WIRTSCHAFT
29/07/2018 20:18 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 20:34 CEST

Traumjob Beamter: Wie der Kapitalismus seine Kinder gefressen hat

Mehr als 40 Prozent der Studenten wollen am liebsten für den Staat arbeiten. Darunter ausgerechnet die Besten.

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Es gibt dieses Klischee: Junge Menschen sind voll von Energie. Sie wollen die Welt verändern, etwas Neues machen. Kurz: Sie möchten der Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken.

Natürlich steckte dahinter schon seit Rudi Dutschkes Zeiten immer auch ein Stück Sozialromantik. Aber nie war dieses Bild so falsch wie heute.

Ein halbes Jahrhundert nach 1968 ist kein anderer Arbeitgeber unter den deutschen Studenten auch nur annähernd so populär wie Vater Staat. Der öffentliche Dienst ist bei vier von zehn angehenden Akademikern das beliebteste Berufsziel.

Bei den Konzernen müssten sämtliche Alarmglocken schrillen

Jobs in der Wissenschaft und in der Kulturbranche rangieren weit abgeschlagen dahinter. Aber immerhin bewegt sich das Interesse noch im messbaren Bereich.

Bei den Finanzunternehmen und den großen Konzernen müssten dagegen sämtliche Alarmglocken schrillen. Junge Menschen halten es heute offenbar mit dem niederrheinischen Liedermacher Funny van Dannen: “Ich will den Kapitalismus lieben, aber ich schaffe es einfach nicht.“

Die oben zitierten Erkenntnisse stammen aus einer kürzlich veröffentlichten Studie, die ausgerechnet von der Unternehmensberatung Ernst and Young erstellt wurde. Jede einzelne der 15 Seiten dürfte als Kopfschmerzerreger bei jenen wirken, die sich dem Kampf um die “jungen Talente“ verschrieben haben.

Die Autoindustrie ist bei heutigen Studenten etwa so beliebt wie Fußpilz. Noch im Jahr 2016 wollten 22 Prozent dort arbeiten, heute sind es nur noch acht Prozent.

Der Staatsdienst ist besonders bei sehr guten Studenten beliebt

Der öffentliche Dienst konnte seinen ohnehin schon hohen Beliebtheitswert von 32 Prozent in der Studie von 2016 auf 41 Prozent in diesem Jahr steigern. Bei den Geisteswissenschaftlern sind es sogar über 60 Prozent, die es in den Staatsdienst zieht.

Besonders beliebt ist der öffentliche Dienst übrigens bei den jungen Frauen. Jede zweite möchte später mal in irgendeiner Form dem Staat dienen. Auch die Studenten mit exzellenten Studienleistungen sehen den öffentlichen Dienst mit gewaltigem Abstand an erster Stelle auf der Liste ihrer populärsten Arbeitgeber.

Die jungen Menschen wollen einen sicheren Job

Die Gründe dafür ergeben sich aus den Angaben darüber, was für junge Menschen heute wichtig bei der Berufswahl ist.

Jobsicherheit ist für 57 Prozent der Studenten von hoher Bedeutung. Gehalt und Gehaltssteigerungen rangieren mit 44 Prozent auf Platz zwei. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für 40 Prozent wichtig.

All das bietet der öffentliche Dienst. Wer es einmal schafft, verbeamtet zu werden, genießt sämtliche Vorzüge des deutschen Sozialstaats. Dazu gehört nicht nur ein unbefristetes Arbeitsverhältnis und ein fairer Lohn nach Tarifvertrag, sondern auch der Schutz vor Diskriminierung und gute Wiedereinstiegsmöglichkeiten nach Schwangerschaften oder Elternzeiten.

Andere Dinge sind den Studenten dagegen weniger wichtig: Zum Beispiel die Möglichkeit, Home-Office zu machen (elf Prozent) oder ein Sabbatical zu nehmen (sechs Prozent). Beides Instrumente, mit denen die Wirtschaft heute junge Menschen zu locken versucht. Weil sie kaum etwas kosten und so fancy und modern klingen.

Das 14. Monatsgehalt kennen junge Menschen nur aus Erzählungen

Einen unbefristeten Vertrag anzubieten, das ist vielen Betrieben jedoch heute zu risikoreich. Wer weiß, wie sich die Konjunktur in den nächsten zwölf Monaten entwickelt? Und am Ende müsste man sogar noch Abfindung zahlen. Da entlässt man lieber die jungen Fachkräfte nach dem Einjahresvertrag in die erneute Jobsuche.

Bezahlung nach Tarif, mit 14 Monatsgehältern? Davon haben viele junge Angestellte in deutschen Unternehmen allenfalls mal aus den Erzählungen ihrer Eltern gehört. Es gibt sogar Firmen, die heute damit Werbung machen, dass sie wenigstens “tarifähnliche“ Bezahlung anbieten.

Vereinbarkeit von Job und Beruf? Das soll man mal jenen Frauen erzählen, die sich schon beim Bewerbungsgespräch die Frage anhören müssen, ob sie vorhaben, schwanger zu werden.

Weniger Sicherheit, mehr Druck

Der Neoliberalismus der 1990er-Jahre hat sehr erfolgreich gegen soziale Sicherheiten sämtlicher Art lobbyiert. Gleichzeitig stiegen Druck und Anforderungen an die Arbeitnehmer.

Das war auch deswegen möglich, weil die Arbeitslosigkeit damals rasant stieg. Wer noch einen Job wollte, musste sich den Forderungen nach Flexibilität und Belastbarkeit fügen.

Und so taten es auch die verschiedenen Bundesregierungen unter den Kanzlern Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schröder (SPD), als sie eine soziale Errungenschaft nach der anderen rasierten.

Unternehmen müssten umdenken

Doch die Zeiten haben sich geändert.

Mittlerweile kommen immer weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt – eine Folge des Geburtenknicks nach 1990. Gleichzeitig werden in den kommenden 15 Jahren so viele Menschen wie nie zuvor in den Altersruhestand gehen.

Eigentlich müssten deutsche Unternehmen umdenken: Sie müssten Geld in die Hand nehmen, um den von ihnen umworbenen Fachkräften ein ordentliches Arbeitsumfeld zu bieten. Die Betriebsgewinne in diesem Land sollten dies eigentlich zulassen.

Weil das aber nicht passiert, ist der Staat als Arbeitgeber so populär geworden.

Das ist gut für uns alle, weil sich so die besten Köpfe in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Schlecht ist das jedoch für die Privatwirtschaft: Denn wo niemand mehr arbeiten will, entstehen auch keine Innovationen.

 

(sk)