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08/06/2018 12:33 CEST

Dieser Mann saß 30 Jahre unschuldig im Todestrakt – er ist glücklich

"Wenn ich keine Freude mehr zulassen würde, hätten sie mir auch den Rest meines Lebens genommen.”

Marvin Gentry / Reuters
Nach fast 30 Jahren im Todestrakt kam Anthony Ray Hinton 2015 frei. 
  • Der Amerikaner Anthony Ray Hinton wurde 1985 wegen Mordes zum Tod verurteilt – aber er war unschuldig. Es dauerte fast 30 Jahre, bis er freikam.
  • Jetzt hat er ein Buch über seine Zeit im Gefängnis geschrieben.

An den Geruch kann sich Anthony Ray Hinton noch genau erinnern. 54 Mal drang der Gestank von verbranntem Fleisch in seine Zelle. Die Todeskammer war nur ein paar Meter von seiner Gefängniszelle entfernt. 

30 Jahre verbrachte der Amerikaner quasi Tür an Tür mit dem elektrischen Stuhl, auf dem auch er eines Tages hätte Platz nehmen sollen.

Doch Hinton saß unschuldig im Todestrakt von Birmingham im Bundesstaat Alabama ein. Er hatte keinen der beiden Morde begangen, für die er 1985 verurteilt worden war. 

2015 kam auch der Oberste Gerichtshof zu diesem Schluss – und gab dem damals 59-Jährigen seine Freiheit zurück. In seinem Buch “The Sun does Shine”, das im März 2018 erschien, schreibt er: “Ich habe den Behörden vergeben.”

Alabama und die Todesstrafe

Alabama ist einer von 31 US-Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe verhängt werden kann. 

191 Menschen sitzen derzeit im Todestrakt des Südstaats ein. Das Urteil wird wahlweise durch den elektrischen Stuhl oder die Giftspritze vollzogen. 

Bei letzterer kam es in jüngster Vergangenheit jedoch öfter zu Problemen. So musste die für den 22. Februar 2018 angesetzte Hinrichtung von Doyle Lee Hamm abgebrochen werden, nachdem mehrere Versuche gescheitert waren, einen venösen Zugang zur Verabreichung der Giftspritze zu legen.

Die offizielle Datenbank für Todesstrafe in Amerika verzeichnet sechs Fälle, in denen Menschen unschuldig zum Tod verurteilt worden waren und rechtzeitig freikamen. 

Eine Geste, die von wahrer Größe zeugt. Denn die Zeit im Gefängnis hat ihre Spuren hinterlassen. 

“Der Geist derer, die auf dem Stuhl den Tod fanden, war überall im Todestrakt zu spüren. Die Seelen derjenigen Männer, die ihr Leben lieber selbst beenden wollten, als auf den Tod zu warten, spukte in den Gängen”, sagte Hinton der Zeitung “Guardian”. 

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Verurteilt, weil er schwarz ist?

Man könnte es Hinton nicht verübeln, wenn er sich von Bitterkeit und Hass einnehmen ließe, über das was er erleben musste, über die Lebensjahre, die ihm gestohlen wurden, darüber, dass er seine Mutter nicht mehr als freier Mann in den Arm nehmen konnte, bevor sie starb.  

Im “Guardian” äußerte Hinton außerdem einen schlimmen Verdacht: “Den Behörden war egal, ob ich es getan hatte oder nicht. Für sie zählte nur meine Hautfarbe.”

Bei seiner Verurteilung habe der Staatsanwalt gesagt: “Selbst wenn wir nicht den richtigen erwischt haben, haben wir doch einen von ihnen von der Straße genommen.” Einen von ihnen – damit sei ein schwarzer Mann gemeint gewesen, ist sich der Ex-Häftling sicher. 

“Der Rest meines Lebens gehört mir”

Doch der 59-Jährige will sich dem Hass und der Bitterkeit nicht ergeben. 

“Die ersten Wochen in Freiheit waren schwer für mich”, gesteht er in seinem Buch. “Die Welt erschien keinen Sinn mehr zu geben.” Dann aber habe er eine Entscheidung getroffen. “Ich beschloss, ihnen (den Behörden, die ihn hinter Gitter gebracht haben, Anm. d. Red) zu vergeben.” 

► Und das, obwohl keine der Personen, die für seine Verurteilung verantwortlich waren, weder die Ermittler, noch der Richter, sich bislang bei Hinton entschuldigt haben, wie er dem “Guardian” erzählte. 

Hinton hat seinen Frieden gemacht, sein kleines Glück gefunden. Er sagt:

Die Behörden haben mir 30 Jahre meines Lebens geraubt. Wenn ich ihnen nicht vergeben könnte, wenn ich keine Freude mehr zulassen würde, hätten sie mir auch den Rest meines Lebens genommen.”

Nun aber gehört der Rest seines Lebens allein ihm.  

Hintons Buch “The Sun does Shine” ist über Amazon erhältlich. 

(jds)