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12/02/2018 11:11 CET | Aktualisiert 12/02/2018 12:58 CET

Von meinem Job träumen viele – für mich wurde er zum Albtraum

Als ich mit dieser Arbeit anfing, hatte ich noch nicht geahnt, wie schlimm es werden würde.

Victoria Carter
Kein Urlaub, kein Schlaf, keine Versicherung

Ich habe meinen Traum-Job gefunden.

Nach dem Studium arbeitete ich als Location Manager und Scout für Film und Fernsehen. Der Job war dynamisch, herausfordernd, bot hervorragenden Erzählstoff für Partys und bei weitem das Interessanteste an mir. Leider zerstörte er auch mein Leben.

Schon als Kind war ich viel im Theater, aber die Filmindustrie zog mich geradezu magisch an. Alle arbeiteten mit Hingabe und waren so fokussiert, um ihr gemeinsames Ziel zu erreichen.

Das inspirierte mich. Mit vollem Einsatz widmete ich mich schließlich dem Filmgeschäft.

Ich arbeitete vor allem im Location Management – das heißt, meine Kollegen und ich waren dafür verantwortlich, Drehorte zu finden und während des Filmdrehs zu sichern.

Der neue Job – jeden Tag neue Herausforderungen

Wir waren auch zuständig für Drehgenehmigungen, unterstützten das Filmteam und kümmerten uns um logistische Angelegenheiten – alles, was die anderen gerade nicht tun wollten.

Es ist ist ein bisschen, als wäre man Hochzeitsplaner. Aber statt heiratswütiger Frauen waren weiße Männer mit Baseballkappen meine Klienten.

Da alle in meinem Job narzisstisch sind, habe ich kein Problem damit, zu sagen, wie gut ich in meinem Job war. Das liebte ich am allermeisten daran.

Ich war gut darin, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen – und das obwohl Flaute in meinem Liebesleben herrschte, ich niemals mehr als einmal im Monat Wäsche waschen oder mehr als fünf Stunden pro Nacht schlafen konnte.

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Um drei Uhr morgens zum Set kommen und sicherstellen, dass die Lastwagen an den richtigen Stellen parken? Ich kümmere mich!

Eine Woche lang jeden Tag mindestens einmal nach Long Island fahren, um den perfekten Strandclub zu finden, der als Restaurant in L.A. in den 30ern durchgehen kann? Klingt nach Spaß!

Sich in New York verfahren, weil man einen Eiscremeverkäufer verfolgt, der 500 Dollar erpresst und sich dann aber geweigert hat, die Musik seines Eiswagens auszumachen, obwohl er keine Kunden hatte? GRUSELIG, ABER ICH HABE ES GETAN!

Jeder Tag brachte neue, unerwartete Herausforderungen, und fast immer meisterte ich sie.

Formulare und Anträge – die schlechten Seiten des Jobs 

Aber es waren nicht alle Aufträge so spannende Notfälle, wie Anrufe um drei Uhr morgens und nächtliche Fahrten nach Long Island, bei denen ich versuchte, nicht hinterm Steuer einzuschlafen. Es gab auch schlechte Seiten des Jobs.

Da waren die Fernsehregisseure, die jede leerstehende Wohnung in Queens sehen mussten, bevor sie die richtige auswählen konnten, in dem die Leiche dann gefunden werden sollte.

Und ich hatte nur einen Tag Zeit, um diese Wohnung zu finden. Ach ja, und der Regisseur will jetzt doch noch mehr Wohnungen sehen, kannst du auch am Samstag arbeiten?

Dann waren da die hartnäckigen Sachbearbeiter, die offensichtlich großen Spaß daran hatten, mich dasselbe Formular sechs mal ausfüllen zu lassen, nur um es dann nicht anzunehmen, weil ich es nicht rechtzeitig eingereicht hatte.

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Habe ich schon erwähnt, dass wir ohne dieses Formular keine Drehgenehmigung bekommen und deshalb mehrere hundert Menschen einen Tag lang nicht arbeiten können? Aber kein Problem.

Auf dem Papier hatte ich den coolsten Job der Welt (wenn du willst, dass Menschen sich für deine Arbeit interessieren, sag ihnen nur, dass du mit Prominenten zusammenarbeitest). Keiner meiner Freunde wusste Spannenderes zu berichten:

Ich wurde aus dem Scientology-Zentrum geschmissen. Ich habe die geheimen, unterirdischen Tunnel in New York gesehen. Ich habe mir eine Pizza mit Matt Damon geteilt! Ich habe genau das getan, von dem ich sagte, dass ich es tun wollte und ich war sehr gut in meinem Job. Aber er machte mich wahnsinnig.

 

victoria carter

Kein Urlaub, kein Schlaf, keine Versicherung

Ich versuchte mir einzureden, dass ich nicht immer so hart arbeiten oder so gestresst sein würde. Aber dann schaute ich mir meine Chefs und deren Chefs an. Mir wurde klar, dass es nur schlimmer werden konnte.

Ich will jetzt nicht Spiderman zitieren, aber die Sache mit der Verantwortung und der Macht, die Hand in Hand gehen, stimmt wirklich.

Ich sah einige meiner Vorgesetzten Krankenhäuser aufsuchen aufgrund von Stress. Ich sprach mit Produzenten, die ihre Kinder vielleicht einmal im Monat sehen.

Ich unterhielt mich mit einem Regisseur, der meinte, der Körper bräuchte nicht jede Nacht Schlaf. Das redete er sich nicht ein, um zu rechtfertigen, dass er keine Zeit zum Schlafen hatte. Er glaubte das wirklich.

Wollte ich wirklich so leben?

Ich hatte es satt, keine Pläne machen zu können, weil ich niemals wusste, wie lange wir nachts drehen würden. Ich hatte die Albträume satt, nicht die richtige Location zu finden oder Drehgenehmigungen nicht rechtzeitig einzureichen.

War es das alles wirklich wert – noch dazu ohne ohne Krankenversicherung zu arbeiten, niemals krank sein zu dürfen, ohne bezahlten Urlaub oder Mittagspausen – ohne all das, was meine Freunde mit “normalen“ Jobs hatten?

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Tatsächlich waren für mich als Selbstständige in dieser Branche die einzigen Leistungen ein Gehaltscheck und ein Mietauto. Super glamourös, oder?

Ich sah mich in meiner Branche um und sah, dass dort Menschen an ihrer Arbeit sterben – buchstäblich. Nachdem die Kameraassistentin Sarah Jones bei einem furchtbaren Zugunglück am Filmset ihr Leben ließ, fragte ich mich, ob ich es auch soweit kommen lassen könnte.

Die Wahrheit war, dass ich es bereits getan habe: Ich arbeitete 18 Stunden am Tag, schlief maximal sechs Stunden und setzte mich dann hinters Steuer – das ist weder sicher noch klug, aber Alltag in der Filmbranche.

Alltag in der Filmbranche

Anfang 2016 arbeitete ich an einem Film, der wie Gift war für mich. Die Produktion schien von Anfang an verflucht zu sein, hatte ein unfassbar anspruchsvolles Drehbuch, einen schwierigen Zeitplan und wenig Budget.

Nichts funktionierte, und vieles davon fiel auf mich zurück. Ich konnte nicht mehr aufrecht stehen, Magengeschwüre plagten mich (ganz normal für eine 32-jährige, Stressgeschwüre zu haben, oder?), und trotzdem hatte ich Angst davor, diesen Job zu verlieren. Diesen Job, der mein Leben ruinierte.

Aber ich entschied mich schließlich anders. Ich wechselte die Arbeitsstelle, verließ die Filmbranche und New York, und – das war am schmerzvollsten – gab meinen Traum auf.

Ich stellte meine Möbel und Sachen unter und zog zu meinen Eltern, um zu überlegen, was ich tun sollte. Sie haben sich in einem idyllischen Weinanbaugebiet in Kalifornien zur Ruhe gesetzt – das schien der perfekte Ort zu sein für eine verfrühte Midlifecrisis.

Ich fing an, in einem Restaurant zu arbeiten, konzentrierte mich aufs Schreiben, lernte sämtlichen Unsinn über Pinot Noir und verhielt mich generell so, wie es Anfang-Zwanzigjährige normalerweise tun.

Suche nach dem Lebenssinn

Manchmal werde ich immer noch traurig, wenn ich darüber nachdenke, was hätte sein können, wenn ich durchgehalten hätte. Aber im Endeffekt stehe ich zu meiner Entscheidung. Es ist nicht immer einfach, wir leben in einem Land, in dem unser persönlicher Wert an unsere Produktivität gebunden ist.

Wenn uns jemand bittet, uns selbst zu beschreiben, fangen wir meist mit unserem Beruf an. Aber ich glaube, dass mich mehr ausmacht als meine Arbeit. Ich muss mich selbst öfter daran erinnern, aber es ist möglich, in anderen Bereichen einen Lebenssinn zu finden.

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Ich werde meine Situation nicht schönreden und nun sagen, ich hätte mein wahres Ich gefunden, seit ich nach Kalifornien gezogen bin und als sonst etwas arbeite.

Die Wahrheit ist, dass ich gerade nicht so genau weiß, was ich mit meinem Leben tun soll. So eine Unsicherheit habe ich noch nie erlebt.

Dass ich damals genau wusste, was ich wollte, war ein Geschenk, das ich nicht genügend geschätzt habe – bis ich es verlor. Vielleicht habe ich gerade nicht die Antwort auf die Frage “Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“, aber ich weiß, dass ich mein Leben nun selbst in der Hand habe.

Es ist viel einfacher, die Nacht durchzuschlafen, wenn mir bewusst ist, dass die einzigen Probleme, die ich lösen muss, meine eigenen sind.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPost US und wurde übersetzt von Agatha Kremplewski.