POLITIK
20/04/2018 16:29 CEST | Aktualisiert 21/04/2018 11:56 CEST

Erdogan provoziert Krieg mit Griechenland – nur wenige erkennen die Gefahr

Auf den Punkt.

Im Video oben: Erdogan-nahe Zeitung druckt Eroberungsfantasie – “die Türkei kann Europa in 3 Tagen einnehmen”

Krieg ist der Ausdruck von zwei möglichen Dingen: absoluter Übermacht oder hoffnungsloser Hilflosigkeit.

Im Fall von Recep Tayyip Erdogan trifft Letzteres zu. Der türkische Präsident hat sich in den vergangenen Jahren de facto zum Alleinherrscher seines Landes aufgeschwungen – und muss dennoch um seine Macht bangen. 

Erdogans Beteiligung beim Befreiungskampf im irakischen Mossul, sein Krieg gegen die Kurden in der Osttürkei, sein Eroberungsfeldzug gegen kurdische Stellungen in Syrien und im Nordirak sind auch ein Anzeichen dafür, dass der Präsident der Türkei seine innenpolitischen Schwächen mit außenpolitischer Waghalsigkeit zu überdecken versucht. 

Mehr zum Thema: Erdogans Ende? Wie der Präsident noch in diesem Jahr sein Amt verlieren könnte

Bisher hat sich Erdogans Kriegslust dabei auf seine Nachbarn im Nahen Osten beschränkt. Nun aber droht die Türkei auch einem Land in Europa: Die türkische Regierung ist dabei, einen jahrzehntelangen Streit mit Griechenland eskalieren zu lassen. 

Der griechisch-türkische Konflikt auf den Punkt gebracht. 

Die Ursache des Konflikts zwischen der Türkei und Griechenland: 

► Die gemeinsame Geschichte der Türkei und Griechenlands ist eine der ständigen Konfrontationen, die zu Beginn dieses Jahrhunderts im griechisch-türkischen Krieg gipfelte. 

► Dieser endet im Jahr 1922; ein Jahr später wird im Vertrag von Lausanne die griechisch-türkische Grenze festgelegt – doch noch heute ist sie ein ständiger Grund für Auseinandersetzungen zwischen beiden Ländern. 

► So schrieb der Vertrag die ägäischen Inseln Griechenland zu. Zudem sprach das Dokument etwa die Insel Zypern erst Großbritannien zu, dass Zypern wiederum 1960 in die Unabhängigkeit entließ. 1974 jedoch besetzte die Türkei den Norden der Insel, die seitdem aus einem griechisch-zypriotischen und einen türkisch-zypriotischen Teil besteht. 

Seither gab es keine offenen militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern. Die territorialen Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei jedoch bleiben – und sind in den vergangenen Jahren erneut eskaliert. 

Wie Erdogan den Konflikt mit Athen anheizt: 

► Der türkische Präsident macht seit Jahren klar, was das langfristige Ziel seiner Herrschaft ist: Ein großtürkisches Reich nach dem Vorbild des Imperiums der Osmanen

► Es ist ein Anspruch, den Erdogan auch gegenüber Griechenland vertritt. So zweifelte er im November 2016 den Vertrag von Lausanne an.

“In Lausanne haben wir Inseln aufgegeben, die so nah sind, dass deine Stimme zu hören ist, wenn man zu ihnen rüber ruft”, sagte Erdogan damals. Das seien unfaire Zustände, die Türkei habe einen Anspruch auf die Inseln in der Ägäis.

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Ein türkisches Kriegsschiff kreuzt in der Ägäis. 

► Im Januar 2017 sorgte dann ein bedrohlicher Zwischenfall für Aufsehen: Ein türkisches Kriegsschiff stieß nahe den griechischen Imia-Inseln beinahe mit einem Kriegschiff der Griechen zusammen – eine klare Verletzung des Hoheitsgewässers. 

► Und nicht die einzige: Laut Informationen der “Welt” verletzte das türkische Militär im vergangenen Jahr 2000 Mal griechische Territorialgewässer, 3300 Mal verletzten Kampfflieger der Türkei den griechischen Luftraum. 

Bei diesen Verletzungen handelt es sich nicht um Lappalien. Erst in der vergangen Woche starb ein griechischer Militärpilot bei einem unglücklichen Absturz, nachdem er türkische Kampfflieger abgefangen hatte. 

► Den Provokationen aus der Türkei – und auch den martialischen Reaktionen auf diese aus Griechenland – tut dies jedoch keinen Abbruch: Erst am Montag schickte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim Warnungen an Griechenland, weil dieses angeblich eine griechische Fahne auf einer neutralen Ägäis-Insel aufgestellt habe. 

Wie wahrscheinlich ein militärischer Konflikt ist: 

► Erdogan bekräftigte im März, er werde definitiv eine Großtürkei errichten: “Wenn es nötig wird, werden wir dafür sterben oder andere Leben nehmen.”

► Bei allem Säbelrasseln gegenüber Griechenland, noch ist ein Krieg zwischen der Türkei und dem EU-Land unwahrscheinlich. Auch, weil beide Länder Mitglieder in der Nato sind

► Dennoch bergen die ständigen Provokationen der Türkei gegenüber Griechenland eine echte Gefahr. Kommt es bei einer der vielen Grenzüberschreitungen des türkischen Militärs zu einem fatalen Zusammenstoß, könnte der diplomatische Streit schnell in einen militärischen Konflikt ausarten. 

Erdogans Kriegstreiberei auf den Punkt gebracht: 

Recep Tayyip Erdogan nutzt Kriege, um sich im Inland zu profilieren und seine politischen Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Der türkische Präsident träumt von einem Großreich unter seiner Herrschaft. 

Noch hat sich Erdogan bei seinen Feldzügen auf Gebiete im Nahen Osten beschränkt. Doch längst zielt er mit ständigen Provokationen und Drohungen  auch auf Erzfeind Griechenland – und damit auch auf Europa. 

Ein Krieg am Rande Europas mag noch unwahrscheinlich sein – er ist jedoch auch nicht ausgeschlossen

(mf)