POLITIK
09/05/2018 15:53 CEST

Amerikanerin hat 300 Hinrichtungen gesehen: Eine kann sie nicht vergessen

“Jedes Mal, wenn er sein Urteil angefochten hat, habe ich gehofft, dass er der Strafe entgehen könnte.”

Handout . / Reuters
Eine Hinrichtungszelle im US-Bundesstaat Arizona. Der verurteilte Täter wird auf der Liege festgeschnallt und mit einer Giftspritze injiziert
  • Als Gefängnisreporterin war die Texanerin Michelle Lyons zwölf Jahre dafür zuständig, Hinrichtungen zu beobachten.  
  • Nun hat sie ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben. 

Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder: Michelle Lyons hat viele Schwerverbrecher sterben sehen. Fast 300 um genau zu sein.

Denn: Zwölf Jahre lang war die Amerikanerin als Gefängnisreporterin und später als Pressesprecherin für das Ministerium für Strafvollzug des US-Bundesstaats Texas tätig. 

► In keinem US-Bundesstaat werden mehr Menschen hingerichtet als in Texas. Seit 1924 wurde jede Todesstrafe, die der Südstaat verhängt hat, im Gefängnis von Huntsville vollzogen. 

“Ich war immer für die Todesstrafe. Für bestimmte Verbrechen erschien sie mir einfach angemessen”, sagte Lyons gegenüber der BBC

In keinem US-Gefängnis werden mehr Menschen hingerichtet als in Huntsville, Texas

Im Alter von 22 Jahren habe sie zum ersten Mal einer Hinrichtung beigewohnt. Anschießend habe sie in ihr Tagebuch geschrieben: “Ich habe damit kein Problem. Warum sollte ich auch?” 

Mehr zum ThemaUS-Politiker fordert Todesstrafe für Frauen, die abtreiben

Wer in Texas zum Tod verurteilt wird, stirbt durch die Giftspritze. Verglichen mit dem Galgen, dem elektrischen Stuhl, der Gaskammer oder einer Erschießung, gilt sie als die “humanste Form” der Hinrichtung. 

Der Verurteilte wird dafür auf einer Liege festgeschnallt. Zunächst wird ihm ein Betäubungsmittel injiziert, anschließend ein Medikament, dass die Atemmuskulatur lähmt. Der Tod erfolgt durch Erstickung. 

“Als ob man jemandem beim Einschlafen zusieht”, beschreibt es Lyons.

Allerdings treten immer wieder Komplikationen bei der Anwendung auf. Erst im Februar 2018 musste eine Hinrichtung im Bundesstaat Alabama abgebrochen werden, weil die Ärzte auch nach zweieinhalb Stunden nicht in der Lage waren, eine Vene zu treffen. Der Verurteilte blutete am ganzen Körper. 

Schluchzen und verzweifeltes Flehen im Angesicht des Todes

Die letzten Momente eines Menschen sind gewiss nicht immer friedvoll. Michelle Lyons berichtet im Gespräch mit der BBC von Verurteilten, die verzweifelt um Vergebung flehten, die sich glaubhaft reumütig und voller Schmerz entschuldigten, die schluchzten, oder Bibelverse zitierten. 

Lyons hat den letzten Atemzug jedes einzelnen Verurteilten vernommen, hat zugesehen, wie ihr Leichnam lila anlief, sobald der Tod vollzogen war. 

Mehr zum ThemaEiner Britin droht in Ägypten die Todesstrafe – weil sie Schmerztabletten im Koffer hatte

Eine Hinrichtung ist Lyons ganz besonders in Erinnerung geblieben, erzählt sie der BBC. Im Jahr 2000, Lyons erstem Jahr als Gefängnisreporterin, sah sie Ricky McGinn sterben. Er soll mehrere Frauen vergewaltigt und seine Stieftochter ermordet haben. 

Lyons sagt: Wenn sie am Wenigsten damit rechne, sehe sie auf einmal McGinns Mutter vor sich. Sie hatte sich für die Hinrichtung ihres Sohnes aufgetakelt, als würde sie in die Kirche gehen. Während ihr Sohn starb, habe sie beide Hände gegen die Glasscheibe gepresst. 

Der Mensch im Mörder

Im Lauf der Jahre veränderte sich Lyons Sicht auf die Todesstrafe. Es fiel ihr zunehmend schwerer das, was sie regelmäßig mit ansah, nicht an sich heranzulassen.

Nicht zuletzt, weil sie Gelegenheit hatte einige der Gefangenen näher kennenzulernen. Manche wurden ihr sogar sympathisch. So wie Napoleon Beazley, der im Alter von 17 Jahren den Vater eines Bundesrichters umgebracht hatte. 

Wären sie sich unter anderen Umständen begegnet, hätten sie Freunde werden können, glaubt Lyons. 

“Jedes Mal, wenn er sein Urteil angefochten hat, habe ich gehofft, dass er der Strafe entgehen könnte.”

Beazley hatte den Mord gestanden und die Familie um Verzeihung gebeten, laut eines Berichts von des US-Senders CNN soll er gesagt haben, es gäbe keine Entschuldigung für das, was er getan habe. 

Lyons sagt: 

Ich glaube, wenn man ihm die Chance gegeben hätte, wäre er ein produktives Mitglied der Gesellschaft geworden."

Stattdessen wurde Beazy am 29. Mai 2002 hingerichtet. Michelle Lyons weinte den ganzen Heimweg über. 

Lyons Buch “Death Row: The Final Minutes: My life as an execution witness in America’s most infamous prison” erschien am 3. Mai im Blink Verlag und ist über Amazon erhältlich. 

(cho)