LIFESTYLE
19/07/2018 18:26 CEST | Aktualisiert 08/08/2018 08:53 CEST

Ulmer Professor will unsterblich werden – so will er es anstellen

"Ich stelle mir das wie einen angenehmen, traumlosen Schlaf vor."

Klaus Sames streichelt über einen winzigen Totenschädel. “Den Vogel hab ich gefunden.” Er deutet auf ein anderes Knochenstück. “Die Gans hab ich gebraten.” Jetzt nimmt er ein dickes Knochenstück in seine Hände. “Das war mal ein Hund oder Wolf.”

Die Augen des 79-jährigen Professors glänzen. Mit den schulterlangen weißen Haaren und der Glatze sieht er ein bisschen aus wie ein entfernter Cousin von Albert Einstein.

Im Video oben: Auch dieser russische Wissenschaftler denkt, das Mittel zur Unsterblichkeit gefunden zu haben. 

In seinen Regalen reihen sich Totenschädel und Knochen aneinander. In einem Bilderrahmen hängen Insektenbeinchen, in einem anderen aufgespießte Schmetterlinge. Auf einem Regal thront ein ausgestopfter Vogel.

Das Arbeitszimmer des Ulmer Professors spiegelt sein größtes Interesse und gleichzeitig seine größte Angst wider: den Tod. Auch, wenn er abstreitet, dass ihm der Tod Angst einjagt. 

“Ich glaube nicht an den Tod“, sagt Sames. Das Wort “Tod“ spricht er spöttisch aus, wie den Namen eines Menschen, den er verachtet. Für Sames ist der Tod nicht das Ende des Lebens, sondern ein Fehlkonstrukt, “ein Pfusch der Natur“.

Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt er sich deshalb mit der Frage, wie die Menschheit diesen “Pfusch” umgehen könnte. “Wenn wir nicht mehr sterben müssen, dann wird die Welt von einem Zwang befreit“, sagt er.

Zumindest für sich selbst hat Sames eine Lösung gefunden: Er will sich einfrieren lassen. 200 Jahre, mindestens – mit der Technik der Kryonik. Alle anderen Menschen sollten dasselbe tun, sagt er. 

Tiefgekühlt im Tank für ein ewiges Leben 

Kryonik bezeichnet den Vorgang, wenn Organismen zur Konservierung eingefroren werden. Kryoniker glauben daran, dass der eingefrorene Körper nach dem Tod aufgetaut und wiederbelebt werden kann. Der amerikanische Psychologieprofessor James Bedford war der Erste, der sich mit dieser Technik einfrieren ließ. 1967 war das. Seitdem liegt er tiefgekühlt in einem Tank im “Chronic Institute” in den USA. 

Das größte Unternehmen für Kryonik ist die “Alcor Life Extension Foundation” in Arizona. Mittlerweile lagern dort 158 menschliche Körper, darunter eine chinesische Science-Fiction-Autorin, ein Mädchen aus Thailand und die Baseball-Legende Ted Williams. Auch der deutsche Milliardär und PayPal-Gründer Peter Thiel will sich einfrieren lassen und investiert in die Kryonik-Forschung in den USA. 

Mehr zum Thema: So will sich die Silicon-Valley-Elite unsterblich machen

In Deutschland ist Kryonik verboten. Neben den USA gibt es auch in Russland ein Unternehmen, “Kriorius”, das Tote in Tiefkühlbehältern aufbewahrt. Wie viele Menschen weltweit schon Geld für den Sarg auf Zeit gezahlt haben, ist unklar. Schätzungen zufolge sind es etwa 3.500. 

3.500 Menschen, die nicht wahrhaben wollen, dass das Leben ein Ende hat und nach einem Weg suchen, damit umzugehen. Sie stehen für die Verzweiflung, die wohl die meisten von uns angesichts des Todes fühlen und versuchen mit allen Mitteln, der Endgültigkeit des Todes zu entgehen. 

Amelie Graen
Will sich für das ewige Leben einfrieren lassen: Kryoniker Klaus Sames.

60 Kilogramm Eis für den Leichnam – “gibt es an der Tanke”

Auch Sames hat schon alle Vorkehrungen getroffen. Die Uhr an seinem Handgelenk ist keine gewöhnliche Uhr. Es ist ein kleines Überwachungssystem, das zu jeder Zeit seinen Herzschlag misst. Sobald dieser von der Norm abweicht, meldet die Uhr seinen Herzrhythmus, ortet ihn und schickt die Daten an einen Server. Ein Informatiker hat ihm das System programmiert.

Der Server ruft automatisch einen Bestatter in seinem Heimatort, dem bayerischen Senden, an. Der weiß Bescheid, sein Telefon ist 24 Stunden besetzt. Im Notfall fährt er sofort los und besorgt 60 Kilogramm Eis für Sames’ Leiche.

“Das Eis bekommt er an der Tankstelle oder beim Party-Service“, sagt Sames. 

Wie bei Dornröschen, nur eben kopfüber im Stickstoff-Tank

Der Leichnam muss sofort gekühlt werden, damit alles nach Plan verläuft. Der Bestatter wird in Sames’ Körper verschiedene Mittel spritzen, um die Zellen zu schützen. Ein Kardiotechniker soll Sames anschließend das Brustbein aufsägen und Frostschutzmittel in seinen Körper pumpen. 

Der Körper wird auf minus 78 Grad herunter gekühlt. In diesem Moment verwandelt sich die Leiche in eine Art Eisklotz, sie wird, in der Fachsprache, vitrifiziert.

Wenn alles nach Plan läuft, wird der Körper dann nach Detroit, in die USA geflogen. Dort befindet sich das Cryonics Institute. Sames hat dem Institut schon vor 22 Jahren 21.000 Euro dafür gezahlt hat, dass sie ihn eingefroren bei -196 Grad lagern werden. “Ich stelle mir das wie einen angenehmen, traumlosen Schlaf vor“, sagt Sames.

Ähnlich wie in dem Märchen von Dornröschen will er sich nach einem hundertjährigen Schlaf durch ein Wunder wiederbeleben lassen. Nur, dass Sames nicht auf einem Prinzessinnen-Bett in einem Turm schläft, sondern kopfüber in einem Stickstoff-Tank hängt. “Das Gehirn muss am meisten gekühlt werden, das funktioniert kopfüber am besten“, erklärt er.

Wir können ewig leben. Unsere Zellen sind darauf angelegt, sich wieder und wieder zu erneuern. Klaus Sames, Kryoniker und Mediziner

Angst, dass bei dem Plan etwas nicht funktionieren könnte, hat der Professor nicht. ”Ärzte fragen sich doch auch nicht, ob etwas schief gehen könnte, wenn sie einen Patienten wiederbeleben“, argumentiert er. “Sie tun es einfach. Ohne es in Frage zu stellen.”

Der Professor ist überzeugt: “Wir können ewig leben. Unsere Zellen sind darauf angelegt. Sie erneuern sich wieder und wieder, von ganz alleine. Das ist von der Natur so vorgesehen.”

Wissenschaftler sind sich hingegen uneins. Eckhard Nagel, der ärztliche Direktor des Essener Universitätsklinikums, sagte “Zeit Online”, Kryonik sei “reine Science Fiction” und eine Industrie, die aus der Angst vor dem Tod Kapital schlage. Kryoniker selbst sehen die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich reanimiert zu werden, bei einem bis fünf Prozent. 

Vorteile eines zeitlich begrenzten Lebens sieht Sames nicht. Menschen, die so denken, sind für ihn “Lebensversager”.

Er könne höchstens verstehen, wenn jemand ein schweres Leben hinter sich bringen wolle. Für ihn aber sei das nichts. Er will ewig leben, am liebsten in einem jüngeren Körper.

“Vielleicht gibt es in 200 Jahren noch viel mehr schöne Frauen als jetzt auf der Welt“, sagt er und grinst. “Frauen, die mit mir als Omas eingefroren werden.“

Sames findet, dass alle Menschen über das Einfrieren nachdenken sollten. Eine Mutter, die ihr an Krebs gestorbenes Kind nicht einfrieren lässt, macht sich in seinen Augen sogar schuldig. Er ist davon überzeugt, dass es möglicherweise schon in einigen Jahren ein Medikament gegen Krebs geben und ein totes Kind wiederbelebt werden könnte.

Der Professor hofft auf Zeitmaschinen

Was ihn am meisten schmerzt, ist, dass er seine Tochter nicht wiedersehen kann, wenn er in etwa 200 Jahren – daran glaubt er fest – auftauen und leben wird. Denn seine Familie will sich nicht einfrieren lassen.

“Aber in 200 Jahren werden wir vielleicht auch schon Zeitmaschinen entwickelt haben, sodass es für mich doch noch eine Möglichkeit geben wird, meine Tochter wiederzusehen“, sagt er hoffnungsvoll.

Er sieht so traurig in diesem Moment aus, dass ihm anzumerken ist: Dieser Mann will vielleicht ewig leben – vor allem aber will er niemals sterben. Der Gedanke, einfach nicht mehr da zu sein, ist ihm unbegreiflich und unvorstellbar. Wie es wahrscheinlich jedem Menschen geht, der versucht, sich das vorzustellen.

“Aber das tun ja die meisten Menschen nicht, das sind Todesverdränger“, sagt Sames wütend.

Der Gedanke, dass vielleicht er selbst der größte Todesverdränger von allen ist, scheint ihm noch nicht gekommen zu sein. Anstatt den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren, denkt er lieber darüber nach, wie sein Leben in 200 Jahren aussehen könnte.

In seiner Vorstellung werden wir Menschen dann vielleicht schon andere Sterne besiedeln, um eine Überbevölkerung zu vermeiden. Sogar eine Bevölkerungspolitik stellt sich Sames vor. Jedes Ehepaar sollte dann seiner Meinung nach nur noch zwei Kinder bekommen dürfen.

Nie wieder zu sein, das kann ich nicht akzeptieren. Klaus Sames

Den Vorwurf, er sei egoistisch, würde sein ewiges Leben über das von ungeborenen Menschen stellen, wischt er mit einer wegwerfenden Handbewegung fort.

“Was sind denn ungeborene Menschen? Zellhaufen!“ Er klingt gereizt. “Jede Eizelle und jedes Spermium ist ein ungeborener Mensch. Jede meiner Zellen ist ein verhinderter Mensch.“

Er lacht, aber es klingt nicht glücklich. “Das Leben ist im Grunde grausam.“

Und vielleicht ist es das, wodurch der Professor wieder ein bisschen weniger kalt und egoistisch erscheint. Er glaubt fest daran, dass er etwas Gutes tut, dass nicht nur ihm, sondern der ganzen Welt helfen könnte.

“Nie wieder da zu sein, das kann ich nicht akzeptieren.“ Niemand von uns sollte das, findet der Professor. Fast ist es zynisch, dass sich der 79-Jährige die letzten Jahre seines Lebens mit nichts anderem als dem Tod beschäftigt. 

Dass Sames nach seinem Tod jemals wieder auftauen und leben wird, ist derzeit unwahrscheinlich. Doch seine Hoffnung lässt er sich von keinem Kritiker nehmen. 

Die Hoffnung darauf, dass er irgendwann wieder zum Leben erweckt wird und er der Welt beweisen kann: Der Tod ist nicht das Ende, es ist nur “ein Pfusch der Natur”.

(ll)