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16/05/2018 10:20 CEST | Aktualisiert 16/05/2018 10:20 CEST

Das solltest du einem Freund nicht sagen, der um ein Elternteil trauert

Denn diese Aussagen sind total daneben.

lorenzoantonucci via Getty Images
Einem Trauernden Trost zu spenden, ist nicht einfach. (Symbolbild) 

Mein Vater ist vergangenes Jahr an der Nervenkrankheit ALS gestorben. Er war 62. Ich war 26 und versuchte gerade, mein Referendariat an einer weiterführenden Schule zu beenden.

Und war zum damaligen Zeitpunkt völlig überwältigt und unvorbereitet auf das, was meiner Familie widerfahren sollte. Trauer ist schmerzhafter als jeder körperliche Schmerz, den ich jemals erlebt habe.

► Die Wochen und Monate, die auf den Tod meines Vaters folgten, waren voller qualvoll schwieriger und häufig nutzloser Unterhaltungen.

Zum Glück hat mein Vater seinen eigenen Tod so viel gemanagt, wie er konnte (und sogar ein Buch darüber geschrieben: “How to die well without god” von Robert Keats).

Mehr zum Thema: “Ich erfülle sterbenden Menschen ihren letzten Wunsch – eine Sache erlebe ich immer wieder”

Er organisierte viel bei seiner Beerdigung selbst, was einigen Druck von uns nahm.

In den Wochen nach seiner Beerdigung teilten meine Mutter, meine Schwester und ich die unsensiblen, unangebrachten und absolut verrückten Sachen, die Menschen seit Papas Tod zu uns gesagt haben.

► Ich habe dann eine Liste zusammengestellt, was man zu jemanden, der trauert, sagen sollte. Oder – noch wichtiger (und das erleben Trauernde traurigerweise häufiger) – eine Liste von Dingen, die man NICHT zu jemanden sagen soll, der trauert.

Da sind wir also.

Ich bin etwas enttäuscht, dass ich das Bedürfnis verspüre, diesen “Selbsthilfeführer” zu verfassen, der unter dem Motto “Wie verhalten ich mich nicht wie ein Arsch” steht.

Ich hoffe aber, ich kann denen helfen, die kürzlich einen Trauerfall erlitten haben oder denen, die jemanden zu trösten versuchen, der jemanden verloren hat.

Ich glaube auch, zu hören, was man NICHT sagen soll, fühlt sich ein bisschen an, als solle man jemanden nicht bemitleiden. Und natürlich willst du mitleiden.

Aber das hier könnte eine solide Liste sein, wie ihr euch in schwierigen, traurigen Situationen im Zusammenhang mit dem Tod nicht unsensibel verhaltet.

Hoffentlich ermutigt sie Menschen, empathisch, praktisch und nett zu denken.

Dinge, die man nicht sagen sollte, wenn ein naher Angehöriger stirbt:

1. “Wie geht’s dir?”

Ich bin ein Wrack. Ich bin am Boden zerstört. Ich leide an Schlafentzug. Ich fühle mich völlig verlassen. Ich ertrinke. Ich esse nichts und ich habe keinen Hunger. Ich versuche, meine Familie am Laufen zu halten, aber ich kann kaum atmen. Ich fühle mich wie nach einer Amputation. Mein Herz ist zerfetzt. Wage es bloß nicht, ein “Ich fühl mich in Ordnung, glaube ich” oder noch schlimmer ein “Ja, mir gehts gut” zu erwarten.

2. “Zumindest hast du es kommen sehen. Das ist einfacher als ein plötzlicher Tod. / Zumindest war es ein plötzlicher Tod und er hat es nicht kommen sehen”

Ich habe das mit einigen Menschen, die den Tod in sehr verschiedenen Formen erlebt haben, besprochen. Der Tod ist scheiße, egal wie viel Zeit du hast, dich darauf vorzubereiten. Vielleicht ist es für die betroffene Person besser, eines Tages von einem Bus überfahren zu werden als zu leiden und zu wissen, dass es lange dauern wird. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass es das beste ist, dieses ganze Thema bei den Hinterbliebenen zu vermeiden.  

Mehr zum Thema: Meine Freundin ist gestorben und ich musste es über Facebook erfahren

3. “Zumindest bist du jetzt erwachsen, es wäre viel schlimmer, wenn du noch ein Kind wärst”

Ich fühle mich nicht wie eine Erwachsene. Ja, ich habe die Möglichkeit, meinem Vater “erwachsenere” Fragen zu stellen als mit acht Jahren und ich konnte wertvolle Zeit mit meinem Vater verbringen. Aber ihn sterben zu sehen, hat mich genauso verwundbar, naiv und hilflos fühlen lassen wie ein Baby.

4. “Zumindest hast du wundervolle Erinnerungen an ihn”

Ja, habe ich und das ist großartig. Aber jetzt ist das alles, was ich habe und ich will mehr. Also hör bitte auf, mich daran zu erinnern, dass die Bilder in meinem Gehirn alles sind, was ich noch habe.

Jetzt ist die Zeit Mitleid zu spenden, statt zu bekommen

5. “Ich vermisse sie/ihn auch”

Das ist heikel, weil ich weiß, dass es gut gemeint ist – hört hier näher hin! Trotzdem ist es kein Wettbewerb und ich garantiere dir, DASS DU SIE/IHN NICHT SO ARG VERMISST WIE ICH GERADE. Jetzt ist nicht deine Zeit, Mitleid zu bekommen, sondern Zeit, welches zu spenden.

6. “Ich weiß, dass du sie/ihn vermisst”

Wenn du nicht auch in einem sinkenden Schiff sitzt, kannst du nicht wissen, wie sich das anfühlt. Mir zu sagen, “du weißt, wie schwer es ist und wie sehr ich sie/ihn vermisse”, lässt mich glauben, dass meine Gefühle irgendwie wertlos sind.

7. “Du wirst jemand anderen finden” (wurde zu meiner trauernden Mutter gesagt)

Verpiss dich.

8. “Du musst glücklich ausschauen, sonst verwirrst du andere”

Siehe oben.

9. “Du kannst mich immer anrufen, wenn du mich brauchst”

Kann ich den Pizzadienst auch. In den Tiefen von Verlust und Depression werd ich dich nicht anrufen und bitten mir eine Tasse Tee zu machen und mein Haus zu staubsaugen. Außer du willst wirklich einen hysterischen Heulanruf morgens um halb vier.

Praktische Hilfe und Initiative ergreifen, auch wenn sie höflich abgelehnt werden, sind soviel besser als ein leeres “Ruf mich an, wenn du mich brauchst”.

10. “In welchem Stadium der Trauer bist du gerade? Deinem Ausdruck nach zu urteilen, ist es Wut”

Die Stadien der Trauer sind Unsinn. Ich befinde mich gerade zu gleichen Teilen im Stadium Leugnen, Wut, Verhandeln und Depression. Die Akzeptanz ist weit entfernt. Falls du kein qualifizierter Psychologe bist, sprich bitte nicht darüber.

11.“Irgendwann musst du weitermachen”

NICHT HEUTE, SATAN!

Ich glaube nicht, dass du weißt, wie ich mich fühle

12. “Ich weiß, wie du dich fühlst. Meine Katze/Oma/Großonkel sind kürzlich/vor vier Jahren auch gestorben”  

Nein. Nö. Ne, ne. Natürlich erfahren wir alle Verlust und Trauer, aber diese Gefühle mit denen anderer zu vergleichen, ist nicht hilfreich. Das trifft in noch größerem Maß zu, wenn dein Verlust “geringer” ist (Ich verwende das zögerlich. Denn wenn man traurig ist, ist man traurig).

Zum Beispiel ein Haustier oder auch: “Meine Mutter hatte einen Auto-Unfall (aber es geht ihr wieder gut…)” Sich über Bewältigungsstrategien auszutauschen, kann hilfreich sein, aber zu sagen, dass du GERADE EBEN auch etwas so wichtiges verloren hast, ist unangebracht.

13. “Warum hast du psychologische Beratung? Ich bin von allein darüber hinweg gekommen”

Psychologische Beratung ist eine große Hilfe, wenn man mit dem Tod von jemandem, der einem nahesteht, umgehen muss. Besonders wenn ein naher Angehöriger die Diagnose einer tödlichen Krankheit im Endstadium bekommen hat und es die Möglichkeit gibt, dich so gut wie möglich auf den Tod vorzubereiten (mit dem Angehörigen, wenn die Möglichkeit besteht).

► Unterschätze die Kraft von Gesprächen und professioneller Therapie nicht. Sie kann Leben ändern – und retten.

Das wären ein paar Kostproben von Anti-Weisheit. Mein nächster Post wird dann aus praktischem Rat bestehen, wie ihr Hinterbliebenen helfen und was ihr ihnen sagen könnt.

► Hoffentlich erklärt diese Liste besser, wie manche Gefühle, die man oft sogar mit den besten Absichten teilt, für den trauernden Freund oder Verwandten emotional verletzend sein können.

Bitte seid nicht beleidigt, wenn euer Versuch zu trösten und zu unterstützen negativ aufgenommen wird – beschuldigt nicht die Hinterbliebenen. Überdenkt euren Ansatz und versucht zu schätzen, was jemand, der von einem scheinbar unsichtbaren Schmerz gequält wird, vielleicht stattdessen hören sollte.

Und denk dran, sei kein Arsch.

Dieser Text ist zuerst bei Huffpost UK erschienen und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt. 

(ks)