POLITIK
26/12/2017 07:49 CET | Aktualisiert 27/12/2017 12:36 CET

"Links-grün-versiffte Predigten?": Provokanter Tweet sorgt für hitzige Debatte

"Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen?"

dpa / twitter
  • In einem Tweet hat “Welt”-Journalist Ulf Poschardt die Politisierung von Weihnachtspredigten angeklagt
  • Politiker der Grünen und der SPD widersprachen ihm – beide Seiten überzogen sich mit Hohn

“Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt war offenbar verärgert. Noch am Heiligabend pöbelte der Journalist gegen die vermeintlich zu politischen Gottesdienste.

“Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht”, schrieb Poschardt auf Twitter.  

Politisch ging es tatsächlich zu an Weihnachten. Papst Franziskus hatte in seiner Weihnachtspredigt zu mehr Mitgefühl für Flüchtlinge aufgerufen, die evangelische Pfarrerin Margot Käßmann hatte zuvor gegen den Kommerz und die Inhaltsleere des Weihnachtsfestes gewettert.

Haben diese Aussagen einen Platz in einer Weihnachtspredigt? Poschardt sagt nein, Politiker der Grünen und auch der SPD widersprachen ihm. Ein Überblick über die teilweise hämisch geführte Debatte.

Peter: “Einmischung brauchen wir mehr denn je”

Die Grünen-Chefin Simone Peter antwortete auf den Tweet des “Welt”-Journalisten: “Dann sollte ich tatsächlich mal wieder in eine Christmette gehen. Hört sich gut an. Und Einmischung brauchen wir mehr denn je bei Ungleichheit, Abschottung, Klimakrise.”

SPD-Politiker Ralf Stegner twitterte ebenfalls darüber. “Wer nichts zu Krieg und Frieden, Not und Gerechtigkeitsfragen, Hunger und Flüchtlingen hören will, sollte die Weihnachtsgottesdienste der christlichen Kirchen wohl besser meiden.”

Sein Genosse Karl Lauterbach formulierte noch provokanter: “In der Christmette bei Jusos und Grüne Jugend fehlt ihm wohl der als Realismus getarnte Zynismus. Ich mag Gutmenschen”.

“FAZ”: “Wie ‘links-grün-versifft’ sind Weihnachtspredigten?”

Schließlich befragte die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” am Montag die Grüne-Jugend-Sprecherin Ricarda Lang über den Tweet. “Wie ‘links-grün-versifft’ sind Weihnachtspredigten?”, wollte die “FAZ” wissen. 

Lang wurde deutlich: “Für uns ist Humanität ein gesamtgesellschaftlicher Anspruch – für Ulf Poschardt scheint Nächstenliebe hingegen eine links-grün-versiffte Marotte für Jusos und Grüne Jugend zu sein.” Das sage mehr über den Journalisten als über die Grünen aus.

Die Sprecherin der Grünen-Jugend nannte Poschardts Tweet “gehässig” und bot ihm an, mal bei der Organisation vorbei zuschauen. “Denn wenn ich mir so seinen Twitter-Account ansehe, könnte er, was faire Debattenführung angeht, dort noch einiges lernen.”

Poschardt: “Herrlich, wie dieser Tweet zerfetzt wird”

Poschardt fühlte sich durch die Kritik allerdings eher bestätigt. “Herrlich, wie dieser Tweet von einer Allianz aus SPD, Grüne, Juste-Milieu-Medien zerfetzt wird”, schrieb er später auf Twitter.

Und fügte hinzu: Quod erat demonstrandum, was zu beweisen war.

Sollte wohl heißen: Dass sich gerade grüne und linke Anhänger und Politiker auf den Schlips getreten fühlten, belege, dass sie das “jüdisch-christliche Prinzip der Nächstenliebe exklusiv für sich in Anspruch” nehmen würden, wie Poschardts Kollege Filipp Piatov schrieb.

Später sprach Poschardt noch vom “Aufmarsch der Scheinheiligen” und vom “libidinösen Kern der vermeintlichen Moral”, gemeint war der Neid. 

Poschardts Evangelium

Langweilig waren die Feiertage so zumindest nicht. Unter dem Hashtag #PoschardtEvangelium teilten zig Twitter-Nutzer lustige Sprüche und legten Jesus und seinen Bibel-Genossen politische Aussagen in den Mund:

“Und Jesus traf auf die Alten, die in den Scheunen hausten, und sprach: ’Hättet ihr euch mal Eigentum angeschafft!”

Oder etwa auch: “Und eine Stimme sprach von oben herab und es war die Stimme des Heiland und sie sagte: ‘Eure Armut kotzt mich an!’”