POLITIK
06/05/2018 17:50 CEST | Aktualisiert 07/05/2018 07:53 CEST

"Trumps Speichellecker": Harvard-Professor rechnet mit Merkel und der EU ab

Merkel, Macron und May hätten keine Ahnung, wie sie mit dem "Schlägertypen" Trump umgehen sollten.

  • Am 12. Mai könnte US-Präsident Donald Trump den Iran-Deal platzen lassen. 
  • Laut dem Harvard-Professor Stephen M. Walt wären daran auch Angela Merkel, Emmanuel Macron und Theresa May schuld. 
  • Im Video oben seht ihr, was Merkels Trump-Spickzettel bei ihrem USA-Besuch über sie – und über Trump – verrät

Drohungen, Demütigungen, Dummheiten: Donald Trump pöbelt sich durch die Weltpolitik. 

Mit Strafzöllen, Handelskriegen und dem Austritt aus internationalen Verträgen wie dem Pariser Abkommen treibt der US-Präsident Verbündete und Feinde gleichermaßen vor sich her. 

In weniger als einer Woche will Trump nun seine Entscheidung zur Zukunft des Iran-Deals verkünden. Mittlerweile ist davon auszugehen, dass die USA diesen verlassen werden.

► Es wäre ein Ereignis, dass den Nahost-Konflikt neu eskalieren könnte. 

Und eine Katastrophe, an der laut dem Harvard-Professor für internationale Beziehungen Stephen M. Walt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Emmanuel Macron und die britische Premierministerin Theresa May schuld hätten. 

In einem Artikel für das renommierte Magazin “Foreign Policy” beschreibt Walt die Bundeskanzlerin und die weiteren führenden Staatschefs Europas als “Trumps Speichellecker”. 

“Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben alle versucht, sich bei Trump einzuschleimen”, schreibt Walt. Doch das sei ein fataler Fehler gewesen. 

Wie Merkel, Macron und May vor Trump einknickten

Denn Merkel, Macron und May hätten in ihren persönlichen Gesprächen und Telefonaten mit Trump versucht, diesen schmeichelnd zu besänftigen, statt ihm mit klaren Konsequenzen zu drohen, sollten die USA den Iran-Deal aufgeben. 

Macron sei bei seinem Staatsbesuch in Washington auf Trump zugegangen, indem er angedeutet habe, eine Neuverhandlung des Abkommens sei im Bereich des Möglichen. 

Merkel habe sich dazu hinreißen lassen, den Iran-Deal als “nicht ausreichend” zu bezeichnen, um Trump ein mutmaßlich beschwichtigendes Signal zu senden.

May sei sogar so weit gegangen, den US-Präsidenten nun doch noch nach Großbritannien einzuladen, obwohl dieser sie beleidigt habe und das britische Volk Trump verabscheue. 

“Das Ergebnis dieser Speichelleckerei war ein Desaster”, schreibt Walt. “Die führenden Mächte in der EU sind eingeknickt und haben die Ansicht der Trump-Regierung übernommen, dass der Iran-Deal fehlerhaft sei und ersetzt oder neu ausgelegt werden müsse.”

Anders gesagt: Merkel, Macron und May hätten das Gegenteil von dem erreicht, was sie eigentlich angestrebt hätten.

Walt: Trump deckt auf, wie unbedeutend Merkel und Co. sind

Dadurch seien die drei wichtigsten Staatschefs Europas und der EU zu ungewollten Verbündeten im Kampf des US-Präsidenten gegen den Iran-Deal geworden.

Walt schreibt über Merkel, Macron und May: “In ihrem fehlgeleiteten Versuch, Trump dafür zu gewinnen, den Deal zu retten, wurden sie zu seinen Helfershelfern.” 

Dabei zeigt der Harvard-Professor sogar Verständnis für die Haltung der EU-Staatschefs. Sie alle hätten vermeiden wollen, Trump zu verärgern und so Strafzölle gegen ihre Länder zu riskieren.

“Aus der europäischen Perspektive hätte Widerstand gegen Trump beim Thema Iran es wahrscheinlicher gemacht, dass dieser ausrastet und Schritte unternimmt, die den Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks schaden”, schreibt Walt. 

Der Politikwissenschaftler beschreibt hier einen politischen Tausch: Für Trumps Wohlwollen in Wirtschaftsfragen hätten Merkel, May und Macron das Fortbestehen des Iran-Deals aufs Spiel gesetzt. 

Sollte dieser nun dank Trump tatsächlich platzen, “dann wäre das ein weiteres Zeichen dafür, wie irrelevant Europa strategisch betrachtet ist und wie kollektiv unfähig seine Anführer darin sind, die USA zu beeinflussen oder sich ihr entgegenzustellen.” 

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Walt: Wenn die EU schon mit Orban überfordert ist, wie soll sie Trump im Zaum halten? 

In Winston Churchill, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer und sogar Margaret Thatcher habe Europa einst große Anführer hervorgebracht, schreibt Walt. 

In der Moderne jedoch seien nur noch mickrige Exemplare wie David Cameron oder François Hollande empor gekommen.

Angela Merkel sei zwar eine Ausnahme dieser Regel gewesen – doch die Bundeskanzlerin stehe vor dem Ende ihrer politischen Karriere und habe an Schlagkraft eingebüßt.

► Im Umgang mit Trump habe sich das nur zu deutlich gezeigt.

“Vor einem Schlägertypen klein beizugeben mag zwar kurzfristig Schlimmeres vermeiden”, schreibt Walt. “Doch langfristig wird jedem Rüpel so bloß signalisiert, dass seine aufgeplusterten Drohungen wirksam sind.” 

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Es sei diese Lektion, die Trump aus dem Umgang mit den Staatschefs der EU in den vergangenen Wochen ziehen werde. Diese würden sich laut Walt arg täuschen, wenn sie glaubten, der US-Präsident würde ihre Zurückhaltung politisch belohnen. 

Für den Harvard-Professor hat die EU also in der Konfrontation mit Trump brutal versagt – mit möglicherweise fatalen Folgen für den Iran-Deal und den Nahen Osten. 

Walt stellt dieses Versagen von Merkel, Macron und May gegenüber Trump jedoch als erwartbar hin: “Wenn sie es nichtmal schaffen, einen Möchtegern-Autokraten wie Viktor Orban in den Griff zu bekommen, dann wäre es vermessen zu glauben, sie könnten es mit Trump aufnehmen.”

(tb)