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09/03/2018 11:42 CET | Aktualisiert 09/03/2018 11:42 CET

Transgender: Ich bin zu spät aufgeklärt worden – und fiel in eine Krise

"Eine sexuelle Früherziehung hätte mir einiges erspart."

Ari Friede
"Vier Jahre lebte ich in ewiger Frustration."

Ich bin Ari, 19 Jahre alt und lebe in Baden-Württemberg. Noch vor einem Jahr hieß ich Annika – und war eine Frau.

Meine Eltern wussten, dass ich irgendwie anders war

Schon im Kleinkindalter wussten meine Eltern, dass ich irgendwie anders war. Auch wenn ich als kleines Mädchen noch gar nicht darüber “entscheiden” konnte, welche Identität ich habe.

Ich wehrte mich schon damals strikt Mädchen-Kleidung zu tragen – aber meine Mutter tolerierte das.

Auch in meiner Jugend sah ich aus wie ein Kerl: Ich trug weite Oversize-Kleidung von meinem Onkel und hatte kurzgeschorene blonde Haare.

Ich will mir mein Gesicht rasieren

Ich verbrachte ausschließlich Zeit mit Jungs, diskutierte über Autos und fuhr mit den anderen Moped.

Damals hatte ich zu Mama gesagt: “Ich will mir mein Gesicht rasieren”. Diese Phase ging über mehrere Teenager-Jahre hinweg.

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Ich war mir nicht bewusst, wer ich bin. Und ich wusste auch nicht, welche Formen der Identität es gibt oder welche Person ich in Zukunft gerne wäre.

Ich hatte beschlossen, mein Leben lang als burschikoses Mädchen zu leben – und empfand meine Situation als trostlos.

Vier Jahre lebte ich in ewiger Frustration

Bis ich mit 14 Jahren auf Youtube das erste Mal von der Geschichte eines Transgender gehört hatte, bei der sich ein Mädchen als Mann umwandelte. Als ich feststellte, was alles möglich war, fühlte ich mich bestätigt.

Die Geschichte des jungen Mannes traf genau auf meine Empfindungen zu.

Ich wusste zwar ab dem Moment, was ich bin und vermutlich schon immer war. Aber ausleben konnte ich es nicht. Ich hatte Angst – also verbarg ich meine Persönlichkeit über meine ganze Teenager-Zeit.

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Vier Jahre lebte ich in ewiger Frustration und bekam starke Depressionen, weshalb ich mir auch einen Psychologen holen musste. Ich wusste, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich kannte meine Identität, traute mich aber nicht, dazu zu stehen?

Meine Eltern brachten alles ins Rollen

Gerade volljährig, beschloss ich, mich bei meinen Eltern und besten Freunden als “FTM” (female to male) Transgender zu outen.

Worüber ich mir so viele Jahre den Kopf zerbrochen hatte, war wie eine Seifenblase geplatzt. Denn: Meine Eltern akzeptierten meine Entscheidung sofort.

Und mehr noch: Sie bestärkten mich darin und brachten alles ins Rollen. Schnell startete ich eine Begleittherapie.

Mittlerweile bin ich 19 Jahre alt und lebe als Ari in einem neuem Geschlecht. Seit einem halben Jahr bekomme ich ein männliches Hormon gespritzt – und als letzter Akt beginnen dieses Jahr auch die ersten geschlechtsangleichenden Operationen.

Warum wurde ich nicht früher aufgeklärt?

Ich wäre froh gewesen, hätte man mich früher über “Gender-Themen” aufgeklärt. Mehrere Jahre habe ich an mir gezweifelt und bin dadurch sogar in Depressionen verfallen.

Eine frühere sexuelle Aufklärung hätte mir die schlimmste Zeit meines Lebens erspart. Wenn ich daran denke, wie ich jetzt lebe – und ich mich glücklich und angekommen fühle, ist es bitter, nicht früher über diese Aspekte gewusst zu haben.

(kap)