POLITIK
11/04/2018 09:42 CEST

Trump offenbar kurz vor Syrien-Angriff: Was das für die anderen Mächte bedeutet

Die gefährliche Lage im Syrienkrieg auf den Punkt gebracht.

Carlos Barria / Reuters
Trump und die militärische Führung der USA.

Es könnten die vielleicht entscheidendsten 48 Stunden im seit 7 Jahren andauernden Syrienkrieg werden. US-Präsident Donald Trump plant offenbar militärische Schritte gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad.

Trump sagte überraschend eine wichtige geplante Reise nach Südamerika ab. Die syrische Armee und ihre Verbündeten im Land wurden in volle Alarmbereitschaft versetzt.

Entscheidet sich das Weiße Haus in den kommenden Stunden zu einem Einsatz, könnte das das Macht-Gleichgewicht in Syrien entscheidend verändern. Den USA droht dann ein zäher, langwieriger und riskanter Kampf.

Trumps mögliche Syrien-Offensive auf den Punkt gebracht.

So ist die Lage:

► Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff Assads in der Region Ost-Ghouta hat sich die Krise um den Bürgerkrieg in Syrien dramatisch zugespitzt.

► Die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) kündigte an, in Kürze Experten in die syrische Stadt Duma zu schicken, um den Angriffsort zu untersuchen.

► Der UN-Sicherheitsrat zeigte sich bei dem Thema unterdessen erneut völlig blockiert. Drei Syrien-Resolutionen scheiterten am Dienstag in einem neuen Schlagabtausch zwischen dem Westen sowie Russland und seinen Verbündeten.

► Die USA machen die Regierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad für den mutmaßlichen Angriff verantwortlich. Russland erklärte hingegen, die Rebellen hätten den Angriff lediglich inszeniert.

► Am Montag sagte Trump, seine Regierung werde in den nächsten 24 bis 48 Stunden eine Entscheidung über die Reaktion der USA treffen. Er erklärte, dass alle Optionen in Betracht gezogen würden.

► Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte, Angriffe auf “chemische Kapazitäten” in Syrien seien möglich. Frankreich tausche sich mit Partnern aus, vor allem mit den USA und mit Großbritannien.

► Auch Saudi Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hat angekündigt, dass sein Land bereit wäre, die USA bei einem militärischen Vorgehen in Syrien zu unterstützen.  

► Katars Staatsoberhaupt Tamim bin Hamad Al Thani schwor Trump bei einem Treffen am Mittwoch auf ein gemeinsames Vorgehen gegen das Assad-Regime und seine Verbündeten ein.

Am Dienstag kreisten Berichten zufolge bereits mehrere US-Flugzeuge an der Westküste Syriens – bislang ohne einen Angriff zu starten.

Das würde ein Angriff für die USA bedeuten: 

► Der US-Präsident Donald Trump würde mit einem Angriff auf syrische Stellungen von seinem Wahlkampfversprechen abweichen, die Einsätze der Vereinigten Staaten im Nahen Osten zu beenden.

► Ein Krieg gegen das Regime würde das Ende der bisherigen Strategie der USA in Syrien bedeuten. Das Vorgehen Washingtons in Syrien schien unter Trump bereits deutlich weniger konsistent als unter Vorgänger Barack Obama.

► Zuletzt hatte sich die USA auf die Unterstützung der Freien Syrischen Armee im Kampf gegen den IS beschränkt.

► Mit einem verstärkten Kampf gegen Assad würde Trump eine große Verpflichtung eingehen und einen möglicherweise langen Einsatz sowie ein sich anschließendes Wiederaufbau-Engagement riskieren.

► Zudem droht in Syrien die direkte militärische Konfrontation mit Russland und dem Iran.

► Bereits vor rund einem Jahr, im April 2017, hatte Trump begrenzte Luftangriffe auf Stellungen Assads befohlen. Der Effekt dieser Angriffe blieb jedoch minimal.

► Greifen die USA nun erneut an, ist von einer deutlich umfangreicheren Offensive auszugehen, glauben auch die Experten des Außenpolitik-Magazins “Foreign Policy”.

Und für die Achse Assad-Putin-Rohani?

► Für Syrien, Russland und den Iran wird vor allem das Ausmaß des möglichen US-Einsatzes entscheidend sein.

Militäranalyst Ruslan Trad sagte der “Bild-Zeitung”: Begrenzte Angriffe könnten “das Regime und sein Verbündeten sowohl militärisch als auch diplomatisch stärken”.

► Eine ausgeweitete Luft-Offensive könnte Assads jüngsten Vormarsch bei der Wiedereroberung des Landes jedoch möglicherweise stoppen.

► Dass der Kreml als Partner Assads die militärische Konfrontation mit den USA riskiert, ist zudem weiter unwahrscheinlich.

Militäranalyst Kyle Orton sagte der “Bild”: “Die Russen werden poltern und vielleicht auf einige der Raketen schießen. Aber Moskau wird nichts tun, dass zu Vergeltungsmaßnahmen gegen seine Position in Syrien führen könnte.“ 

► Expertin Jennifer Cafarella vom Institute for the Study of War erklärte, es gehe der USA nicht nur um Assads Giftgas, sondern auch um größere Interessen in der Region, etwa die Sicherheit der Partner Israel und Jordanien. Daher wäre eine Konfrontation mit Russland von US-Seite aus denkbar.

► Schafft Trump es, mit Luftschlägen das Assad-Regime entscheidend zu schwächen, könnte das auch für die in die Defensive geratenen syrischen Rebellen neue Möglichkeiten schaffen.

Mehr zum Thema: Die zwei Fronten im Nahen Osten: Wer nun gegen wen ins Feld zieht

Und für Erdogans Türkei?

Für die Türkei wären neue US-Luftschläge eine zwiespältige Angelegenheit.

► Erdogan befindet sich derzeit in einer tiefen diplomatischen Krise mit Washington. Die Offensive der Türkei im Norden Syriens gegen die von den USA unterstützte Miliz YPG hat ein militärisches Aufeinanderprallen wahrscheinlicher gemacht.

► Zuletzt drohte Erdogan immer wieder mit einem Angriff auf die Stadt Manbidsch. Die USA hatte diese an der Seite der YPG vom IS befreit.

► Ein gesteigertes Engagement gegen Assad könnte auch den amerikanischen Kampf an der Seite der Kurden wieder intensivieren. Für Erdogan wäre das ein Rückschlag.

► Auf der anderen Seite bahnte sich zuletzt auch eine Konfrontation zwischen der türkischen Führung und der Achse Putin-Assad an.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow forderte die Türkei so auf, die Kontrolle über die eroberte Stadt Afrin wieder der syrischen Regierung zu übergeben.

► Eine Schwächung Assads hingegen könnte Erdogans Machtanspruch im Norden des Landes sichern.

Auf den Punkt gebracht:

Die USA könnten Assad mit groß angelegten Luftschlägen entscheidend schwächen. Ob Russland an der Seite Assads eine Konfrontation mit Washington riskiert, ist offen – aber unwahrscheinlich.

Auf der anderen Seite würde ein neues Engagement der USA Trump innenpolitisch in die Bredouille bringen. Trump hatte ein Ende des Syrien-Einsatzes versprochen.

Schlägt er nun zu, gibt es keinen einfachen Ausweg aus dem Konflikt mehr.

(jg)