BLOG
11/09/2018 19:27 CEST | Aktualisiert 11/09/2018 19:27 CEST

Ein tunesischer Schlepper gibt zu: "Ja, es ist ein Verbrechen"

Jaafar Abdel Karim hat Mütter gefragt, warum sie ihre Kinder übers Meer nach Europa schicken.

Mariha-kitchen via Getty Images
Bizerta in Tuniesien

Der in Berlin lebende Journalist Jaafar Abdel Karim ist nach Tunesien gereist, um einen Schlepper mit den Verbrechen zu konfrontieren, die er begeht. Und er hat Mütter, deren Sohne während oder nach der Fahrt übers Mittelmeer verschwunden sind, gefragt, warum sie ihre Kinder haben ziehen lassen.

In seinem Buch beschreibt Karim, was ihm die Menschen erzählt haben.

Mich hat schon immer interessiert, wer die Schlepper sind, die diese Menschen über das Meer bringen, ihnen viel über das Leben in Europa versprechen, ihren Tod in Kauf nehmen und dabei viel Geld verdienen.

Mein Team hatte es geschafft, einen solchen Schlepper zu ermitteln, und ihm auch die verständlicherweise dringend gewünschte Anonymität zugesichert. Mir war es wichtig, dass wir ihn an seinem “Arbeitsplatz” treffen würden, also am Strand von Bizerta, wo seine Boote ablegen.

Ein grobschlächtiger Typ

Ich traf Samir (Name von der Redaktion geändert) an einem einsamen, weiten Strandabschnitt, auf dem nur einige nicht besonders seetüchtig wirkende alte Fischerboote überwinterten.

Samir war 45 Jahre alt und ein grobschlächtiger Typ, der aber den Anstand hatte, zumindest im Winter keine Menschen nach Europa zu verschiffen. Das Meer ist zu wild und sein kleines, altes hölzernes Fischerboot, das er mir als sein Schmugglerboot präsentiert, würde es garantiert nicht unbeschadet über das offene Meer schaffen.

Ich schaute ihn an und dachte: “Der Mann hier neben dir ist eigentlich ein Verbrecher … aber ich bin ja kein Polizist, und urteilen will ich auch nicht.” Also hörte ich ihm zu.

Rohwolt-Verlag/Dennis Dirksen
Der Journalist Jaafar Abdul Karim

“Meist zahlen die Mütter mir das Geld”

Er berichtete mir offen: “Ich treffe mich mit der Familie zur Vorbesprechung, und meist zahlen die Mütter mir das Geld. Sie haben keine Angst vor dem Risiko. Sie wollen, dass ihr Kind da ankommt.”

Die reale Gefahr würden die Familien in ihrer Hoffnungslosigkeit nicht erkennen wollen oder können. Die arabische Sprache hat dafür das schöne Wort “Insha’allah” erfunden. Es lässt sich ungefähr mit “wird schon, so Gott will” übersetzen.

Samir hatte bis zu unserem Treffen sieben Reisen von Bizerta aus organisiert und so rund 400 Menschen nach Europa gebracht.

“Gesetzlich gesehen begehst du ein Verbrechen … Wie stehst du dazu?”, wollte ich von ihm wissen. Immerhin wurden im Jahr 2017 rund 1650 illegale Migranten von den tunesischen Coastguards erwischt und die Schlepper dingfest gemacht und verurteilt. Dem gegenüber stehen aber rund 8000 Menschen, die es im Jahr 2017 von Tunesien aus nach Italien geschafft haben.

Pro Kopf rund 700 Euro

“Ja!”, gab er unverhohlen zu, “ja, es ist ein Verbrechen. Aber wenn ich eine Familie unterstütze, damit sie ein Kind nach Europa senden kann, dann helfe ich ihnen ja”, erklärte er mir.

In Sommernächten setzte Samir regelmäßig Dutzende Menschen auf sein schwarzes Holzboot, zwar mit Motor, aber es ist klar, dass die Passagiere auch rudern müssen. Dadurch verdiente er gutes Geld, pro Kopf berechnete er rund 700 Euro.

Sogar Kinder wurden mit dem Schiff geschickt – er hatte schon allein reisende Passagiere im Alter zwischen 10 und 13 Jahren. Für seine Schleppertätigkeiten saß er schon mal im Gefängnis, will aber trotzdem weitermachen.

“Seine Hoffnung”, sagte er, “ist das Meer, und die armen Leute, die hier nichts haben, die hätten ebenso nur noch diese Hoffnung, das Meer.”

“Was für andere als illegale Einwanderung angesehen wird, ist für uns die einzige Chance zu überleben”, erklärte er mir ernsthaft.

Seinen eigenen Sohn rübergerbacht

Schließlich habe auch er schon seinen eigenen Sohn rübergebracht, und der habe es geschafft, eine Französin zu heiraten. Gerade war er auf Heimatbesuch in Tunesien, um die traditionelle Hochzeit mit seiner Familie zu organisieren.

“Aber dein Sohn hätte auf der Überfahrt sterben können!”, werfe ich ein.

“Nein”, sagte Samir voller Überzeugung, natürlich habe er alles für eine sichere Überfahrt getan.

Dass sein Boot eigentlich viel zu klein und unsicher für die große Distanz ist, das schien er einfach auszublenden. Er habe seinen Sohn nach Europa gebracht, damit er dort eine bessere Zukunft habe.

Viele Stunden in Todesangst

Als wir uns verabschiedeten, dachte ich noch lange über unser Gespräch nach. “Nein”, überlegte ich, “ich habe kein Verständnis für das Handeln dieses Mannes. Man darf mit den Leben der anderen kein Geld verdienen und es für sich selbst als ‘Hilfe’ bezeichnen!”

Vor allem scheint er ja schon zu wissen, wie schwer es in Europa für illegale Einwanderer sein kann. Also wäre es auch seine Pflicht, die Menschen aufzuklären – nicht nur über die Gefahren auf dem Wasser und über den seelischen Druck, viele Stunden in Todesangst auf Rettung zu hoffen.

Auch müsste er ihnen erklären, unter welchen Voraussetzungen ein Asyl in Europa gewährt wird, er müsste sie vor den langen, Zeit und Kraft raubenden Wegen der Bürokratie warnen, die für Tunesier meist zu nichts außer der Abschiebung führen. Immerhin lag die Asyl-Anerkennungsquote für Tunesier in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich unter fünf Prozent.

Die weinenden Mütter

Später fuhren wir in ein Armenviertel Bizertas. Ich wollte selbst erleben, wo das Gefühl der Hoffnungslosigkeit am stärksten zu spüren ist.

In engen Gassen standen zweistöckige, unverputzte, betonfarbene Häuser, dicht an dicht, entlang einer staubigen Gasse. Es gab kaum Autos. Motorrad- und Rollerfahrer sausten gefährlich dicht an uns vorbei. Die einzigen Farbtupfer waren die vollbehangenen Wäscheleinen.

Jeder, der nicht in diese Nachbarschaft gehört, fällt auf, die Nachbarn kennen sich. Aufgrund der Nähe der Häuser und der Enge der Gassen kennt jeder jeden.

Überall spielten Kinder, ohne Schuhe, ohne Strümpfe, nur sie wirkten glücklich. An den Ecken standen rauchende Teenager, und ich sage allen guten Tag.

Hier spürte ich Wut

Ich versuche in solchen Umständen immer allen in die Augen zu schauen – manchmal spürte man Aggression in Blicken, manchmal Hoffnung, hier spürte ich Wut.

Jeder junge Mann, den ich anschaute, war wütend über seine Lebensumstände. Männer, die denken, dass sie es nur nach Europa schaffen müssten – und es dann im Leben geschafft hätten.

 

Antonio Parrinello / Reuters
Menschen, die vor den Unruhen in Tunesien geflohen sind, erreichen am 8. April 2011 die italienische Insel Lampedusa.

 

Auch mein Begleiter Mohammad träumte davon, es nach Europa zu schaffen. Obwohl zwei seiner Brüder als vermisst galten, seit sie die Reise auf einem Holzboot über das Meer nach Norden angetreten hatten.

Er und ich wurden von vielen, denen wir auf der Staubpiste begegneten, freundlich begrüßt. Man kannte ihn, und ich spürte, dass der Zusammenhalt in diesem Dörfchen noch zu stimmen schien. Die jungen Männer, so fand ich, gingen respektvoll miteinander um.

Über 500 junge Tunesier spurlos verschwunden

In diesem Armenviertel hatten wir einen Termin mit einer Organisation, in der sich Mütter, die ihre Kinder seit der versuchten Überfahrt nach Europa vermissen, zusammengeschlossen haben. Über 500 junge Tunesier sind seit ihrer versuchten Überfahrt spurlos verschwunden.

Durch telefonische Vorgespräche wusste ich schon, dass das ein sehr emotionaler Termin werden würde, denn bereits bei diesen Gesprächen weinten viele.

Zu Fuß ging ich durch trostlose Gassen, die mich zu einer Wohnung in einem Vorort führten. Dort warteten die Mütter bereits auf mich. Auch Mohammads Mutter lernte ich hier kennen.

Ich betrat den kleinen Raum, in dem die Frauen uns Kekse und Getränke anboten. Ein trauriger Moment.

“Gebt uns unsere Kinder zurück”

Zwei Mütter weinten, eine war still, und die nächste Mutter, Fauzia, wandte sich direkt an uns. “Gebt uns unsere Kinder zurück”, forderte sie vor der Kamera, “seit sieben Jahren können wir nicht herausfinden, wo mein Sohn Hamsa ist …”

Hamsa stieg im April 2011 auf ein Schlepperboot, er war gerade 25 Jahre alt. Ich wollte wissen, warum Fauzia ihren Sohn hat gehen lassen, warum sie ihm die lebensgefährliche Reise überhaupt erlaubt habe.

Vor mir saßen andere Mütter, hielten Fotos ihrer vermissten Söhne in den Händen und weinten leise. Jeder Termin mit der Presse schürt Hoffnung in ihnen, die Hoffnung, dass ein Zuschauer zufälligerweise den einen oder anderen Sohn erkennen würde.

Die Überlegung, dass die Söhne vielleicht auf der Seefahrt gestorben sein könnten, wollen sie nicht zulassen. Dass ihr Hamsa tot sein könnte, wollte Fauzia nicht einmal denken. Denn sie habe einen Anruf bekommen, damals, als ihr Sohn in Italien hätte ankommen sollen. Der Anrufer habe nur italienisch gesprochen, sie meinte, verstanden zu haben, dass ihr Sohn angekommen sei.

“Das Herz einer Mutter weiß, dass ihr Sohn nicht tot ist”

“Wenn er tot ist, dann sollen sie uns seinen Körper bringen! Aber das Herz einer Mutter weiß, dass ihr Sohn nicht tot ist”, bekräftigte sie ihre Hoffnung und ihren Glauben selbst.

Diese Mütter so verzweifelt zu sehen zerriss mir das Herz.

Im Raum war so viel Emotion, so viel Leid, es konnte niemanden unberührt lassen. Trotzdem musste ich mich auf die Fakten konzentrieren und Fragen stellen, auch wenn sie hart klangen.

“Warum haben Sie sie gehen lassen?”, wollte ich wissen.

“Keine Mutter würde gern sagen oder erlauben, dass der Sohn geht, schließlich will sie ihn ja jeden Tag sehen”, aber die schlechte Lage im Land würde sie dazu bringen. Die jungen Männer hätten hier nur eine schlechte Zukunft. “Was hätten wir machen sollen?”, fragte mich Fauzia mit Tränen in den Augen.

Die Sehnsucht nach ihren Söhnen lässt sie nicht los

Mohammads Mutter vermisste gleich zwei Söhne, Anis und Wissam. Sie regte sich über die Untätigkeit der Politiker auf.

“Wenn ein Politiker seine Kinder verliert, wird alles getan, um sie zu finden”, schimpfte sie. Zusammen mit anderen Müttern der Organisation war sie sogar schon beim Präsidenten, “er hat versprochen: ‘Wählt mich und wir werden eure Kinder finden.’ Du als Präsident!”, rief sie in die Kamera, “Du hast es uns versprochen.”

Doch bislang geschah – nichts.

Um ihr Engagement und ihre Suche zu dokumentieren, sammeln die Frauen jeden Artikel über jedes Treffen mit politischen Amtsträgern. Die Kinder bringen ihnen all diese Bemühungen trotzdem nicht zurück.

Zudem meinte sie, einen Sohn auf einem Foto aus Italien erkannt zu haben. Es ist ein schwarzweißes Foto, auf dem Mohammads Mutter ihren Sohn gesehen haben will – an seinem Rücken und seinem Hinterkopf, denn das Gesicht zeigte
das Foto nicht.

Die Sehnsucht nach ihren Söhnen lässt sie nicht los – jeden Tag spüre sie die Abwesenheit ihrer Lieben körperlich. “Die Jungs haben Couscous so gerne gegessen, nun muss ich immer, wenn ich Couscous koche, so sehr an sie denken”, erklärte sie mir weinend.

Was fragt man noch, wenn die Söhne wahrscheinlich tot sind?

Ich war ergriffen. Was fragt man als Journalist dann noch, wenn die beiden Söhne seit Jahren verschollen, wahrscheinlich ertrunken, tot sind?

Es sei noch schlimmer gekommen, berichtete die Mutter frei heraus: “Die Familie ist nach dem Weggang der beiden zerbrochen. Mein Mann hat seitdem keine Nacht mehr zu Hause geschlafen, er erträgt die Leere ohne unsere Söhne nicht.”

Er habe sich eine kleine Hütte auf dem Land gebaut und schlafe nun dort – selbst der familiäre Zusammenhalt, der jetzt so wichtig wäre, ist also zerstört worden.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch “Fremde oder Freunde? Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt” aus dem Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Rohwolt