LIFESTYLE
03/05/2018 12:31 CEST | Aktualisiert 03/05/2018 15:39 CEST

Trotz Donald Trump: Wieso ich die USA immer noch liebe

Und was das mit David Hasselhoff zu tun hat.

Mikael Törnwall via Getty Images
Zwei USA-Flaggen in einer Menschenmenge.

Vielleicht ist das ein schlechter Einstieg für einen Text über die deutsch-amerikanischen Beziehungen: Aber ich war neulich auf einem Konzert von David Hasselhoff.

Ich ging dort mit einem alten Freund hin, der genauso wie ich in den frühen 1980er-Jahren geboren wurde. Unsere erste Mediensozialisation fand über das Kabelfernsehen statt. Und wer um das Jahr 1990 herum noch im vorpubertären Alter war, liebte US-Serien.

Für mich war K.I.T.T., das Auto von Michael Knight (alias David Hasselhoff) die Fortsetzung von Astrid Lindgren mit anderen Mitteln.

Pippi Langstrumpf lebte allein in einer Villa und konnte Dinge tun, von denen andere Kinder nur träumten. K.I.T.T. war ein Auto, das sprechen, fliegen, rasen und nebenbei noch Probleme lösen konnte. Ich träumte davon, mir binnen eines Jahrzehnts auch ein solches Auto anzuschaffen und auf Verbrecherjagd zu gehen.

Die USA verschwinden (leider) aus unserem Alltag

David Hasselhoff war auf diese Weise der erste, der mir ein Fenster zur Erwachsenenwelt öffnete. Pippi Langstrumpf lebte in Opposition zu den Älteren. Michael Knight nahm mich in ihre Welt mit. Für ein oder zwei glückliche Jahre war er ein Vorbild für mich: Stets auf der Seite der Gerechtigkeit, für die Schwachen Partei ergreifend, das Böse bekämpfend. Eine sehr amerikanische Serie, ich weiß.

Isa Foltin via Getty Images
Was mir der alternde David Hasselhoff über die deutsch-amerikanischen Beziehungen vermittelte.

Was mir an jenem Tag auf der Tribüne des Berliner Friedrichstadtpalastes klar wurde: Das alles ist wirklich schon fast 30 Jahre her.

Als Hasselhoff auf der Bühne stand, und sein durchweg schon mehrere Jahrzehnte altes Repertoire verausgabte, wurden Aufnahmen auf dem riesigen Bildschirm im Bühnenbild eingeblendet, die ein Amerika zeigten, von dem ich einst geträumt hatte.

Hochhausschluchten, glänzender Chrom, Sandstrände. Und mit fortschreitender Dauer merkte ich, wie sehr das alles aus der Zeit gefallen war.

Um mich herum standen junge Männer, vielleicht Anfang 20, die Hasselhoff mit ironischen Sprechchören anfeuerten. Zum Schluss sangen sie: “Oh, wie ist das schön!“ Als hätte ihr Fußballclub gerade den DFB-Pokal geholt.

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Sicher hatten sie ihren Spaß. Aber einen amerikanischen Traum haben sie an diesem Abend nicht erlebt.

Aber das passt gut ins Bild: Denn die USA verschwinden immer mehr aus dem Alltag der Deutschen.

Wir alle haben uns entfremdet

Als ich aufwuchs, waren Michael Jackson, Prince und Madonna Superstars. Die Jahrescharts waren ohne amerikanische Künstler nicht vorstellbar. Und heute? Der letzte Musiker, der in den USA geboren wurde und einen Nummer-1-Hit in den deutschen Charts hatte, war Justin Timberlake. Im Mai 2016.

Statt amerikanischer Vorabendserien wie dem “A-Team“ oder “Ein Colt für alle Fälle“ laufen heute selbstproduzierte Telenovelas im deutschen Fernsehen. Und an Stelle des witzig-verplanten Inspektor Columbo lösen mittlerweile skandinavische Polizisten ungelöste Mordfälle in düsteren Schwedenkrimis.

Die Entwicklung lässt sich auch in anderen Bereichen der Alltagskultur beobachten.

Kann sich noch jemand an die Zeit erinnern, als amerikanisches Essen eine lässige Rebellion gegen die heimische Bratensoßenkultur war? Oder als Teenager davon träumten, nach dem Abi einen Roadtrip durch die USA zu machen? Sagt heutigen Teenagern überhaupt die „Route 66“ noch etwas? Ich bin mir da nicht ganz so sicher.

Sicher bin ich mir aber, dass dies nicht das Problem der Teenager ist. Wir alle haben uns innerlich von den USA entfernt, nicht wenige haben sich sogar ganz von Amerika verabschiedet.

Die Fremdheit durchdringt die ganze Gesellschaft

Die “Westintegration“ mag in der Politik noch ein wichtiges Schlagwort sein. In der Bevölkerung macht sich aber eine andere Stimmung breit: Der Wunsch nach Unabhängigkeit von den amerikanischen Partnern.

Das US-Institut “Pew Research“ fand im Februar diesen Jahres heraus, dass nur noch 35 Prozent der Deutschen eine positive Meinung von den USA haben. Man könnte meinen, das sei der gemeinhin negativen Haltung gegenüber dem im Januar 2017 vereidigten US-Präsidenten Donald Trump geschuldet.

Es gibt aber gute Gründe zu glauben, dass diese Entwicklung schon länger andauert. Bereits im Jahr 2014 ergab eine Infratest-Dimap-Umfrage, dass 49 Prozent der Deutschen ihr Land lieber in einer „mittleren Position zwischen dem Westen und Russland“ sähen.

Dazu passt, dass die Deutschen laut einer 2017 veröffentlichten Pew-Studie bei einem Nato-Bündnisfall mehrheitlich den Amerikanern die Gefolgschaft verweigern würden.

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Putin und Trump: Die Deutschen vertrauen eher dem Russen.

Das alles nur mit “Anti-Amerikanismus“ zu erklären, würde wohl der Größe des Problems nicht genügend Rechnung tragen. Es ist wohl eher eine “Amerika-Fremdheit“ geworden, die uns von dem wichtigsten deutschen Bündnispartner der vergangenen Jahrzehnte trennt. Und diese Fremdheit ist strukturell gewachsen, sie durchdringt mittlerweile fast die gesamte Bevölkerung.

Manch einer mag sagen, dass dies eine logische Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte ist.

Clintons Sex-Affären, die Kriege von George W. Bush, Obamas bisweilen nicht zimperliche Außenpolitik und nun eben ein affektierter Immobilien-Milliardär im Weißen Haus: Die amerikanische Politik hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen, nicht in jeder Situation vorbildlich zu wirken.

Andererseits: Was treibt eigentlich den Wunsch nach Distanz zu den USA an? Sind es wirklich die Tweets von Donald Trump? Oder ist es nicht vielleicht doch der stille Wunsch, Deutschland könne künftig sein eigenes Ding machen?

Wahlweise – und vom politischen Standpunkt des Betrachters abhängig -  als “Supermacht der Werte“, als “Taktgeber des Friedens“ oder als “nationale Kraft in Europas Mitte“?

Ohne die USA hätten wir es nicht geschafft

Das könnte am Ende ein gefährliches Spiel sein. Und dies gilt nicht nur für jene, die sich auf der Flucht vor Donald Trump dem russischen Präsidenten Wladimir Putin an den Hals werfen.

In Deutschland besteht zu wenig Verständnis dafür, was für ein Erfolg die Integration der Bundesrepublik in die Wertegemeinschaft des Westens war. Die liberale Demokratie haben wir einst aus Amerika importiert.

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Ich habe ernsthafte Zweifel daran, dass die Deutschen ohne die Hilfe der USA nach 1945 gelernt hätten, was Demokratie bedeutet. Dafür saß der Glaube an autoritäre Herrschaft zu tief.

Bei meinen Eltern fing es mit Rockmusik an. Bei mir mit David Hasselhoff und Serien wie “Knight Rider“. Ja, es war beide Male etwas zu laut und zu kitschig, aber es hat jeweils für Jahrzehnte vorgehalten – dieses Gefühl von Freiheit.

Wie sieht es wohl bei denen aus, die heute den Hochhausschluchten und dem glänzenden Chrom beim Konzert von David Hasselhoff nur noch mit ironischer Distanz begegnen können?