LIFE
30/01/2019 10:52 CET | Aktualisiert 30/01/2019 11:08 CET

Tod: Ehepaar stirbt Hand in Hand – nur wenige Minuten nacheinander

Nach über 70 Jahren Ehe.

Amanda Platell
Francis Ernest Platell, 92, und Norma June Platell, 90, und sind nur wenige Minuten nacheinander gestorben.

Die Eltern der Australierin Amanda Platell sind Hand in Hand gestorben – nur wenige Minuten nacheinander. In einem emotionalen Text, der bei der britischen “DailyMail” erschien, verabschiedet sich die Tochter nun von ihnen und beschreibt, wie der Tod ihrer Eltern, die 70 Jahre verheiratet waren, ihre Liebe widerspiegelte.

Vor ungefähr einer Woche ging ich in die Kirche, in der meine Familie seit Jahrzehnten betete. Pfarrer Peter stand vor mir, vor ihm zwei Särge. Ich wusste sofort, welcher der von meiner Mutter war. Er war kleiner. Sie war gerade einmal 1,62 Meter groß. Papa war über 1,80 Meter groß und ragte immer schützend über ihr. Sein Sarg war auf der linken Seite.

Sollte es wirklich möglich sein, dass ein Herz bricht, tat es meines genau in diesem Moment, in dem ich die beiden ein letztes Mal hier nebeneinander sah. Seite an Seite, wie in den vergangenen 70 Jahren.

Für viele Menschen bringt ein Begräbnis einen gewissen emotionalen Abschluss. Für mich hingegen wurde nur ein riesiges Reservoir an Trauer aufgerissen. Der einzige Trost, den ich fand, war in der Tatsache, dass die beiden unzertrennlich gewesen waren.

Einen Monat vor ihrer Platin-Hochzeit

Mama rechts, Papa links. Genau so, wie sie auch in ihrem Bett geschlafen hatten. Das Bett, dass Mama ihnen von ihrem Sekretärinnen-Gehalt zur Hochzeit gekauft hatte.

Die beiden hatten gehofft, dass sie (nach der goldenen und der diamantenen Hochzeit) auch ihr Platin-Jubiliäum noch erleben würden. Es wäre im Februar gewesen. Doch die Zeit und das hohe Alter machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Aber Gott half ihnen, indem er ihren Übergang ins Jenseits so wunderschön wie nur möglich gestaltet hat.

Ihr Tod war ein ganz besonderer.

Wenige Minuten nacheinander

Norma June Platell, 90, und Francis Ernest Platell, 92, sind nur wenige Minuten nacheinander gestorben. Nicht Tage. Nicht Stunden. Innerhalb von Minuten.

In der Nacht des sechsten Januars um 23.45 Uhr kam die Krankenschwester, die sich im Altenheim um sie kümmerte, in ihr Zimmer. Meine Eltern teilten sich nicht nur ein Zimmer, sie bestanden auch darauf, dass ihre Betten so nah beinander waren, dass sie Hände halten konnten.

Meine Mutter atmete ungewöhnlich. Mein Vater wirkte ruhelos. Als die Pflegerin nur zehn Minuten später zurückkam, waren sie bereits tot. Zusammen friedlich entschlafen. So, wie sie es gewollt hätten. Nicht einmal der Arzt konnte sagen, wer zuerst von uns gegangen war. Die Uhrzeit des Todes auf ihren Sterbeurkunden ist identisch.

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Das letzte Stück Freiheit

Vor drei Jahren hatten Ärzte meiner Mutter gesagt, dass sie es nicht einmal bis Weihnachten schaffen würde. Ihr Alzheimer wurde von Tag zu Tag schlimmer. Im vergangen Jahr verlor sie dann alles, sogar ihre Fähigkeit zu Sprechen. Ihre letzten Worte waren, wenig überraschend: “mein Mann”.

Mein Vater hatte versucht, meine Mutter noch bei sich zu Hause zu behalten. Doch mit der Zeit war auch er nicht mehr in der Lage dazu, sich rund um die Uhr um sie zu kümmern. Er war am Boden zerstört, als meine Mutter schlussendlich doch in ein Heim ziehen musste.

Er verbrachte jede Minute mit ihr, nahm täglich ein Taxi um bei ihr zu sein. Doch nach einiger Zeit wurde uns allen klar, dass auch er nicht mehr alleine leben konnte. Nach einem Sturz und einem Herzinfarkt zog auch er in das Pflegeheim. 

Natürlich vermisste er die Freiheit, die ihr eigener Bungalow mit sich brachte. Doch in seinem Herzen wusste er: Zuhause ist da, wo er bei seiner Frau sein konnte.

Die Pfleger waren von ihrer Liebe begeistert

Auch ich verließ das Heim immer wieder mit Bedenken. Es war einfach nicht die Art zu leben, wie sie es von ihrem eigenen Zuhause gewohnt waren. Doch die Pflegerinnen kümmerten sich aufopfernd und erklärten mir immer wieder, wie sehr sie von der Liebe zwischen meinen Eltern begeistert waren.

Ein paar Wochen vor Weihnachten stürzte mein Vater in der Dusche. Er brach sich die Hüfte. Eine Infektion, die er daraufhin bekam, zwang ihn immer weiter in die Knie. Mein Bruder legte mir nahe, unseren Vater etwas früher als geplant zu besuchen.

Ich fuhr direkt vom Flughafen in das Pflegeheim. “Frank wartet schon auf dich.”, erklärte mir eine Pflegerin. “Er wird so glücklich sein.”

“Ich will nur Heim”

Als ich mich vor meinem Vater hinkniete, öffente er die Augen und sagte: “Oh Mandy, meine Liebe. Ich will einfach nur nach Hause gehen.” Ob er damit das Familienhaus oder den Himmel meinte? Ich werde es wohl nie wissen. Ich weiß nur, dass er das Leben satt hatte und einfach nur Frieden wollte.

Meine Mutter lag neben ihm und grinste. Die Angestellten hatten mir erzählt, dass etwas Seltsames passiert war. Meine Mutter, die sich eigentlich noch recht gut bewegen konnte, legte sich an dem Tag, an dem mein Vater sich verletzte, ins Bett. Und war seitdem nicht mehr aufgestanden. Als mein Vater wieder zurück ins Heim kam, wachte meine Mutter über ihn. Wenn er nicht aß, aß sie nicht. Wenn er nicht trinken konnte, trank sie nicht.

Eine 90-Jährige Frau mit akutem Alzheimer wird von außen als so gut wie hirntot wahrgenommen. Aber das war sie nicht. Sie beobachtete alles, was mein Vater tat, und tat es ihm gleich.

Harley gegen Verlobungsring

Mein Vater liebte es darüber zu reden, wie sie sich getroffen hatten. Er ein “schmutziger Junge” aus dem australischen Busch, sie eine gebildete Frau aus Perth. Man könnte fast sagen, er schnappte sich eine Frau außerhalb seiner Liga. Doch wenn man bedenkt, dass meine Mutter ihrer Schwester schon nach dem ersten Date erzählte, dass sie ihn heiraten würde, sind die beiden wohl doch immer auf Augenhöhe gewesen.

Mein Vater verkaufte dann seine gebrauchte Harley Davidson um ihr einen kleinen, rosenförmigen Verlobungsring zu kaufen.

Sie war eine schüchterne, bescheidene Frau. Trotzdem aber stark genug, um ihn immer auf Trapp zu halten. Als ich mir ihre alten Briefe durchsah, stellte ich fest, dass die beiden nur einige Wochen nach ihrem ersten Date heirateten.

Genug Liebe für alle

Sie hatten nicht nur genug Liebe füreinander, sondern für die ganze Familie. Das bewiesen sie vor allem, als mein älterer Bruder Micheal vor 23 Jahre starb. Dieser Schicksalsschlag hätte andere Familien zerschlagen können. Nicht aber unsere. Wir hatten vielleicht nicht viel Geld, aber immer genug Liebe.

Unser Haushalt war immer etwas verrückt und oft chaotisch. Mein Vater beschloss teilweise mitten in der Nacht, dass wir am nächsten Tag zu einem fünftägigen Trip aufbrechen würden. Oder meine Mutter kochte früh morgens ein regelrechtes Festmahl für meine betrunkenen Bruder und seine zwanzig Freunde.

Beide hatten keinen Universitätsabschluss, sie schafften es aber doch, alle ihre Kinder auf die Uni zu schicken. Und sie waren unfassbar stolz auf uns und auf das, was aus uns geworden war.

Das Fenster zur Außenwelt

In den vergangenen Monaten beschränkte sich unser Kontakt immer mehr auf lange Telefongespräche. In einer unserer letzten Konversationen vor seinem Sturz fragte mein Vater nur „Mandy, was zur Hölle passiert da mit dem Brexit?“ Ich erklärte ihm, dass ich es nicht wüsste, genau wie alle anderen auch.

Aber egal, was ich zu sagen hatte, für meinen Vater waren unsere Gespräche wie ein Fenster hinaus zur Welt. Er legte das Telefon auch immer neben das Ohr meiner Mutter, und es war ihm egal, das sie nicht antworten konnte. Er war sich sicher, dass sie es liebte, einfach nur meine Stimme zu hören. Bis zum Ende glaubte er daran, dass sie noch bei uns war. Dass sie zuhörte und alles verstand. Auch, wenn sie nicht sprechen konnte. Und nun wissen wir, dass er Recht hatte.

Nachdem der erste Schock vorüberging, war es für mich klar, dass es ihre Bestimmung war, genau so zu sterben. Hand in Hand. Von diesem Leben ins nächste.

Die letzte Begegnung

Das einzige, was ich wirklich bedauere ist, dass ich nicht bei ihnen gewesen war, als es passierte. Nur Tage zuvor flog ich zurück nach England. Als ich meine Mutter zum letzten Mal sah, fasste sie mir in die Haare und ich hätte schwören können, dass sie ein wenig gekichert hat. Sie hatte mir früher immer vorgeworfen, eine Dauerwelle zu haben, und sich über meine Locken lustig gemacht. Meine Mutter war also noch irgendwie bei uns. Sie witzelte innerlich über meine Haare.

Als ich meinen Vater verabschiedete war er bereits sehr angeschlagen. Ich sagte ihm, dass ich ihn mehr liebte, als er mich. Er erwiderte nur: „Das geht nicht.“

Als ich mich dann ins Taxi setzte, erzählte mir der Fahrer von einem alten Mann, den er früher oft dort abgeholte hatte, wo ich nun hinwollte. „Regen oder Sonnenschein, er wartete immer vor dem Haus. Manchmal hatte er Blumen dabei, manchmal Kekse. Und er besuchte damit jeden Tag seine Frau.“

Erst als wir an meinem Elternhaus ankamen verstand der Fahrer, dass er von meinen Eltern geredet hatte. Doch nicht nur sein Leben wurde von der Liebe meiner Eltern berührt.

250 Menschen kamen zum Begräbnis

Wir rechneten eigentlich mit sehr wenigen Menschen, als wir das Begräbnis planten. Schließlich waren meine Eltern über 90. Viele ihrer Verwandten und Freunde waren schon lang verstorben. Doch am Tag ihrer Bestattung platzte die kleine Kirche fast aus ihren Nähten. 250 Menschen kamen, um meinen Eltern ihre letzte Ehre zu erweisen.

Meine Rede beendete ich mit den Worten „Wir sehen uns, Mama und Papa.“, da mein Vater Abschiede hasste. Die Särge wurden aus der Kirche gefahren. Erst der meines Vaters, dann der meiner Mutter. Papa wollte immer überall vor ihr gehen, um sicherzustellen, dass alles sicher war.

Und das ist die Liebe, die sie nun all jenen hinterlassen haben, die auch sie liebten.

(nsc)