POLITIK
16/07/2018 13:01 CEST | Aktualisiert 16/07/2018 14:20 CEST

Trump ist längst zu Putins Marionette geworden – ohne es selbst zu merken

“Putin ist ein Meistertroll.”

Mikhail Metzel via Getty Images
Donald Trump und Wladimir Putin beim Treffen in Helsinki

Schon während des Kalten Krieges war Helsinki mehrfach Schauplatz von Gipfeltreffen der Staatschefs aus Moskau und Washington.

In der Hauptstadt des neutralen Finnlands wurden damals auch Annäherungen zwischen den verfeindeten Blöcken angestoßen.

Eigentlich gute Vorraussetzungen für das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin – wenn da nicht die Angst bei der EU und der Nato wäre, dass der russische Präsident die Agenda bestimmen könnte. 

Poker-Ass gegen Partner-Schreck

Trumps “natürliche Neigung ist es, Putin zu bewundern und ihn zu erreichen”, sagt Politikwissenschaftler Charles Kupchan mit Blick auf die Affinität des US-Präsidenten zu Autokraten. 

Kupchan, der auch als oberster Beamter des Weißen Hauses unter Ex-Präsident Barack Obama diente, verweist darauf, dass Trump demokratisch gewählte Staats- und Regierungschef befreundeter Staaten heftig kritisiert – vorneweg Angela Merkel.

Am Donnerstag nannte Trump Putin “einen Konkurrenten” und deutete an, dass der russische Präsident das Recht habe, die russische Einmischung in die US-Wahlen 2016 zu leugnen. Nur Stunden später veröffentlichte die britische Zeitung “The Sun” ein Interview, in dem Trump die britische Premierministerin Theresa May attackierte. Am Sonntag dann bezeichnete der US-Präsident die EU als “Feind”. 

Dazu kommt: Anders als der polternde Trump gilt Russlands Präsident als cleverer Verhandler. “Putin bringt Erfahrung, Vorbereitung, schonungslose Disziplin und reale Ziele mit”, erklärt der britische “Guardian”. Er sei das “Poker-Ass”, das auf einen Mann trifft, der lediglich Politik auf Kosten seiner Partner betreibt.

Zwar verbindet beide Staatschefs ihre Feindseligkeit gegenüber der Nato, der EU und anderen etablierten Bündnissen der USA. Das sei “alarmierend”, bemerkt “The Guardian”. Doch die Zeitung gesteht: Man weiß nicht, warum Trump dieses Treffen überhaupt will, “abgesehen davon, dass er es genießt, im Scheinwerferlicht zu stehen.”

“Putin ist ein Meistertroll”

Außerdem weiß auch Putin, dass Trump durch die intensiven Nachforschungen des US-Kongresses in der Russland-Affäre gelähmt ist. am Kurs der US-Russland-Politik schließt Michael Kofman, Russland-Experte am Center for Naval Analyses, deswegen aus.

Kofman verweist auf das Versäumnis der Trump-Regierung, adäquat auf russische Beschwerden nach den neuen US-Sanktionen oder der Beschlagnahme von russischen Botschaftseinrichtungen in den USA zu reagieren.

“Die Russen sind mit einem klaren Eindruck davongegangen, dass er (Trump, Anm. d. Red.) Washington nicht kontrollieren kann”, sagt Kofman. Aber das bedeute nicht, dass es für die Russen nichts zu gewinnen gibt.

In der russischen Wunschvorstellung für den Ablauf des Treffens sei Putin der große, kräftige Wahrsager und Trump der leicht zu überwältigende Zuhörer.

Kofman betont: “Putin ist ein Meistertroll”, der das Treffen nutzen werde, um die Vereinigten Staaten, US-Medien und US-Einrichtungen vorzuführen.

Mit Werben und Schmeicheln zum Erfolg

Putin wird wahrscheinlich auch Trumps jahrzehntelange Sympathie für die russische Sicht der Welt ausnutzen. Eine Sicht, in der Skepsis gegenüber den traditionellen Verbündeten der USA und den US-Regierungsbeamten herrscht. Und er wird darauf abzielen, Trumps Überzeugung zu nutzen, dass Amerikas gespanntes Verhältnis zu Russland eher die Schuld vergangener US-Präsidenten als Putins eigener kriegerischer Handlungen ist.

All das Werben und Schmeicheln könnte noch in Helsinki dazu führen, dass Trump etwas herausposaunt, das die von den USA konstruierte Weltordnung direkt untergräbt. Der US-Präsident könnte beispielsweise die russische Invasion der Ukraine leugnen oder die Nato erneut attackieren. Alles Vorgänge, die die US-Regierung in Aufruhr versetzen würde.

Putins langfristiges Ziel: Die Weltpolitik umzugestalten, indem er Russlands Status stärkt und die Macht der USA stutzt. Insbesondere indem er das einzigartige transatlantische Bündnisnetzwerk ins Visier nimmt.

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Wladimir Putin nach seiner Ankunft in Helsinki.

“Trump handelt wie eine andere Macht”

Trump selbst nimmt Putin die Arbeit durch Handelskämpfe und Streitigkeiten mit Verbündeten ab – vorneweg die EU und Deutschland. “Er handelt wie eine andere Macht”, sagt Kofman.

Trump hat selbst keinen bedeutenden Plan für das Treffen vorgelegt. Er sagt, dass er die Einmischung in die Wahlen erwähnen werde, obwohl er nach wie vor bezweifelt, dass es sie gegeben hat. Zur Ukraine, der größten Sorge der Europäer, hat Trump bisher wenig gesagt.

Ebenso scheint es unwahrscheinlich, dass der US-Präsident Putins wichtigstes Narrativ in Frage stellen wird: das in Syrien, wo Russland den Diktator Baschar al-Assad unterstützt.

Trump hegt seit Längerem die Idee, dass Russland und die USA in Syrien enger zusammenarbeiten könnten – im Idealfall, um sich selbst aus dem Konflikt zurückzuziehen und zugleich Putin dazu zu drängen, den Iran auszuschalten.

Außenpolitische Hardliner in der Trump-Regierung und zentrale US-Verbündete im Nahen Osten drängen darauf, Assads zweiten Schutzpatron, den Iran, ins Visier zu nehmen. 

Was für die US-Politik zählt, ist, was Trump glauben will

US-Partner aber sind skeptisch: 

“Wir glauben nicht, dass sie so viel Einfluss auf den Iran haben”, sagt ein europäischer Diplomat der HuffPost mit Blick auf Russland. “Vielleicht glauben es die Amerikaner. Es ist einfacher für sie, es zu glauben und zu sagen: Lass’ die Russen den Job machen. Aber wir haben Zweifel.”

Klar ist: Das Treffen bietet für Putin die Chance, Risse im transatlantischen Bündnis zu fördern.

Der Artikel erschien zuerst bei der US-HuffPost und wurde von Marco Fieber übersetzt und bearbeitet.

(ll)