POLITIK
14/05/2018 20:20 CEST | Aktualisiert 14/05/2018 21:09 CEST

An Özil und Gündogan: Wie tief kann der deutsche Fußball sinken?

Die beiden Nationalspieler haben sich zu Cheerleadern des Erdogan-Regimes gemacht.

Im Video oben seht ihr den Erdogan-Eklat: Özil und Gündogan treffen den Präsidenten der Türkei. 

Lieber Mesut Özil, lieber Ilkay Gündogan:

Ich weiß, Sie hatten es beide in Ihrem Fußballerleben nicht immer einfach mit dem deutschtümelnden Teil der Fußballszene. Vor allem Sie, Mesut Özil. Noch immer hängen so genannte Fußballfans bei Länderspielen mit der Nase vor dem Bildschirm und achten darauf, ob sich Ihre Lippen bei der Nationalhymne bewegen oder nicht.

Diesen Menschen geht es nicht um Fußball. Sondern um ein stumpfes, nationalistisches Rollenspiel, für das der Fußball ein Anlass ist.

Ich will verstehen, welchen Begriff von Heimat Sie beide haben. Als Deutscher mit reichlich vertrockneten polnischen Wurzeln werde ich wohl nie so recht nachvollziehen können, was die Türkei für Sie bedeutet.

Trotzdem gibt es für Nationalspieler eines demokratisch verfassten Deutschlands Grenzen.

Cheerleader des Erdogan-Regimes

Dass Sie sich beide, kurz vor der unseligen Fußball-WM in Russland, zu Cheerleadern des Erdogan-Regimes gemacht haben, ist ein verheerendes Signal. Ich weiß nicht, ob Sie sich dessen wirklich bewusst sind.

Keine Bange: Ich komme Ihnen jetzt nicht mit Ihrer Vorbildfunktion. Wir leben ja nicht mehr in der Ära Herberger. Und Sie selbst werden ja besser als ich wissen, dass Sie mit Ihrem Lebensstil kaum zu Vorbildern taugen.

Ich jedenfalls wäre entsetzt, wenn meine Kinder eines Tages einem Spieler zujubelten, der bei den Vertragsverhandlungen seinen Club und seine Teamkollegen monatelang mit absurden Kapriolen zappeln lässt, dann ein Jahresgehalt in Höhe von 20 Millionen Euro herausschlägt und schließlich gegenüber den Fans so tut, als ob das ganze Theater nur ein verantwortungsvoller Reflexionsprozess am Wendepunkt des eigenen Lebenswegs Lebens sei (Herr Özil):

Keine Vorbilder 

Oder einem Spieler, aus Zuneigung zum “Ballbesitzfußball”nach fünf Jahren “wahrer Liebe” im Dienste von Borussia Dortmund bei einem englischen Club anheuert, der mal einem thailändischen Nationalistenführer und mal einer arabischen Investmentgesellschaft gehört (Herr Gündogan).

Nein, Vorbilder sind Sie beide nicht.

Aber eine Sache erwarte ich doch von Ihnen, wenn Sie das Angebot bekommen, mit jemandem wie Recep Tayyip Erdogan zu posieren: Dass Sie zwischen türkischer Heimat und türkischem Staat, sowie zwischen Volk und Regierung unterscheiden können.

Sie haben sich nicht mit irgendeinem Türken getroffen, sondern mit demjenigen, der für die Verhaftung von Zehntausenden Landsleuten in den vergangenen zwei Jahren verantwortlich ist. Der die Freiheit der Medien verachtet und in Nordsyrien gerade Krieg führt.

“Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen”

Ich halte Sie beide nicht für blöd. Und das macht die Sache nicht besser, denn Sie wussten, mit wem Sie sich da eingelassen haben. Womöglich haben Sie tatsächlich kein Problem damit, was derzeit in der Türkei geschieht. Womöglich ist es Ihnen scheißegal, so lange der Ball rollt und die Sponsoren das Geld überweisen.

Leider stehen Sie damit in einer ziemlich unheilvollen Tradition. Berüchtigt ist bis heute der Auftritt der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 1978 in Argentinien.

Während sich Militär-Diktator Jorge Rafael Videla im Abglanz des internationalen Fußballfestes aalte, wurden in seinen Gefängnissen Menschen gefoltert und getötet. DFB-Kapitän Berti Vogts wusste damals zu berichten: “Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.” 

Da passte es auch ganz gut ins Bild, dass der DFB den NS-Propagandahelden und glühenden Altnazi Hans-Ulrich Rudel ins Mannschaftsquartier einlud. “Ich kenne Herrn Rudel aus der Herberger-Zeit. Warum soll ich ihn nicht begrüßen“, sagte der damalige Bundestrainer Helmut Schön. “Er hat im Krieg Hervorragendes geleistet.” 

Auf dem Rasen ein Riese, im Leben ein Lauch

Ein wenig vom 78er-Geist schwang auch mit, als Julian Draxler im vergangenen Jahr vor dem Finale des Confed-Cups einen offenen Brief an die russischen Fußballfans verfassen (musste). “Wir bedanken uns für eine tolle Organisation, für die vielen helfenden Hände überall und für ein immer vorhandenes Gefühl der Sicherheit”, schrieb Draxler.

“Unser Sommer in Russland geht zu Ende. Nun wartet noch das Finale in St. Petersburg auf uns. Wir sagen Dankeschön. Wir sagen Spasiba und Doswidanja.”

Das Stadion, liebe Herren Gündogan und Özil, in dem Ihre Sportskameraden schließlich die Mini-WM gewannen, wurde von nordkoreanischen Zwangsarbeitern gebaut. Es hat – trotz dieser etwas unkonventionellen Sparmaßnahme – etwa 1,2 Milliarden Dollar gekostet.

Das ist jedenfalls der Betrag, der auf Geheiß von Wladimir Putin in die Taschen der Oligarchen geflossen ist. Und der den “lieben russischen Fußballfans”, die Draxler so herzerwärmend adressierte, künftig nicht mehr für den Bau von Infrastruktur, Krankenhäusern und Schulen zur Verfügung steht.

Um es klar zu sagen: Wer in diesem Jahr glaubt, dass Fußball unpolitisch sei, der muss schon ziemlich schmerzfrei sein.

Auf dem Rasen ein Riese, im Leben ein Lauch.

Mann, Mann: Herr Özil und Herr Gündogan.

(mf)