POLITIK
17/10/2018 07:58 CEST | Aktualisiert 17/10/2018 19:26 CEST

Trumps Kniefall: Wie der US-Präsident sich im Fall Khashoggi entwürdigt

HuffPost-These.

MANDEL NGAN via Getty Images
Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman bei einem Treffen mit Donald Trump im Weißen Haus im Frühjahr. 

Hier sind die Fakten: 

1. Am 2. Oktober betritt um 13.14 Uhr der Journalist Jamal Khashoggi das saudische Konsulat in Istanbul, um Papiere für seine bevorstehende Hochzeit abzuholen. Seither wurde er nicht mehr gesehen. 

2. Es gibt Videoaufnahmen, die von der türkischen Polizei veröffentlicht wurden, die ein Flugzeug zeigen sollen, in dem ein saudisches Sonderkommando ins am Tag von Khashoggis verschwinden ins Land kommt. Ein weiteres Video zeigt, wie sechs schwarze Fahrzeuge das Konsulat kurz nach Khashoggis Eintreffen verlassen. 

3. Türkische Ermittler, die das Konsulat durchsuchten, gaben am Dienstag bekannt: Es gibt “bestimmte Beweise”, dass Khashoggi dort getötet wurde. Türkische Medien berichten zudem von Folter. 

4. Geheimdienstdokumente, die der “Washington Post” vorliegen, zeigen: Saudi Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hat eine Entführung Khashoggis – der für die US-Zeitung arbeitete – angeordnet. 

5. Maher Abdulaziz Mutreb, einer von den türkischen Ermittlern identifizierte Verdächtige in dem mutmaßlichen Mordfall, hat enge Verbindungen zu Bin Salman – und begleitete ihn sogar auf dessen Reisen in die USA und nach Europa.

6.  Der Sender CNN berichtet zudem unter Berufung auf drei ungenannte Quellen, dass ein “hochrangiger Agent”, der das Verhör von Khashoggi geleitet habe, enge Verbindungen zu Mohammed bin Salman habe. 

Der dringende Verdacht, der also nahe liegt: Saudi Arabien hat den Regierungskritiker und Journalisten Jamal Khashoggi verschwinden und umbringen lassen. 

Donald Trump unterwirft sich Mohammed bin Salman 

Doch hier sind die Reaktionen des US-Präsidenten Donald Trumps auf den Fall Kashoggi auf Twitter und in Interviews

1. “Ich habe mit dem Kronprinz von Saudi Arabien gesprochen. Er weist jedes Wissen über die Vorfälle im Konsulat von sich.”

2. “Der König hat jedes Wissen über den Fall von sich gewiesen. (...) Es klingt für mich so, als könnten das abtrünnige Mörder gewesen sein.” 

3.  “Hier sind wir wieder, wisst ihr, mit schuldig, bis die Unschuld bewiesen ist. Das mag ich nicht. Das hatten wir gerade erst mit Richter Kavanaugh. Wir müssen herausfinden, was passiert ist.” 

4. “Die Türkei und Saudi Arabien ermitteln sehr stark. Zuerst geht es darum, was passiert ist. Dann darum, ob der König oder der Kronprinz davon wussten. Wenn sie davon wussten, wäre da schlimm.” 

Auch hier liegt ein dringender Verdacht nahe – nämlich jener, das Trump einen mordenden Kronprinzen, mit dem er gute Geschäfte macht, in Schutz nehmen will. 

Wie sonst sind Trumps Aussagen zu erklären?

Warum sonst schickte der US-Präsident seinen Außenminister Mike Pompeo nach Riad, wo dieser breit grinsend für Fotos mit Mohammed bin Salman posierte?

Warum sonst ignorieren sowohl Trump als auch Pompeo einen Bericht des Außenministeriums aus dem vergangenen Jahr, in dem davor gewarnt wird, dass der ins US-Exil geflohene Kashoggi auf der Zielliste der Saudis steht? 

Wie sonst ist zu erklären, dass Trump die lange Liste der Verbrechen des Kronprinzen Mohammed bin Salman und seines Regimes einfach ignoriert? 

Trump ignoriert die grausamen Vergehen seines Verbündeten ...

Denn so sehr bin Salman der Welt auch Glauben machen will, dass er ein Reformer sei – und so sehr viele Politiker und Journalisten im Westen ihm dies genauso wie sein auf modern getrimmtes Branding MBS abkaufen wollen –, der Kronprinz Saudi Arabiens ist ein Diktator und Kriegsverbrecher. 

► Es war bin Salman, der noch als Verteidigungsminister den brutalen Krieg gegen die Huthi im Jemen begann – einen Krieg, in dem durch saudische Bombenangriffe regelmäßig Zivilisten und Kinder getötet werden und der die schlimmste Hungerkatastrophe unserer Zeit ausgelöst hat. 

► Es war bin Salman, der nach seiner Machtergreifung im vergangenen Jahr Hunderte politische Gegner und Unternehmer unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Korruption verhaften und einsperren ließ. 

► Es ist bin Salman, unter dem laut Reporter ohne Grenzen und dem Committee To Protect Journalists das Vorgehen gegen Journalisten und die Pressefreiheit in Saudi Arabien noch weit schlimmer geworden ist.

Der Kronprinz setzt so die autokratische Tradition seines Vaters fort. Eine Tradition, die sich auch direkt gegen die USA gewandt hat.

Die Attentäter vom 11. September 2001 kamen aus Saudi Arabien – dem US-Botschafter im Land wurde danach von der saudischen Regierung erzählt, Israel habe den Terroranschlag begangen. Auch die Aufständischen im Irak, die im Jahr 2006 bei der sogenannten “Insurgence” unzählige tödliche Anschläge auf US-Soldaten verübten, wurden aus Saudi Arabien mit Geld und Waffen versorgt

Donald Trump hätte also allen Grund, Mohammed bin Salman zu misstrauen. Ihn gar direkt zu verdächtigen, für den Tod von Jamal Khashoggi verantwortlich zu sein. 

Er tut es nicht – und auch hier liegt wieder ein Verdacht nahe. 

... weil Trump bin Salmans Geld wichtiger ist

Dieser hat mit dem einzigen zu tun, was Trump wirklich wertschätzt: Geld. 

Saudi Arabien war das erste Land, das der US-Präsident für einen Auslandsaufenthalt besuchte. Damals schlossen Trump und bin Salman einen 110 Milliarden US-Dollar wertvollen Waffendeal ab. 

Trump deutete um Zuge der Khashoggi-Affäre an, dass dieser Deal für ihn in dem Fall eine Rolle spiele. Er wolle das Abkommen nicht gefährden, “um keinen Jobs zu schaden”. 

Am Dienstag twittert der US-Präsident dann sogar: “Fürs Protokoll, ich habe keine finanziellen Interessen in Saudi-Arabien.”

Das ist nur juristisch richtig. Trump mag offiziell seiner Firma, der Trump Organization, nicht mehr vorstehen – als weiterhin eingetragener Eigentümer hat er dennoch Interesse an deren Erfolg. Und dieser Erfolg hängt auch von Saudi Arabien ab. 

Trump selbst sagte im Wahlkampf über seine Geschäftsbeziehungen nach Saudi Arabien: “Sie kaufen mir Wohnungen ab. Sie geben 40 Millionen, 50 Millionen Dollar aus. Soll ich sie nicht mögen? Ich mag sie sehr gerne.”

Hier also noch einmal die für Trump und die USA entwürdigenden Fakten: 

1. Es besteht der dringende Verdacht, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman einen kritischen Journalisten, der ins US-Exil geflohen und für eine US-Zeitung arbeitete, hat umbringen lassen. 

2. Der US-Präsident Donald Trump, vermeintlicher Leader of the Free World, verteidigt den autokratisch regierenden Mohammed bin Salman gegen diesen Vorwurf, statt ihn zu kritisieren oder gar selbst zu beschuldigen. 

(vw)