POLITIK
28/05/2018 19:59 CEST | Aktualisiert 30/05/2018 11:38 CEST

Trumps Amerika stirbt aus: Wie der US-Präsident die Zukunft seiner Partei riskiert

“Trump macht seine Partei für junge Menschen unerträglich."

Getty
Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Indiana Anfang des Monats. Im Publikum vor allem: ältere, weiße Männer. 

Im Februar 2017 sorgt eine Nachwuchspolitikerin in den USA für einen landesweit diskutierten Eklat. 

Die Republikanerin Ariana Rowlands lädt den homophoben und rechtspopulistischen Trump-Anhänger und Alt-Right-Star Milo Yiannopoulos für einen Vortrag an ihre Universität, die UC Berkeley in San Francisco, ein.

Es kommt zu wütenden Protesten gegen Rowlands Gast, die in Gewalt zwischen linken und rechten Demonstranten ausarten. Gewalt, die in den Folgemonaten – auch angestachelt durch weitere von Rowlands mitorganisierte Events – immer wieder hochkocht. 

Für Rowlands bis heute keine unnötige Eskalation, sondern der Auftakt zu einem Befreiungskampfs unter dem Banner Donald Trumps: gegen den liberalen Mainstream, gegen das republikanische Establishment. 

An ihrer Universität gewinnt Rowlands diesen Kampf. Seit Oktober 2017 ist die 21-Jährige die Vorsitzende der College-Republikaner in Berkeley. Sie hat die Studentenvereinigung zu einer Bastion für Trump-Jünger gemacht. 

Rowlands ist in ihrer Partei eine absolute Ausnahme. Gebildet, weiblich, mit Migrationshintergrund und vor allem – jung: Sie gehört einer Wählergruppe an, in der der Einfluss der Republikaner immer mehr schwindet. Einer Wählergruppe, die die Zukunft der Partei, die Zukunft der Trump-USA gefährdet.

Im Trump-Badeanzug gegen die “Linken” 

Politisch wandelt Rowlands, deren Eltern aus Lateinamerika stammen, auf einem schmalen Grad zwischen rechts und konservativ. Doch vor allem ist sie: provokant.

Auf Facebook postete Rowlands unlängst etwa ein Foto von der mexikanischen Grenze, auf dem sie ein Schild mit der Aufschrift “Sorry, geschlossen” trägt. Auf Instagram hält sie Waffen in die Linse und für die Nachrichtenseite “Buzzfeed” ließ sie sich im “Make America Great Again”-Badeanzug ablichten. 

“Sie wird auf jeden Fall gewinnen. Jeder hasst sie, und sie wird gewinnen.”

“Wir werden uns als Konservative nicht länger zurückhalten”, sagt die 21-Jährige der HuffPost. “Wir schämen uns nicht, wir sind stolz auf das, was wir sind.” 

Wer Rowlands fragt, was sie denn genau sei, erhält keine klare Antwort. Sie glaube an Freiheit, sagt sie, an Gleichberechtigung. Sie sei gegen Identitätspolitik, für eine Leistungsgesellschaft, das Recht auf Waffenbesitz und die Meinungsfreiheit. 

Konkrete politische Ideen formuliert Rowlands nicht. Sie ist vor allem gegen die Ideen der anderen, der Demokraten, der “Linken”. 

“Ich bin nicht kontrovers”, sagt Rowlands, “ich bin konservativ. Die Linken mögen das nicht, aber ich habe vor nichts Angst.” 

Vor allem nicht, seit Donald Trump in den USA an der Macht ist. Der US-Präsident bekämpfe das Establishment, auch innerhalb der Grand Old Party (GOP), sagt Rowlands: “Die Partei hat sich wirklich von Trump vereinnahmen lassen.”

Sie meint das ganz positiv. Und doch beschreibt sie eine fatale Entwicklung. 

Die Republikaner: Eine Partei der Alten und Grauen

Eine Entwicklung, die Gary Jacobsen, Politikprofessor an der University of California und Experte für Wählerdemographie in den USA, genauer erforscht hat.

“Junge Konservative wollen eigentlich das Gleiche, was ältere Konservative wollen”, sagt Jacobsen der HuffPost. “Das Problem ist: Es gibt nicht sehr viele junge Konservative.” 

► Das war etwa bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 zu erkennen.

Zwar büßte die demokratische Kandidatin Hillary Clinton in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gegenüber ihrem Vorgänger Barack Obama deutlich ein, doch noch immer bekam sie von dieser 55 Prozent der Stimmen – im Gegensatz zu nur 37 Prozent, die Donald Trump erhielt. 

Es ist ein Ergebnis, das sich nicht nur durch den Extremkandidaten Trump erklären lässt. Vielmehr ist es Ausdruck einer grundsätzlichen Schwäche der Republikaner in den Vereinigten Staaten: Die konservative Partei erreicht die junge Generation der US-Amerikaner kaum noch.

► Eine Untersuchung des Center for Information & Research on Civic Learning & Engagement (Circle) aus dem Wahljahr verdeutlicht das: Nur 19 Prozent der weißen Millenials trauen demnach der Republikanischen Partei, bei den schwarzen und hispanischen Millenials sind es sogar nur zehn beziehungsweise 15 Prozent. 

► Eine weitere Circle-Befragung von Wählern zwischen 18 und 35 Jahren zeigt: Zur Zeit der Präsidentschaftswahlen 2008, 2012 und 2016 identifizierten sich nur 26 Prozent der Befragten als Konservative.

► Eine Umfrage des Pew Research Centers unter Millenial-Wählern kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Nur 36 Prozent bezeichneten sich als Republikaner – gegenüber 57 Prozent, die sich als Demokraten bezeichneten. 

Der Durchschnittswähler der Republikaner ist weit älter, als derjenige der Demokraten – und er wird immer älter.

Hinzu kommt: Die Generation der Millenials wird bei den zukünftigen Wahlen in den USA mehr Wähler stellen, als die überwiegend republikanisch geprägten Babyboomer.

“Die Werte, Interessen und Wünsche dieser Generation sind andere, als die der älteren Generationen”, sagt Experte Jacobson: “Junge Menschen nehmen den Klimawandel als großes Problem war, die GOP tut es nicht. Sie befürworten die Homosexuellen-Ehe, die GOP tut es nicht. Zudem glauben die Millenials nicht, dass Steuererleichterungen für Unternehmen und Wohlhabende dem Land helfen.” 

Die Konsequenz sei: Die übermäßig weißen und Minderheiten gegenüber feindlich eingestellten Republikanern würden bei den nur noch zu 50 Prozent aus Weißen bestehenden Generation der unter 30-Jährigen enorm an Rückhalt verlieren. 

“Die Republikanische Partei stirbt aus”schrieb das Magazin “Politico” schon vor drei Jahren, um Hunderttausende Menschen schneller als die Demokraten. 

Und unter Donald Trump gilt: Er hält diesen Prozess nicht auf oder kehrt ihr gar um – er beschleunigt ihn noch

“Trump macht seine Partei für junge Menschen unerträglich”

“Donald Trump ist unter jungen Republikanern der unbeliebteste Politiker”, sagt Politikwissenschaftler Jacobsen.

Die Kernwählerschaft des US-Präsidenten bestehe aus älteren, weißen und ungebildeten Wählern, die mit politischen und wirtschaftlichen Veränderungen nicht umgehen könnten.

Die jüngeren US-Amerikaner, auch in der republikanischen Partei, seien toleranter, weltoffener und würden den Rassismus, den Anti-Globalismus und die Frauenfeindlichkeit des US-Präsidenten ablehnen. 

Instagram / Ariana Rowlands
So präsentiert sich Ariana Rowlands bei Instagram. Sie ist eine der wenigen jungen Frauen, die Trumps Politikstil gutheißen. 

Jacobsen glaubt: “Trump macht seine Partei für junge Menschen unerträglich.”  

Ein Urteil, das sich auch in Zahlen ausdrücken lässt. 

Im November 2017 führte die Harvard University eine Befragung unter 2037 18- bis 29-Jährigen US-Amerikanern durch. Sie sollten bewerten, wie Donald Trump in seinem Amt abschneidet. Das Ergebnis: 

72 Prozent der Befragten missbilligten Trumps Klimapolitik. Nur 24 Prozent stimmten dieser zu. Trumps Gesundheitspolitik kam nur bei 26 Prozent der Befragten gut an – 71 Prozent stimmten ihr nicht zu. 

► Bei innenpolitisch wichtigen Themen kam Trumps Handhabe ebenfalls nicht gut an. 74 Prozent der Befragten lehnten seinen Umgang mit Minderheiten ab, 64 Prozent missbilligten seine Waffenpolitik. 

Dramatisch für Trump auch der Wert in der Wirtschaftspolitik. Die US-Wirtschaft boomt, Trump stellt das als seinen Verdienst dar. Doch nur 34 Prozent der Befragten hielten seine Wirtschaftspolitik für gut. Zwei Drittel missbilligten sie – und 67 Prozent gaben an, Trumps Steuerreform abzulehnen. 

Und auch außenpolitisch fiel Trump in der Befragung durch: 72 Prozent der Befragten verurteilten seine Nordkorea-Politik (25 Prozent empfanden sie als gut) und 64 Prozent seinen Kurs gegen die Terroristen vom Islamischen Staat (32 Prozent bewerteten diesen als gut).  

Trumps Unbeliebtheit unter jungen Menschen in den USA wird politische Folgen haben – und das sehr wahrscheinlich schon bei den Kongress- und Senatswahlen in diesem November. 

Mehr zum Thema:  John Boehner war einst der mächtigste Republikaner der USA - und rechnet nun mit seiner eigenen Partei ab

Denn wie eine weitere Studie der Harvard University aus dem April zeigt, wollen nur 37 Prozent der Republikaner zwischen 18 und 29 wollen bei diesen sicher wählen gehen. Bei den jungen Demokraten sind es immerhin 51 Prozent. 

Ein Trump-Effekt, wie die US-Nachrichtenseite “Axios” nahelegt. Sie fragte schon im Januar verschiedene Altersgruppen von republikanischen Wählern, ob sie sich bei der Präsidentschaftswahl 2020 einen anderen Kandidaten als Trump wünschen. 

► Bei den Befragten zwischen 25 und 34 antworteten 57 Prozent mit Ja.

► Bei jenen zwischen 18 und 24 waren es 82 Prozent. 

Zahlen, die zeigen: Trump zerstört die Zukunft seiner Partei. Und das womöglich ganz bewusst.

Trumps Kamikaze-Präsidentschaft 

Denn was die “Axios”-Umfrage auch zeigt: Die älteren Gruppen der Republikaner, diejenigen Parteianhänger über 45, halten mit großer Mehrheit zum US-Präsidenten. 

► Und es sind diese Menschen, die in den USA zu den verlässlicheren Wählern gehören.

Die Wahlbeteiligung unter den Millenials bei den Präsidentschaftswahlen 2016 lag bei nur 46 Prozent – bei den 45 bis 64 Jahre alten Bürgern lag sie bei 67, bei den über 65-Jährigen bei 71 Prozent. 

Es sind diese älteren, zuverlässigeren (und zumeist weißen) Wähler, auf die Trump setzt. Sie mögen unter der Bevölkerung bald nicht mehr die Mehrheit ausmachen, doch sie tun es unter den Wählern. 

Noch. 

Trumps Wähler altern, sie sterben. Dem US-Präsident mag das noch egal sein – doch seine Partei, die Republikaner, wird die Kamikaze-Präsidentschaft des 71-Jährigen teuer zu stehen kommen.

Das glaubt auch Experte Jacobsen: “Die GOP müsste alle Versprechen und jede Politik aufgeben, die für Trumps Wahlsieg gesorgt haben, um wieder junge Wähler anzuziehen.”

Die Republikaner könnten zwar von der starken Wirtschaft in den USA profitieren. “Aber nicht, wenn diese Partei Stimmung gegen Homosexuelle und Migranten macht und die Umwelt für Firmenprofite zerstört.”

Ariana Rowlands, die junge und radikale Republikanerin aus Kalifornien, kümmert all das nicht. Sie glaubt nicht, dass die Demokraten im November die Wahlen gegen die Republikaner gewinnen können – und sie vertraut Trump blind.

“Kein Zweifel”, sagt sie, “he is making America great again.”