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28/03/2018 19:21 CEST | Aktualisiert 28/03/2018 19:21 CEST

Über Angst und Zukunft und beides zusammen

@klemsmann
Was Brokkoli mit der Zukunft zu tun hat? Eine ganze Menge.

Als ich noch ein kleiner Johst war, sowohl körperlich, als auch von der Anzahl meiner Lebensjahre, und ich (mal wieder) irgendetwas nicht essen wollte, weil ich es nicht kannte, pflegte meine Mama zu sagen „was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“.

Dazu muss ich erklären: Ich bin in einem kleinen 3000-Seelen-Dorf groß geworden. Die Bauernweisheiten gab es, wie Ihr lesen könnt, exklusiv und gratis dazu.

Doch so plump und banal wie der Spruch auch erscheint, so sehr begleitet er mich durch mein Leben – heute sogar mehr, denn je. Was wir nicht kennen (ganz egal, ob Bauer, Marketingmensch, Sachbearbeiterin bei einer Versicherung, Lehrerin, oder Zahnarzt) macht uns in der Regel Angst und wenn wir besonders ängstlich sind, lehnen wir es vorsichtshalber ab. Das liegt soweit in der Natur der Sache. Menschen scheinen in Veränderungen Gefahren zu sehen. „Es könnte ja der Säbelzahntiger hinter dem Busch lauern, den wir zuvor noch nicht eingängig untersucht haben. Solange das nicht passiert ist, ist es ein böser Busch!“ Die Wenigsten vermuten hinter besagtem Busch einen Strauch mit leckeren, saftigen Beeren.

Raus aus dem Busch, hinein in unsere Realität.

Es gab wohl keine Zeit in der Geschichte der Menschheit, in der sich Veränderungen so schnell vollzogen haben, wie in der heutigen. Wir können mit Geräten sprechen und sie verstehen uns. Rauchen funktioniert jetzt ohne Feuer, dafür mit Ladegerät. Nachrichten konsumiere ich nicht morgens beim Frühstück, sondern permanent und wenn etwas passiert, meldet sich mein Telefon in Echtzeit. Roboter können jetzt Türen öffnen, Autos fahren automatisch… Ich könnte an dieser Stelle noch ewig weitermachen, aber ich verkneife es mir. Vieles von diesen Dingen begeistert uns, allerdings stelle ich zunehmend fest, dass auch eine allgemeine Überforderung Einzug erhält. Und wieder ein Thema und wieder ein neues Gerät und wieder ein neues Social Network und wieder eine App…

Wir peitschen auf einer Autobahn mit voller Geschwindigkeit in Richtung Zukunft.

Und regelmäßig haben wir das Gefühl, aus der Kurve zu fliegen. Ein wichtiger Aspekt dabei beschäftigt mich bereits seit mehreren Tagen. Die Geschwindigkeit und das Vorwissen in unserer Gesellschaft sind so drastisch unterschiedlich. Die jungen Generationen werden mit dieser Wahnsinnsgeschwindigkeit groß, andere Semester kennen noch eine völlig andere Welt und versuchen sich mit dieser Prägung aus vergangenen Tagen an die neue Welt anzupassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der Aufwand dabei ist enorm. Proportional zum „Speed der Veränderung“ steigt die Masse an Themen, die teilweise aufeinander aufbauen. Hat man einmal den Anschluss verloren, sind Entwicklungen, die darauf folgen, nicht mehr zu greifen. Die Schere innerhalb der Gesellschaft wird größer, das Unbekannte unbekannter und damit steigt die Angst. Wir leben in einer Welt, in der wir das, was um uns herum passiert, nicht mehr verstehen. Zumindest kann ich mich in dieser Welt einigermaßen zurechtfinden. Würde man mich 200 Jahre vor unserer Zeit aussetzen, Freunde, ich könnte noch nicht einmal Feuer machen!

Sind wir den Dingen Herr geht es uns halbwegs gut.

Heute bedienen wir, was wir vorgesetzt bekommen. Sind wir den Dingen Herr geht es uns halbwegs gut. Meistens verstehen wir die Dinge dann zwar immer noch nicht, aber wir wissen, wie sie funktionieren. Sie werden ein wenig entzaubert, entmystifiziert. Man könnte auch sagen: Wir sehen, dass hinter dem Busch „Innovation“ kein Tiger lauert. Tun wir das allerdings nicht, fangen die Menschen an, sich Gedanken zu machen.

Absurde Gedanken entstehen, Unwahrheiten machen sich in unseren Köpfen breit, wir malen den Teufel an die Wand. In der Regel haben wir keine Ahnung, aber uns fällt immer ein Szenario ein, welches furchtbare Folgen haben könnte. Maschinen essen uns bald alle auf, unsere Jugend wird krank vom Internet, unsere Daten werden benutzt um uns digital fertig zu machen! Das Witzigste, was mir in den letzten Tagen untergekommen ist, war die Behauptung, Netflix wird uns Stück für Stück alle arbeitslos machen, weil der konstante Konsum von mehreren Serien am Stück zwangsläufig den Verlust der Kontrolle am eigenen Leben zur Folge haben würde. Diagnose: Unkontrollierbare Seriensucht. Ganz klar. Ich für meinen Teil dachte mir nur „Wie praktisch! Wenn die Maschinen unsere Arbeit machen, dann können wir doch in Ruhe Serien gucken....“

Was der Bauer nicht kennt, das probiert er zukünftig.

Angst fressen Seele auf und passend zum Zitat des kürzlich verstorbenen „Mega-Brains“ Hawking, der sagte „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen“, möchte ich mit diesem Artikel hinausrufen: Lasst uns den Dingen, die uns Angst machen, ins Gesicht schauen! Lasst uns neugieriger sein auf das, was in der Welt passiert! Lasst uns vielleicht ein bisschen weniger Blödsinn auf Netflix schauen und mehr Dokumentationen, die uns die Welt erklären. Lasst uns da raus gehen und die verdammten Büsche untersuchen, die uns Angst machen! Der Tiger hat für den Moment mal Funkstille! Das gilt für ältere Generationen vielleicht sogar mehr, als für die ganz jungen die es in ihrer DNA tragen, weil sie es nicht anders kennen. Was der Bauer nicht kennt, das probiert er zukünftig. Denn so wird unsere Welt besser und wir treffen gemeinsam bessere Entscheidungen. Angst können wir nicht gebrauchen. Angst führt zu Dingen die, die Welt schlechter macht. Angst gilt es mit Intelligenz zu bekämpfen.

Liebe Mama, ich habe deine Botschaft verstanden. Es hat 33 Jahre gedauert und es hatte nichts mit Brokkoli zu tun. Ich verspreche dir, ich sage nie mehr „mag ich nicht“, bevor ich nicht probiert habe.

High Five - Euer Johst

(übrigens auch hier: instagram.com/klemsman)