POLITIK
07/10/2018 21:29 CEST | Aktualisiert 08/10/2018 06:48 CEST

Kapstadt: Wie selfie-schießende Urlauber die Existenz der Menschen bedrohen

Doch die Bewohner sind fest entschlossen, zu bleiben.

Michele Falzone via Getty Images
Bo-Kaap ist wunderschön – und das entdecken mittlerweile Touristen aus aller Welt. 
  • Das Kapstadter Stadtviertel Bo-Kaap ist der Hit auf Instagram-Bildern. Das lockt immer mehr Touristen an.  
  • Doch das verändert das Viertel – so sehr, dass die Einwohner jetzt um ihren Lebensraum bangen müssen.

In dem kleinen, bunten Kapstadter Viertel Bo-Kaap machen Menschen mit Kameras in jeder Straße Fotos. Es ist ein Hit auf Instagram. Neugierige Touristen tummeln sich in den engen Straßen der südafrikanischen Metropole und posieren vor den farbig bemalten Häusern. Gelegentlich schallt aus einer der zehn Moscheen in der Gegend ein Gebetsruf.

Während es draußen auf den Straßen hektisch zugeht, leben die Bewohner in den Häusern dieser intimen Gemeinschaft im Zwiespalt: Es geht um die Frage, ob sie an der Tradition, die ihnen viel bedeutet, festhalten oder die Entwicklungen vor ihrer Tür begrüßen sollen.

Bo-Kaap ist ein altes Quartier, das vor einer schwierigen Aufgabe steht. Während Jugendliche gegen den Tourismus und die daraus resultierende Gentrifizierung protestieren, kochen einige ihrer Mütter oder Großmütter Gerichte für Touristen und potenzielle ausländische Investoren, die Geld hinblättern für einen Bissen heimisches Curry.

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► Tourismus und ausländische Investitionen haben hier ihren Tribut gefordert. Hotels, Airbnb und Appartementhäuser schießen in einem Gebiet aus dem Boden, das verkehrsgünstig an den Hängen der Innenstadt gelegen ist und einen Panoramablick auf die darunterliegende Stadt bietet. Da mehr Reichtum nach Bo-Kaap kommt, steigen die Grundsteuern und Bewohner befürchten, dass sie ihre Häuser verlieren, weil sie es sich nicht mehr leisten können, in der Gegend zu leben.

Bo-Kaap war nicht immer eine Touristen-Attraktion

Faldela Tolker, 52, hat einen Weg gefunden, das erhöhte Geschäftsaufkommen in Bo-Kaap zu ihrem Vorteil zu nutzen – das ermöglicht ihr, sich weiterhin das Haus zu leisten, das sie liebt.

Tolker weiß, wie sich die Gemeinschaft in den 28 Jahren, in denen sie hier lebt, verändert hat. Die “guten alten Tage” seien vor zehn Jahre gewesen, als die Nebenkosten für ihr Eigentum 300 Rand (17,50 Euro) pro Monat betrugen, sagt sie. Jetzt zahlt sie mehr als 2000 Rand (117 Euro). Viele ihrer Nachbarn mussten ihre Häuser bereits verkaufen.

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Faldela Tolker hat einen Weg gefunden, die Entwicklung in Bo-Kaap für sich zu nutzen. 

Als einzige, die Geld verdient in ihrer Familie, deckt Tolker den langen Tisch in ihrem bescheidenen Wohnzimmer sorgfältig mit einigen ihrer besten Teller. An fast jedem Tag in der Woche können Touristen aus der ganzen Welt ihr beim Kochen zusehen. Sie war eine der ersten in Bo-Kaap, die Kochvorführungen anbot, und ihre Show, Cooking With Love (“Mit Liebe kochen”), wurde sogar im lokalen Fernsehen gezeigt.

“Wir werden die Gemeinschaft um uns herum immer unterstützen. Selbst wenn ich die Koeksisters (einen heimischen Sirup-Donut) backe, unterstütze ich die Dame, die die Koeksisters verkauft. Ich gehe zum Atlas-Shop die Straße hinunter, um Gewürze zu kaufen, oder zu ‘Rose Corner’ für Kartoffeln und grünen Pfeffer“, sagt sie.

► Das ist Tolkers Art, Widerstand zu leisten. Sie ist fest entschlossen, in Bo-Kaap zu bleiben. Das äußert sich, indem sie das Erbe schützt, das – so glaubt sie – in jedem Bewohner ihres Viertels weiterlebt.

► Bo-Kaap war nicht immer eine Touristenattraktion. Um 1800 lebten Sklaven aus Indonesien, Malaysia und anderen Teilen Asiens in der Gegend. Einige Sklaven waren Muslime, und sie verbreiteten die Botschaft des Koran in Bo-Kaap.

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Hier wurde die erste Moschee Südafrikas gebaut. Während die Moschee erhalten geblieben ist, haben sich die Liegenschaften um sie herum verändert. Ein gegenüberliegendes Gebäude bietet einen “designorientierten, hochwertigen Arbeitsplatz” in einem schlanken grauen Bau mit getönten Fenstern. Ein Zeichen von Gentrifizierung, die sich im Viertel eingeschlichen hat, in dem sich Klatsch schnell verbreitet und Nachbarn wie Geschwister füreinander einstehen.

Plötzlich waren die bemalten Häuser auf Postkarten, in Filmen und auf Facebook zu sehen

Rashida Emeran, 57, erinnert sich, dass sie 1997 ihr Haus leuchtend gelb mit Grüntönen gestrichen hat. Die Emerans glauben, dass sie die ersten in ihrer Straße waren, die ihr Haus strahlend hell bemalt haben. So beliebt die bunten Häuser in der Gegend sind, hat allerdings schon fast jeder Einwohner in Bo-Kaap die Idee als seine eigene reklamiert. Das räumt auch Emeran lachend ein.

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Auch Rashida Emeran war überrascht von dem Boom.

“Ich habe diese Farbe gewählt, weil sie damals in Mode war. Wissen Sie, es gibt jedes Jahr eine Farbe, die gerade angesagt ist, und die Leute wollen sich in dieser Farbe kleiden. Ich sah sie auf einem Farbmuster und wollte sie haben”, erinnert sie sich.

Die Emerans waren überrascht von dem Boom, der ausgelöst wurde, als die bemalten Häuser auf Postkarten, in Filmen, Musikvideos, Werbung oder sogar auf Facebook erschienen.

Aber mit dem Ruhm kam die Bürde. Die Emerans und Faldela Tolker schauen manchmal aus dem Fenster, bevor sie aus dem Haus gehen. Sie befürchten, dass ein Tourist unbemerkt ein Foto von ihnen machen könne.

► “Manche Touristen sind leider sehr arrogant. Sie stehen ohne deine Erlaubnis auf deiner Veranda und fotografieren dich, ohne zu fragen”, sagt Tolker.

“Die Gemeinschaft ist nicht mehr das, was sie mal war”

Im Mai dieses Jahres verbrannten Jugendliche unter dem Banner der Bo-Kaap-Jugend Reifen, um während des Berufsverkehrs eine Straße zu verbarrikadieren, die nur wenige Blocks von Tolkers Haus entfernt ist. Sie forderten, dass die lokale Regierung Bo-Kaap als Denkmalschutzgebiet ausweise und Vorschriften erlasse, damit Touristenbusse den Verkehr in den engen Straßen nicht mehr blockieren.

Aneeqah Solomon, eine Sprecherin der Bo-Kaap Jugend, sagt, die Bewegung versuche, dem Quartier zu helfen, aber manchmal kämpfe das Quartier auch gegen sich selbst.

“Mit den (jüngsten) Entwicklungen um uns herum und einigen Leuten, die neue Jobs bekommen, ist die Gemeinschaft nicht mehr das, was sie mal war. Es gibt Menschen, die meinen, es im Leben zu etwas gebracht zu haben, und die die Gemeinschaft nicht mehr berücksichtigen. Sie leben immer noch im Viertel, distanzieren sich aber von anderen, die in der Gegend leben”, sagt sie.  

Viele Bewohner von Bo-Kaap stehen vor der Wahl, zu bleiben oder zu verkaufen, das Geld zu nehmen und zu gehen.

Familien haben ihre Häuser verkauft – weil das Geld verlockend ist

Achmad Taylor, der sein Haus von seinen Eltern geerbt hat, stand im Dezember 2017 vor dieser Entscheidung. Ein deutsches Paar bot ihm 3,5 Millionen Rand (204.000 Euro) für sein Haus, das ihm vor zehn Jahren nur 250.000 Rand (14.585 Euro) eingebracht hätte. Taylor sagte nein.

► Tolker hatte ein ähnliches Angebot. Ein spanisches Paar wollte einen Scheck über eine noch höhere Summe als die von Taylor ausstellen. Ein entsprechender Umschlag war unter ihre Haustür durchgeschoben worden.

“Dieser Typ sagte mir, ich könne ein großes Haus mit Swimmingpool kaufen. Ich antwortete: ’Warum kaufst du das nicht? Ich soll meine Kultur, meine Traditionen und meine Gemeinschaft an euch verkaufen? Bist du verrückt?”

Aber es gibt Familien, die ihre Häuser in Bo-Kaap verkauft haben, weil das Geld verlockend ist. Es gibt auch welche, die es sich einfach nicht leisten konnten, in der Gegend zu leben. Die in Rechnungen versanken und unter dem Druck, in einem sich rapide wandelnden Viertel überleben zu müssen, mürbe wurden.

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Touristen haben Bo-Kaap für sich entdeckt.

Mercy Brown-Luthango, leitende Forscherin am African Centre for Cities der Universität von Kapstadt, sagt, dass in jüngster Zeit Gemeinden in ganz Kapstadt – etwa in Woodstock und Maitland – Gentrifizierung erlebt hätten, wenn sich Entwickler und Unternehmen niederlassen.

“Die Gentrifizierung hat als Prozess der Stadterneuerung begonnen. Es wird versucht, die Gebiete aufzuwerten, indem man sie für die Menschen attraktiver macht. Das gibt der lokalen Regierung die Möglichkeit, die Einnahmen durch Grundsteuern zu erhöhen. Es geht an sich darum, Gegenden zu verbessern. Das ist nicht das Problem – problematisch ist vielmehr die Tatsache, dass dies zur Vertreibung und Ausgrenzung bestimmter Menschen führt”, sagt sie.

Viele sind überzeugt: Die Regierung will die Einheimischen hinausdrängen

Um die Folgen der Gentrifizierung abzumildern muss die Regierung nach Ansicht von Brown-Luthango eine Politik betreiben, die die Gemeinschaften davor schützt, “verdrängt” zu werden.

Nach Aussage der Regierung in Kapstadt haben Teile des Stadtgebietes einschließlich der Häuser den Status eines Kulturerbes erhalten und sind geschützt. Die Stadt habe sich außerdem verpflichtet, eine Reihe erschwinglicher Wohnprojekte in mindestens drei Gegenden rund um die Innenstadt zu realisieren.

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Die Stadt setzt sich dafür ein, die Verdrängungseffekte der Gentrifizierung abzumildern. Ein Schwerpunkt der neuen Wohnungspolitik ist, Sozialwohnungen in gut gelegenen Gegenden anzubieten”, sagt Brett Herron, zuständig für Stadtentwicklung in Kapstadt.

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Eine junge Frau lässt sich vor der Moschee fotografieren. 

Aber das Vertrauen in die Stadtregierung ist gering. Tolker und viele Bewohner der Gegend sind überzeugt, dass Gentrifizierung eine Methode der Regierung ist, Einheimische herauszudrängen und Platz für Entwickler mit viel Geld und Investitionen zu schaffen. Bewohner wie Tolker, die während der Apartheid gezwungen wurde, aus der historischen, eng verbundenen Gemeinde in den sechsten Bezirk zu ziehen — vergleichen die Folgen der Gentrifizierung mit den erzwungenen Umsiedelungen während der Apartheid.

“Es ist die Wiege des Islam”

“Weil sie mit uns nicht dasselbe machen können, was sie im sechsten Bezirk getan haben, setzen sie jetzt unsere Tarife und Steuern und alles hoch, um uns hinauszudrängen. Damit wir uns nicht leisten können, hier zu leben, verkaufen müssen und schlicht wegziehen“, sagt sie.

Tolker glaubt, dass Bo-Kaap seinen besonderen Charakter durch die Menschen hat, die darin wohnen. Ohne die Familien, die dort seit Generationen leben, verliere die Gemeinschaft ihr Erbe.

► „Es ist die Wiege des Islam. Hier habe ich meine Familie großgezogen. Hier gehe ich nachts ins Bett. Geld ist nicht alles. Wenn ein Mensch stirbt, bleibt alles, was er besitzt, zurück. Es geht darum, woran man glaubt. Und ich glaube, dass eine Person für ihre Rechte kämpfen sollte, auch wenn sie allein dasteht“, sagt sie.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost US und wurde aus dem Englischen übersetzt. 

(sk)