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09/07/2018 11:39 CEST | Aktualisiert 09/07/2018 11:39 CEST

Tracey Crouch ist die erste Einsamkeitsministerin – alle Welt fragt sie um Rat

"Viele Staaten klopfen an. Kanada, die Vereinigten Arabischen Emirate, Schweden, Japan, Island. Ich kann mir keine Region der Welt vorstellen, die nicht auf das Amt aufmerksam geworden wäre."

Stephen Pond via Getty Images
Einsamkeits-Ministerin Tracey Crouch spielt Tischtennis beim Besuch des 'Fit for Fun'-Projekts an der University of East Anglia.

Tracey Crouch ist eine gefragte Frau. Ihr Email-Postfach quillt über, ihr Handy klingelt unaufhörlich und ihr Kalender ist gespickt mit Meetings.

Seit sie im Januar zur weltweit ersten “Ministerin für Einsamkeit” ernannt wurde, kann sich die 42 Jahre alte britische Politikerin kaum retten vor persönlichen Hilfegesuchen und dem riesigen Interesse von Regierungen aus aller Welt.

Ihre neue Aufgabe hat sie von Premierministerin Theresa May zugewiesen bekommen. Anlass war eine Studie, der zufolge sich mehr als neun Millionen Briten oft oder immer einsam fühlen.

Bald erkannte Crouch allerdings, dass soziale Isolation nicht nur ein Problem im Vereinigten Königreich ist. Die Botschaft aus aller Welt an London war laut und deutlich: Sie sind nicht allein, wenn es um Einsamkeit geht.

Crouch will auf die Rolle von Einsamkeit in Gesellschaft und Gesundheit aufmerksam machen

“Die Reaktion war phänomenal“, sagt Crouch zur HuffPost. “Nach dem morgendlichen Treffen mit der Presse kehrten wir in mein Parlamentsbüro zurück. Dort fand ich meine Sekretärin buchstäblich verkrochen unter dem Schreibtisch, weil das Telefon ständig klingelte, der E-Mail-Strom war verrückt.

Es war außergewöhnlich: Bei uns meldeten sich sowohl Menschen, die Lösungen entwickeln, wie man in Gemeinschaften Kontakt hält, als auch Menschen, die selbst unter Einsamkeit leiden. Viele sahen die bahnbrechende Chance, den Fokus in der gesellschaftlichen Debatte auf die Einsamkeit zu richten. Auf ihre Rolle in Gemeinschaften und für die öffentliche Gesundheit.“

Beim gemeinsamen Gespräch in ihrem Regierungsbüro, nur wenige Meter vom Big Ben Tower entfernt, ist Crouch frisch von einem Treffen mit norwegischen und dänischen Ministern zurückgekommen, die von der britischen Initiative lernen wollen.

“Viele Staaten klopfen an. Kanada, die Vereinigten Arabischen Emirate, Schweden, Japan, Island. Ich kann mir keine Region der Welt vorstellen, die nicht auf das Amt aufmerksam geworden wäre. Deutschland ist stark interessiert. Bei Europa wundert es uns nicht, aber es berichten auch viele afrikanische Länder über uns. Neuseeland ließ mich wissen: ‘Wir beobachten, was Sie tun’. Da heißt es, nicht unter Druck setzen lassen!”

Die britische Regierung ergriff die Initiative nach der Veröffentlichung der Einsamkeits-Studie “Jo Cox Commission on Loneliness”.

Die Labour-Abgeordnete Jo Cox hatte mit der Untersuchung von Einsamkeit begonnen, nachdem sie sich nach der Geburt ihres ersten Kindes selbst sehr isoliert gefühlt hatte. 2016 wurde sie während der Brexit-Kampagne von einem Rechtsextremisten brutal ermordet.

Besonders zwei E-Mails haben Crouch sehr bewegt 

Die in ihrem Namen gegründete Kommission soll als eine Art Vermächtnis daran erinnern, dass Politik die Macht hat, Gemeinschaften zu vereinen statt zu spalten.

Zu den wichtigsten Empfehlungen der Kommission gehören nicht nur die Schaffung eines Ministeriums für Einsamkeit, sondern auch mehr evidenzbasierte Forschung. Ziel ist, Lösungen für ein Problem zu finden, von dem Premierminister May sagte, es sei “für viel zu viele Menschen...die traurige Realität des modernen Lebens“.

Von den Tausenden von E-Mails, die Crouch seit Januar erhalten hat, fand sie zwei besonders bemerkenswert.

Wir sollten sie ernst nehmen. Sie wirkt sich auf die öffentliche Gesundheit aus. Tracey Crouch

“Die eine stammt von einer jungen Dame in den 30ern. Sie schrieb mir, sie sei Prostituierte und wegen ihres Jobs nach London gezogen. Die Arbeit sei großartig, aber sie sei unglaublich einsam, weil sie aufsteht, zur Arbeit geht, und dann, wenn sie zurückkommt, gebe es nur Leere“, erzählt Crouch.

“Ihre Freunde und ihre Familie leben woanders, und es fällt ihr schwer, wirkliche Freundschaften zu knüpfen. Die Stadt ist zwar lebendig und vielfältig, aber wenn man schüchtern ist und nicht in Clubs oder Bars geht, wird es schwierig.“

Die andere E-Mail hat ein älterer Herr, ein Wähler der Konservativen, geschickt. “Er hatte seine Frau, die vor einigen Jahren gestorben ist, rund um die Uhr gepflegt, sich dabei aber unglaublich einsam gefühlt. Er schrieb, er habe nicht gewusst, dass es Einsamkeit war, bis er anfing, darüber zu reden. Nun will er wissen, ob es Projekte vor Ort gibt, an denen er sich beteiligen kann.“

Lebenserwartung durch Einsamkeit sinkt so stark wie durch 15 Zigaretten am Tag

Schon die Bekanntgabe des Ministeramts habe deutlich gemacht, dass Einsamkeit weit verbreitet ist. “Wir sollten sie ernst nehmen. Sie wirkt sich auf die öffentliche Gesundheit aus.”

Die Folgen sind nach den wenigen Untersuchungen, die bislang existieren, erheblich. Nach einer US-Studie sinkt die Lebenserwartung durch Einsamkeit genauso stark wie durch den Konsum von täglich 15 Zigaretten und sogar noch stärker als durch Fettleibigkeit.

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Tracey Crouch – damals noch Sportministerin – beim jährlichen Reha-Pfannkuchen-Rennen des Parlaments.

Der ehemalige US-Chirurg General Vivek Murthy schrieb vergangenes Jahr, das häufigste Krankheitsbild, das er als Arzt erlebt habe, seien weder Herzkrankheit noch Diabetes gewesen: “Es war Einsamkeit.”

Seit den 1980er-Jahren hat in Japan das Sterben vereinsamter alter Menschen sogar einen Namen: kodokushi.

Eine aktuelle Studie der Meinungsforschungsinstitute Cigna und Ipsos MORI ergab, dass die Einsamkeit in den USA “epidemische Ausmaße” erreicht habe. Fast die Hälfte der Befragten gab an, dass sie sich manchmal oder immer einsam (46 Prozent) oder ausgeschlossen (47 Prozent) fühlten.

Jüngere Menschen sind einsamer als ältere

Eines der überraschendsten Ergebnisse in der Cigna-Studie war, dass jüngere Generationen einsamer sind als die mittleren Alters. Am akutesten ist das Problem bei den 18- bis 22-Jährigen. Auch Millennials im Alter von 23 bis 37 Jahren fühlen sich einsamer als die “Baby Boomer” im Alter von 52 bis 71.

Diese Ergebnisse stimmen mit Erhebungen des britischen Statistikamtes überein, die im April veröffentlicht worden sind. 

“Anders als man annehmen möchte zeigen die Zahlen, dass sich jüngere Menschen einsamer fühlen. Obwohl ältere Menschen in der Statistik eine große Rolle spielen, sind es die 16- bis 24-Jährigen, die sich am häufigsten einsam fühlen.“

Eine mögliche Ursache für Einsamkeit insbesondere bei jungen Menschen ist das Aufkommen der digitalen Medien. Tracey Crouch

Eine Rolle könnte dabei spielen, dass soziale Medien nicht wirklich so „sozial“ sind, sagt die Ministerin: “Eine mögliche Ursache für Einsamkeit insbesondere bei jungen Menschen ist das Aufkommen der digitalen Medien. Die junge Generation ist so stark vernetzt wie nie zuvor – und doch nimmt die Einsamkeit zu.“ Hier sieht Crouch einen möglichen Zusammenhang.

„Was real ist und was virtuell? Die Leute denken, dass sie 200 Freunde auf Instagram oder Facebook haben, aber wenn sie echte Freunde brauchen, fehlt die Verbundenheit.“

Forschungen, wie man bei Kindern Widerstandskraft aufbauen kann, sollen helfen zu verstehen, wie eine gesunde Nutzung zu sozialen Medien möglich ist.

Denn Crouch sieht durchaus auch Vorteile von digitalen Medien. “Die digitale Vernetzung kann Lösungen bieten, wie ältere Menschen Kontakt zu ihren Familien in aller Welt halten. Als Generationen übergreifendes Projekt können junge Menschen alte im Umgang mit Computern schulen. Sinnvoll können auch Apps sein, die beispielsweise junge Mütter in ihrer Umgebung zusammenbringen.“

Die Ministerin hat selbst Einsamkeit nach der Geburt ihres Sohnes erlebt

Als Positivbeispiel nennt Crouch die britische App “Mush”, die es Müttern junger Kinder ermögliche, echte soziale Netzwerke aufzubauen. Sie spricht aus Erfahrung: Sie war die erste britische konservative Ministerin, die während ihres Amtes Mutterschaftsurlaub genommen hat, und weiß, dass Elternschaft ein einsames Geschäft sein kann.

Ihr Sohn Freddie wurde 2016 geboren, auf dem Höhepunkt des britischen Referendums über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. “Frisch im Mutterschaftsurlaub, während der Rest von Westminster wegen dem Brexit verrücktspielt – da musst du Einsamkeit fühlen”, sagt sie.

Selbst wenn man einen wunderbaren Partner, eine brillante Familie und Freunde habe. Wenn sie zur Arbeit gegangen sind und man plötzlich mit dem Baby allein sei und nichts zu tun habe, fühle man sich durchaus auch mal isoliert.

Tracey Crouch, eine ausgebildete Fußballtrainerin und begeisterte -spielerin, ist auch britische Sportministerin. Von daher überrascht es nicht, dass sie als Reaktion an die frische Luft ging.

“Es lag auf der Hand: Ich wollte mich natürlich bewegen. Also ging ich mit Freddie im Kinderwagen spazieren, zum Supermarkt. Ich unterhielt mich mit der Kassiererin, ging nach Hause und fühlte mich besser.“

Problematisch wird es, wenn dich das Gefühl überwältigt, du es nicht mehr unter Kontrolle hast. Auf diese Gruppe von Menschen schauen wir. Tracey Crouch

Sie betont, dass sie nie unter “akuter“ Einsamkeit litt. Als Ministerin kümmert sie sich dagegen um Menschen, deren Zustand “lähmend” wird.

Gleichzeitig macht Crouch klar, wie wichtig es ist zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommt.

“Dass sich Menschen gelegentlich einsam fühlen, ist normal. Es ist wichtig zu lernen, mit diesem Gefühl umzugehen. Problematisch wird es, wenn dich das Gefühl überwältigt, du es nicht mehr unter Kontrolle hast. Auf diese Gruppe von Menschen schauen wir.“

Das Ministerium will herausfinden, wer, warum am gefährdetsten ist

Junge Eltern sind nur eine von mehreren Gruppen, auf die sich Crouchs Beamtenstab konzentriert. Er stammt aus zehn verschiedenen Regierungsabteilungen.

Das Ministerium untersucht, welche Gruppen am gefährdetsten sind, was die Trigger sind und ob es Übergangsphasen gibt. Bei älteren Menschen könne Trauer ein Auslöser sein. Oder, dass sie zu einem Vollzeitpfleger werden.

Mehr zum Thema:Unsere Regierung muss jetzt gegen Einsamkeit vorgehen

Sie verweist auf die Pionierarbeit eines “Trauerclubs” des Bestattungsunternehmens Co-Operative Funeral Care. Im Empfangsbereich liegen Flugblätter zu Betroffenengruppen in der Umgebung aus. Innerhalb der Trauerclubs kam es bereits zu zwei Eheschließungen, “was ich großartig finde“, erzählt sie.

Bei der jüngeren Generation kann ein Umzug – für die Arbeit oder fürs Studium – Auslöser sein. Crouch deutet an, dass womöglich die Einführung von Studiengebühren zu mehr Isolation geführt habe.

 Systematische Forschung ist wichtig

“Das Universitätsleben hat sich in vielerlei Hinsicht stark verändert. Früher gingen wir auch zur Uni, um Erfahrungen zu machen, die das Leben bereichern. Jetzt mit den Studiengebühren wird die Universität dagegen zu einem Ort, an dem man studiert und das war‘s. Es bilden sich nicht unbedingt die gleichen zwischenmenschlichen Verbindungen wie bei uns.“

Interessant sei, wie die Entwicklung in anderen Ländern verlaufe. In den USA gab es schon immer Gebühren, ist Einsamkeit im UK ein neues Phänomen wegen der Erhöhung der Studiengebühren? Oder ist es etwas, das auch in anderen Ländern passiert? Ohne Forschung sei das schwer zu beurteilen.

Das Wichtigste ist, das Problem zu erkennen und Vorurteile abzubauen.

Neu im Parlament interessierte sich Crouch schon früh für die Kampagne zur Beendigung von Einsamkeit in Großbritannien, die es seit mehr als einem Jahrzehnt gibt. Ihrer Meinung nach hinkt das Projekt verglichen mit ähnlichen Initiativen allerdings zehn Jahre hinterher. Crouch nennt das Thema psychische Gesundheit.

Einsamkeit kann zu Depressionen und Angstzuständen führen

“Das Wichtigste ist, das Problem zu erkennen und Vorurteile abzubauen. Wir stehen am Anfang einer Reise, die im Fall von psychischer Gesundheit schon vor einem Jahrzehnt begonnen hat. Organisationen haben phänomenale Arbeit geleistet, indem sie durch das Thematisieren psychischer Probleme die Stigmatisierung beendet haben. Im Fall von Einsamkeit stehen wir da erst am Anfang.“

Es bestehe eine enge Zusammenarbeit mit Organisationen für psychische Gesundheit, sagt Crouch. Auch wenn Einsamkeit nicht zu psychischen Problemen führen müsse, könne es durchaus eine Verbindung geben. “Wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert werde, könnten sich größere Probleme wie Depressionen oder Angstzustände entwickeln.“

Es gibt nicht EIN Problem und deshalb auch nicht die EINE Lösung. Tracey Crouch

Die Ministerin ist sich des Ausmaßes der vor ihr liegenden Aufgabe bewusst. “Ich sehe es als Privileg an, die erste Einsamkeitsministerin der Welt zu sein und Pionierarbeit leisten zu können. Ich denke über Strategien nach, die die gesamte Regierung, lokale Behörden und Gemeindeorganisationen miteinbeziehen.“

Gleichzeitig, sagt sie, sei die Herausforderung überwältigend: „Weil es so viele verschiedene Probleme gibt. Es gibt nicht EIN Problem und deshalb auch nicht die EINE Lösung.“

Weiter sei Einsamkeit subjektiv: Sie kann durch persönliche Umstände zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben eines Menschen ausgelöst werden, zu einem anderen Zeitpunkt wäre nichts passiert.

Einsamkeit ist subjektiv – das macht den Umgang damit so schwer

Das Schwierige sei, dass man einsame Menschen nicht systematisch erfassen könne. “Man kann nicht automatisch davon ausgehen, dass jemand, der allein lebt, einsam ist. Genauso wenig stimmt die Prämisse, dass wer verheiratet ist und drei Kinder hat, nie einsam ist.“

Crouch spricht von einer großen Herausforderung. Sie und ihre Mitarbeiter kooperieren mit vielen Partnern, um einsame Menschen und Einsamkeit zu identifizieren.

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Eine der Ursachen für die Einsamkeitsepidemie ist demografisch bedingt: Junge Männer und Frauen bekommen viel später Kinder als ihre Eltern und Großeltern. Dass Menschen wie früher vom Elternhaus direkt in die Ehe gehen, ist selten geworden, und die Zahl von Singles nimmt zu. In der EU gibt es die weltweit höchste Anzahl an Ein-Personen-Haushalten.

Im Herbst will Crouch eine Einsamkeits-Strategie veröffentlichen

Im Herbst will die Ministerin eine erste Strategie veröffentlichen, wie auf die Probleme reagiert werden kann. Sie deutet an, dass eine Antwort darin liegen kann, Städte baulich zu verändern.

“Wir haben Einsamkeit geradezu in Gemeinschaften eingebaut: Durch den Bau zahlreicher Gated Communities für Single-Haushalte, durch die Tatsache, dass man eine Zahlenkombination benötigt, um ins Haus zu kommen, oder man nicht wissen, wer in der Wohnung nebenan lebt. Haben wir diese Probleme versehentlich verursacht?”

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Tracey Crouch macht ein Selfie mit Jugendlichen bei der Vorstellung einer lokalen Initiative in Beckenham.

Die USA hätten eine Geschichte, von der andere lernen könnten, sagt sie und spricht über den Ruhestandsstaat Florida. Aus britischer Perspektive sehe man dort einen sehr gesunden, glücklichen Staat für Rentner, der den Bedürfnissen und Wünschen gerecht werden.

“Ist das etwas für uns? Mehr Dörfer für Rentner bauen?”, fragt Crouch.

Nicht alle Besucher in Crouchs Büro sind Minister. Kürzlich kam die US-amerikanische Schauspielerin Goldie Hawn vorbei. Sie hilft jungen Menschen bei der Bewältigung von Stress und Angst.  

“Sie ist großartig. Wir diskutierten, wie man schon mit kleinen Kindern Wege finden kann, mit Stress und Ängsten umzugehen; mit Bewältigungs- und Atemmechanismen.”

Alte und junge Menschen können sich gegenseitig vor Einsamkeit schützen

Hawn, 72 Jahre alt, ist einfach eine ältere Mitbürgerin, die Jugendlichen hilft, die Widerstandsfähigkeit aufzubauen, die sie brauchen, um Phasen von Einsamkeit zu bekämpfen. Besonders beeindruckt war Crouch von generationenübergreifenden Altenpflegeheimen, zu denen auch Kindergärten gehören.

“Es tut älteren Menschen gut, Jugendliche um sich haben, die sie auf Trab halten. Auch ihre Unbedarftheit und Vorurteilslosigkeit tuen gut.“ Aber umgekehrt sei es gesund für die Jüngeren, sich um Großeltern oder Urgroßeltern zu kümmern.

“Das sind zwei Extreme, aber wir sehen die Vorteile. Frührentner lesen freiwillig in der Grundschule oder kümmern sich in weiterführenden Schulen um die Seelsorge. Davon würde ich gerne mehr sehen.“

Linke kritisieren, dass zügelloser Kapitalismus die “Atomisierung” des Miteinander fördere

Regierungskritiker weisen darauf hin, dass die an sich wertvolle Arbeit zur Bekämpfung der Einsamkeit junger Eltern konterkariert wird von Kürzungen etwa bei Kindertagesstätten und frühkindlicher Förderung.

So wurden SureStart Kinderzentren im ganzen Land geschlossen oder verkleinert. Sie waren von der Labour-Regierung unter Tony Blair gegründet worden, um kostenlose Unterstützung im skandinavischen Stil anzubieten. Nun seien junge Mütter wieder stärker isoliert, monieren Kritiker.

Obwohl sich auch die politischen Gegner auf die Einsamkeitsagenda verständigt haben, glauben einige Linke, dass die konservative Regierung das Gefüge der öffentlichen Dienstleistungen, die für den Zusammenhalt der Gemeinschaft notwendig sind, untergraben hat.

Sollten wir genauso darüber nachdenken, wie sich Politik auf Isolation von Menschen auswirkt? Tracey Crouch

Sie argumentieren, dass der zügellose globale Kapitalismus seit langem eher die “Atomisierung” als das Miteinander fördert. Die Rechte hält dagegen, dass die Gesellschaft nicht dasselbe sei wie der Staat.

Crouch steht der Kritik offen gegenüber und schlägt vor, vor künftigen Änderungen im öffentlichen Sektor die möglichen Folgen auf die Isolierung von Menschen abschätzen zu lassen. “Manche Entscheidungen könnten unbeabsichtigte Konsequenzen mit sich gebracht haben”, räumt sie ein.

Einsamkeit als Prüfstein für politische Entscheidungen?

Tatsächlich lasse sie gerade untersuchen, ob Einsamkeit als ein Prüfstein verwendet werden kann, bevor politische Entscheidungen umgesetzt werden. “Wir tun das beispielsweise bereits mit Blick auf Geschlecht und Behinderung. Sollten wir genauso darüber nachdenken, wie sich Politik auf Isolation von Menschen auswirkt?“

So würden Erfahrungen mit dem Transport auf dem Lande gesammelt. Wenn eine Buslinie abgeschafft wird, wirkt sich das isolierend aus?, zähle zu den Fragen. “Wenn wir Folgen feststellen, muss das nicht bedeuten, dass wir von unseren Pläne ablassen. Aber zumindest wissen wir um die Folgen.“

Einsamkeit existiert schon lange – aber wie können wir sie stoppen?

Sie habe einen klaren Blick auf diese Entwicklungen, sagt Crouch. Aber sie müsse auch sagen, dass Einsamkeit nicht erst im Jahr 2010, als David Cameron zum ersten Mal Ministerpräsident wurde, entstand.

“Eine der großen Herausforderungen wird die Frage sein, wie wir Einsamkeit künftig entgegenwirken können. Wir wissen, dass sie schon lange existiert, aber erst jetzt sprechen wir darüber. Was tun wir in den nächsten 25 Jahren, um sie zu stoppen?“, sagt Crouch.

 

Die Regierung in London wird das nicht alleine lösen. Sie ist nur ein Stein im Mosaik. Letztlich spielen lokale Behörden, Unternehmen und gemeinnützige Organisationen eine Rolle. Tracey Crouch

Ihr sei auch bewusst, dass sie als Ministerin nicht den Ruhm für erfolgreich umgesetzte Strategien einfahren werde. Es werde Jahrzehnte dauern, um die Problematik zu lösen.

Was sie in den sechs Monaten seit Beginn meiner Tätigkeit gelernt habe sei, dass es kein Schwarz-Weiß, sondern viele Grautöne gebe.

Nicht die Politik löst die Probleme, sondern lokale Organisationen

Im vergangenen Monat schuf Crouch eine rund 22,6 Millionen Euro schweren Fonds, um Initiativen von Wohlfahrtsorganisationen, Gemeindegruppen und anderen Bündnissen zu unterstützen.

Crouch ist großer Fan von “MenSheds”. Die Community gibt Männern die Möglichkeit, gemeinsam Hobbys wie Holzverarbeitung nachzugehen. Zu den weiteren Projekten gehört ein “Radio Club” in Birmingham, eine wöchentliche Show, die alleinstehende Senioren zusammenbringt.

“Die Regierung in London wird das nicht alleine lösen. Sie ist nur ein Stein im Mosaik. Letztlich spielen lokale Behörden, Unternehmen und gemeinnützige Organisationen eine Rolle“, sagt Crouch.

Die Ministerin hebt auch Projekte von Firmen hervor. So eröffnete die Costa Coffee Kette in 250 Filialen ein “Chatty Café”: Zu bestimmten Zeiten wird ein Tisch aufgestellt. Wer immer sich an ihn setzt, spricht miteinander.

Etwas ähnliches macht Marks & Spencer in seinem “Frazzle Café”. Die Idee stammt ursprünglich von der US-amerikanischen Komödiendarstellerin Ruby Wax, die sich seit langem für eine bessere psychische Gesundheitsversorgung einsetzt. 

Ich wäre auch lieber die Ministerin für Glück und Wohlbefinden, denn das ist es, was ich letztendlich zu erreichen versuche. Tracey Crouch

Unternehmen sollten sich aber nicht nur einzelne Projekte kümmern, von denen es bereits viele gebe, sagt Crouch. “Sie sollten unbedingt auch auf das Wohlergehen der eigenen Angestellten achten.“

Crouch appelliert an die Firmen, in ihren Mitarbeiterumfragen Fragen zu Einsamkeit zu stellen. Co-op mache dies schon auf vorbildliche Weise. “Das würde ich wirklich gerne öfter sehen.”

Manche kritisieren, dass der Titel “Ministerin für Einsamkeit” kaum trauriger hätte ausfallen können. Crouch schreckte das nicht ab. Man blicke auf Lieder von ‘Eleanor Rigby’ von den Beatles (“All die einsamen Menschen ... woher kommen sie alle?”) bis zu Morrisseys ‘Please Help The Cause Against Loneliness’: Beschwört ihr Titel nicht einfach die Tradition der britischen Melancholie?

Allerdings findet auch Crouch, dass er einen negativen Aspekt hat. “Letzte Woche traf ich den Minister für Glück und Wohlbefinden der Vereinigten Arabischen Emirate. Ich wäre auch lieber die Ministerin für Glück und Wohlbefinden, denn das ist es, was ich letztendlich zu erreichen versuche”, sagt sie.

Der Fokus liegt auf Einsamkeit als Phänomen – mit weltweitem Interesse

“Aber erinnern Sie sich: Als David Cameron und die Koalitionsregierung [im Jahr 2010, Anm. d. Red.] einen Glücks-Index erstellten, riss ihn die Vierte Gewalt [die Nachrichtenmedien, Anm. d. Red.] in Stücke.”

Obwohl sie der Meinung ist, dass Ministerin für Glück letztlich der richtige Titel wäre, glaubt Crouch nicht, dass er so gut aufgenommen worden wäre wie die Ministerin für Einsamkeit.

“So haben wir die Einsamkeit als Phänomen herausgestellt und globales Interesse geweckt.“ Die anderen sagten sich, wir haben Einsamkeit, wir müssen verstehen, was sie in Großbritannien machen.

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Es geht allerdings nicht nur um Melancholie, sondern auch um Spott. Während manche mit Blick auf die Einsamkeitsministerin über Harry-Potter-artige Zauberkräfte scherzten, mokierte sich der US-Fernsehmoderator Stephen Colbert ausführlich darüber, was er als “sehr britische” bürokratische Antwort auf ein gesellschaftliches Problem ansah.

Kritik und Spott bestärken Crouch nur darin, wie wichtig ihr Amt ist

“Wie soll das funktionieren?“, fragte Colbert sein Publikum, um dann im Akzent der englischen Oberschicht zu sagen: “Das Ministerium hat Ihren Antrag geprüft und Sie sind leider nicht einsam genug. Ihr Antrag auf Zuneigung wurde abgelehnt.“

Crouch beeindruckte das wenig. “Erst musste ich schlucken“, sagt sie. Auf eine wirklich britische Art habe sie gedacht “Verspotte nicht, was wir tun“. Aber allein, dass er darüber sprach, bedeutete ja, dass das Thema auf der Tagesordnung stand. Am Ende erkannte er, dass es eine wichtige Sache ist, über die man reden muss. Und das vor einem Publikum, das Crouch sonst nicht erreicht.

“Also bin ich dankbar, dass ich zum Witz wurde – wenn es bedeutet, dass Entscheidungsträger anfangen, über das Thema zu reden.“

Witze stören sie gar nicht, wenn die Vereinigten Staaten dafür in die Gänge kommen und darüber nachdenken, wie sie der “Epidemie” vor ihrer Haustür entgegentreten. “Wir glauben, dass die USA an der gleichen Stelle stehen wie wir.”

In den Staaten lebten ebenfalls gewaltige Menschenmengen in den Ballungszentren, die unglaublich vielfältig seien, in denen die Menschen aber auch ziemlich isoliert seien. Daneben gebe es sehr große ländliche Gebiete, in denen die Menschen ebenfalls ziemlich versprengt leben.

“Wenn jemand auf Bundesebene Initiative ergreifen würde, wäre das großartig. Einsamkeit ist ein Problem der öffentlichen Gesundheit. Von staatlicher Seite ist das Gesundheitsministerium zuständig.

Übernehmen Sie, Herr Präsident.”

 Der Artikel ist zuerst in der HuffPost UK erschienen und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas angepasst.

(ujo)