POLITIK
10/09/2018 19:13 CEST | Aktualisiert 10/09/2018 22:25 CEST

Todesfall in Köthen: So funktionierte die Mobilisierung der Rechtsradikalen

Es war ein erschreckender Aufmarsch in der Kleinstadt.

Hannibal Hanschke / Reuters

Köthen: 26.000 Einwohner, ein Gymnasium, eine handvoll Kirchen.

Und am Sonntagabend: Rund 500 Rechtsradikale, die “Nationaler Sozialismus Jetzt!” skandieren, die T-Shirts mit der Aufschrift “Rapefugees” tragen, oder der Buchstabenfolge “HTLR”. 

Nach dem gewaltsamen Tod eines 22-Jährigen in der Nacht auf Sonntag tragen Extremisten ihre Wut auf die Straßen der sachsen-anhaltischen Kleinstadt. Zehn Anzeigen nimmt die Polizei auf.

Ein Redner, David Köckert, Chef der rechtsradikalen Vereinigung Thügida, peitscht die Menge an. Es sind erschreckende Szenen.

Köckert brüllt: “Es ist Krieg, ein Rassenkrieg gegen das deutsche Volk. Wollen wir weiter Schafe sein oder wollen wir zu Wölfen werden und sie zerfetzen?“

An diesem Abend zeigt sich, wie effektiv rechte Netzwerke die bedrohliche Stimmung ausnutzen, um Anhänger zu mobilisieren. 

Die ersten Aufrufe werden geteilt

Dass die Nachricht vom Tod des jungen Mannes weit über die Grenzen der Stadt Köthen hinweg Sprengkraft entfalten würde, war spätestens dann klar, als die “Bild” gegen 11:45 Uhr eine “BREAKING NEWS” veröffentlichte. 

Ein Streit zwischen Afghanen – es sei darum gegangen, wer der Vater eines ungeborenen Kindes sei. Ein Deutscher sei dazugekommen, Markus B.

Nun sei B. tot, die Afghanen festgenommen.

Erinnerungen werden wach: Chemnitz.

Etwa zur selben Zeit postet Jürgen Elsässer bei Facebook einen Link zur entsprechenden Nachricht der “Welt”. Es ist ein erster Aufruf, sich zum Trauermarsch zusammenzufinden. 

“Heute Nacht: Mord in Köthen!! Zwei Afghanen töten Deutschen. Heute, 09.09.2018, 19:00 Uhr TRAUERMARSCH in Köthen, Friedenspark”, schreibt Elsässer.

Elsässer ist Chefredakteur des rechtsradikalen “Compact”-Magazin, einer der wichtigsten Taktgeber der neurechten Szene. 204 Mal wird sein Eintrag bei Facebook geteilt. 

“Bereitet euch vor” kommentiert einer – dazu ein Video vom Fitness-Training, ein Schrank von Mann drückt 140 Kilogramm. 

Die Botschaft: In Köthen steht ein Kampf bevor. Vielleicht auch überall in Deutschland.

Neo-Nazi-Kader mobilisieren

Auch Dieter Riefling, ein bundesweit bekannter Neo-Nazi aus Niedersachsen, trommelt nun Leute zusammen. Er war schon in Chemnitz vor Ort –  jetzt ruft er 150 Kilometer weiter nördlich zum Trauermarsch auf.

Später postet er ein Bild bei Twitter: “Aus allen Straßen strömen Menschen zum Trauermarsch.” Die Menschen darauf tragen schwarze Kapuzenpullover, sind tätowiert, einer trägt eine Fahne.

Es sieht eher aus, als wollten sie in eine Schlacht ziehen, als Trauer zu bekunden.

Die Stimmung ist aufgeheizt – schon vorher. Bei Facebook fordern Nutzer Selbstjustiz gegen die verdächtigten Afghanen. Einer teilt das Bild eines Galgen. Ein “Tagesspiegel”-Reporter dokumentiert den Post.

Bericht in der Lokalpresse birgt Sprengstoff

Auch die NPD ruft zu Gewalt auf: Der stellvertretende Vorsitzende der Neo-Nazi-Partei, Ronny Zasowk, schreibt am Dienstag: “Die politische Notwehr beginnt”. 

Schon am Sonntag gegen 14 Uhr beginnt die Hetze auf verschiedenen Social-Media-Kanälen der NPD. “Scheinasylanten morden weiter. Jetzt starb ein junger Deutscher in Köthen”, heißt es da. 

Auch die Partei “Die Rechte” ruft zur Demonstration auf. Ihre Kampfansage: “Chemnitz war bereits ein klares Signal und eine Warnung an das Regime, daß wir Deutschen nicht mehr bereit sind, tatenlos zuzuschauen, wenn unsere Landsleute von Einwanderern abgeschlachtet werden.”

DIE RECHTE / Screenshot

Besonders ein Bericht der Lokal-Zeitung “Volksstimme” heizt die Gemüter an.

Über das Opfer schreibt die “Volksstimme”:

Er wollte den Streit schlichten, erzählen Freunde. Das war sein Todesurteil. Es kommt zum Streit mit den Afghanen. Augenzeugen sagen, Markus B. sei gegen den Kopf getreten worden. Immer wieder. Er soll gerufen haben: “Hört auf, ich kriege keine Luft mehr.” 

Mittlerweile haben die Ermittler erklärt, dass diese Darstellung wohl falsch ist. 

Der 22-Jährige starb nach Angaben der Polizei an akutem Herzversagen. Ein Zusammenhang zu Verletzungen konnte nicht hergestellt werden, wie die Polizei mit Blick auf das vorläufige Ergebnis der Obduktion mitteilte.

Nach dpa-Informationen gab es zunächst keine Hinweise für irgendeine Art von schwerster Gewalteinwirkung. Aussagen, wonach dem 22-Jährigen nach einem Sturz gegen den Kopf getreten worden sein soll, sind nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler falsch. 

Die AfD zündelt mit

Die AfD zitiert die Passage aus der Zeitung dennoch. Ohne offizielle Bestätigung.

Ein Share-Pic der Rechtspopulisten wird alleine bei Twitter fast 1000 Mal verbreitet. Darauf das mutmaßliche Zitat des Sterbenden: “Hört auf, ich kriege keine Luft mehr!”

Darüber: “Markus B. (22) wollte Streit schlichten und wurde dafür von 2 Afghanen erbarmungslos totgetreten.”

Auch AfD-Fraktionschefin Alice Weidel schreibt von einem “Mord”, da trudeln bereits erste Berichte ein, dass die Todesursache rein faktisch ein Herzinfarkt war. 

“Wir müssen zusammenhalten!”

Doch die Saat geht auf. 

Hunderte Demonstranten finden sich bis 19:00 Uhr  in Köthen ein. Trauernde Bürger, Rechtsextreme, Neo-Nazis. Darunter szenebekannte Gesichter.

Viele bleiben auch dann, als Köckert zur Rede über einen vermeintlichen Rassenkrieg ansetzt. 

Die Rechte zumindest zeigt sich zufrieden über die Veranstaltung. Es habe eine “gute Mischung” gegeben. “Nationalisten” wie Dieter Riefling, Republikaner wie Köckert und Ute Nürnberger von der AfD.

Die Botschaft der Extremisten: “Die herrschenden Zustände kippen wir nur, wenn wir alle zusammenhalten.”