten Menschen zu applaudieren. Vielleicht nur eine naive, hilflose Aktion – und doch eine der stärksten Botschaften, die in den vergangenen Jahrzehnten von deutschem Boden ausgingen.

Nur keine “Islamis” von hinter der Türkei

Doch seitdem hat sich das Land wieder verändert: Die Anbetung des Maschendrahtzauns nimmt wieder die gewohnten Züge an und die Hymnen wollen mir im Rachen stecken bleiben. Nur ja keine Fremden, keine anderen, keine “Kritschikratschis” vom Balkan und schon gleich gar keine “Islamis” aus irgendwo hinter der Türkei!

Und wieder sieht man einer Fußball-WM an, was die Stunde im Land schlägt: National soll wichtiger als Mannschaft sein, und der Sieg ist wieder Gewohnheitsrecht, das die Masse quengelnd einfordert. Und während Island in der Vorrunde ausscheidet und seine Fans ein großes Fest feiern, ätzt und unkt in Deutschland der gekränkte Volksgeist: “Der Ausländer wars!”

Sagen darf man das ja wieder, nachdem sogar Politiker einer christlich-sozialen Partei den Rechtsextremen nach dem Wort reden.

Nun werden die erbärmlichen Maschendrahtzäune in den Köpfen als Stacheldraht um Europa, ja am liebsten um jedes Land gelegt. Selbst zwischen Bayern und Österreich ist derzeit das maulige Gejammer gegen den Nachbarn wieder zu hören: “Eure Ausländer pinkeln uns aber nicht auf den Rasen!”

Umvolkung: Die große Angst vor der Zersetzung

Die größte Angst der Deutschen aber ist die Zersetzung aus dem Inneren heraus. “Umvolkung!” wabert es aus tausenden von Mäulern.

Das aufrechte Deutsche Volk wittert die Verschwörung der feindlichen Nachbarn, die auf perfideste Art das auf blond gedrillte Deutschlandidyll zersetzt – denn allzu löchrig scheinen ihnen die Zäune um die angeblich so gebärfreudige fremdländische Frau.

Woher nehmen diese Menschen so viel Zuversicht? Ich sehe weit und breit nichts davon; alles so deutsch wie eh und je. Da sehne ich mich doch nach der Umvolkung!

Wenn die stinkenden Gedankenblähungen der neuen Rechten nun wieder das “Deutsche Volk” sein sollen, wäre es tatsächlich das beste, es einfach auszutauschen. Achtung, Deutsche! Angetreten zur umfassenden Umvolkung!

Schwarze, Braune, Gelbe, Weiße, Asiaten und Araber, Afrikaner, ihr Menschen aus Amerika, aus Indien, Menschen allen Glaubens – kommt uns zu Hilfe! Strömt herbei und umvolkt uns, aber gründlich!

Umvolkung ist ein erstaunlich vernünftiger Vorschlag

Geben wir diesem schönen Landstrich eine schönere Zukunft, als Maschendraht-Michel und Volksgemeinschaft der Ätzenden für ihn bereithalten. Umvolkung ist eigentlich ein erstaunlich vernünftiger Vorschlag, wenn man sich die Sache näher anschaut.

Da niemand, der einigermaßen alle Maschen am Zaun hat, jenem “Deutschen Volk” von Kleinmut, Neid und Stänkerei auch nur eine Träne nachweinen würde, wäre allen übrigen Deutschen gedient, die sich für ihr Land nur das Beste wünschen: Denen, die wie ich hier geboren wurden und seit Generationen hier leben, sowie allen neuen Deutschen, wo sie auch herkommen mögen.

Lasst uns doch gemeinsam ein neues Deutschland schaffen, auf Werte der Demokratie, Vielfalt, Solidarität und Verantwortung gebaut, aber auch aus Spaß und Leidenschaft – ein Volk, das keinen Maschendrahtzaun mehr braucht, weil wir dann entweder alle Ausländer sind, oder keiner es mehr ist.

Hier ein wenig mehr genetische und kulturelle Zerstreuung und dort ein wenig mehr Selbstabschaffung durch Reproduktionsmüdigkeit – das wäre, wie Deniz Yücel es einmal genannt hat, “Völkersterben von seiner schönsten Seite”.

(mf)