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30/03/2018 13:38 CEST | Aktualisiert 31/03/2018 09:22 CEST

Erik Cavanaugh ist übergewichtig – so hat er es zum Profitänzer geschafft

Seine erste Tanzlehrerin wollte ihn wegen seines Übergewichts nicht unterrichten. Also brachte er sich das Tanzen selbst bei.

Chad Griffith
Erik Cavanaugh tanzt – und lässt sich von Kritik nicht einschüchtern.

Groß, schlank und sehnig-muskulös: So stellt man sich einen Tänzer für gewöhnlich vor. Der US-Amerikaner Erik Cavanaugh ist nichts davon – und trotzdem ein begnadeter Künstler.

“Ich war 16, als ich beschlossen habe, dass ich professioneller Tänzer werden möchte”, sagt der 24-Jährige, der schon als Jugendlicher stark übergewichtig war, im Interview mit HuffPost. 

Dass das nicht leicht werden würde, sei ihm bewusst gewesen, sagt Cavanaugh. Als Kind habe er eine sehr unangenehme Erfahrung mit einer Tanzlehrerin gemacht, erzählt der Amerikaner, der in Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania aufwuchs. 

“Die Tanzlehrerin wollte keinen übergewichtigen Jungen unterrichten”

Als er acht Jahre alt gewesen sei, habe er bereits einen Ballettkurs besucht. 

“Aber die Lehrerin wollte keinen übergewichtigen Jungen unterrichten und legte meinen Eltern nahe, mich aus dem Kurs zu nehmen.”

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Weil seine Eltern ihn vor weiteren Enttäuschungen bewahren wollten, taten sie, was die Lehrerin sagte.

Es vergingen acht Jahre, bis Erik Cavanaugh wieder einen Fuß in eine Tanzschule setzen sollte.

► Die Liebe zum Tanzen jedoch war immer da.

“Nachdem ich die Tanzschule verlassen musste, habe ich in meinem Zimmer und in unserem Garten getanzt”, erzählt Cavanaugh. Er habe sich unzählige Videos von Ballet- und Jazztänzern angeschaut und sich viele Drehungen und Sprünge selbst beigebracht.

Irgendwann habe er den Mut gefasst, sich wieder in einer Tanzschule einzuschreiben. 

“Ich habe mich innerlich darauf eingestellt, dass ich immer ein Außenseiter sein würde und mindestens abfällige Blicke auf mich ziehen würde”, erzählt der Tänzer. 

► Doch Cavanaugh hatte Glück: Gleich das erste Tanzstudio, das er ausprobierte, empfing ihn mit offenen Armen.

“Die Lehrer dort sehen in jedem ihrer Schüler Potenzial, egal ob sie dick oder dünn sind, egal welche Hautfarbe sie haben, oder ob sie eine psychische Krankheit haben”, schwärmt Cavanaugh heute. 

So seien in seinen Kursen auch Tänzer gewesen, die Autisten waren.

Erik Cavanaugh hat es geschafft: Heute kann er vom Tanzen leben

Seine neue Tanzschule half dem jungen Mann dabei, ein besserer Tänzer zu werden – weil die Lehrer ihn nie anders behandelten als den Rest ihrer Schüler. 

“Das hat mir viel bedeutet”, sagt Cavanaugh. “Ich wollte immer an denselben Maßstäben gemessen werden wie alle anderen angehenden Tänzer. Ich habe genau dieselbe Technik gelernt wie meine dünneren Mitschüler.” 

Dank der Unterstützung seiner Lehrer und Mitschüler entwickelte Cavanaugh genug Selbstvertrauen, um sich an einem College für Tanz einzuschreiben.  

► Heute kann Cavanaugh vom Tanzen leben. Er verdient sein Geld mit Musikvideos und Werbefilmen, etwa für den Autohersteller Dodge. 

Besonders beeindruckend daran ist, dass Cavanaugh seine Jobs in der Regel nicht über Castings bekommt: Er wird direkt angefragt. 

Grund dafür sei vor allem seine Social-Media-Präsenz, sagt Cavanaugh. 21.000 Menschen folgen ihm alleine auf Instagram, wo er regelmäßig Videos von seinem Tanzen postet. 

“Die Firmen, die mich buchen, sagen mir immer, dass ich etwas Besonderes sei”, sagt Cavanaugh.

Wenn Cavanaugh tanzt, erregt er natürlich erst einmal Aufmerksamkeit. Ein Dicker unter superdünnen Tänzern und Models. Das ist der erste, oberflächliche Blick.

Tatsächlich vermag Cavanaughs Tanz so viel mehr auszulösen: Er zeigt, dass möglich ist, was viele für unmöglich halten. Er konfrontiert die Zuschauer mit ihren Vorurteilen. Er kann Menschen zum Nachdenken bringen, zum Staunen und Träumen.

Für viele Menschen ist Cavanaugh ein großes Vorbild

Trotzdem zweifelt er immer wieder an sich.

Seine körperliche Befindlichkeit sei zwar kein Anlass zur Sorge. “Wenn man technisch sauber tanzt, werden die Gelenke kaum belastet”, erklärt Cavanaugh. Egal, welchen Körperbau man habe.  

Doch der Profitänzer gesteht: “Es gibt Phasen, in denen ich mich frage, ob ich gut genug bin.”

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Doch jedes Mal, wenn er darüber nachdenke, ob er aufgeben und sich einen anderen Beruf suchen solle, seien es die Zuschriften und Kommentare seiner Fans, die ihn zum Weitermachen motivierten.  

“Du bist eine Inspiration für alle Tänzer, die nicht dem Stereotyp entsprechen”, schreibt ein User auf Instagram. 

Eine junge Frau pflichtet dem bei: “Ich bin ebenfalls dick und tanze gerne – für mich bist du ein echtes Vorbild.”

“Ich kann nicht beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn mir Leute so etwas schreiben”, sagt Cavanaugh. “Manchmal werde ich sehr emotional, wenn ich die Kommentare unter meinen Videos lese.”

Für den Amerikaner steht fest: Unser Körper bestimmt nicht darüber, wer wir sind.

Nicht zuletzt macht Cavanaughs Erfolg und Können anderen Menschen Hoffnung, dass auch sie ihre Träume verwirklichen können  –  egal wie unmöglich es manchmal auch erscheint. 

Erik Cavanaugh hat eine Mission. Er will der Welt zeigen: “Wer entschlossen ist, an sich glaubt und bereit ist, hart für seinen Traum zu arbeiten, kann alles erreichen, was er will.”

(sk)