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11/07/2018 13:16 CEST | Aktualisiert 11/07/2018 13:16 CEST

Meine 11-jährige Tochter wollte nicht mehr leben – so haben wir ihr geholfen

Es fing mit Panikattacken an.

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"Ich habe nie verstanden, warum mein schönes, witziges und schlaues Kind diese Welt verlassen will." (Symbolbild)

Kinderbekommen war nicht leicht für mich. Letztendlich bin ich mithilfe künstlicher Befruchtung mit Zwillingen schwanger geworden. Jeden einzelnen Tag bin ich dankbar dafür, dass ich Kinder habe: Sie sind mein größter Segen und meine größte Freude.

Ich habe das Leid von Frauen selbst erlebt, die verzweifelt Kinder wollten, aber keine bekommen konnten. Ich habe auch den Schmerz einer lieben Freundin erlebt, deren Kind tot geboren wurde und den Schmerz einer anderen, als ihr Kind gegen den Krebs kämpfte.

Aber was macht man, wenn ein gesundes Kind plötzlich nicht mehr leben will? Wenn es krank im Kopf wird?

Nach außen hin scheint alles “normal”, aber jeden Tag kämpft mein Kind gegen Dämonen, die es nie in Ruhe lassen. Ist das meine Schuld? Habe ich als Mutter etwas falsch gemacht? Warum kann ich ihr nicht helfen und den Schmerz nehmen?

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Zwangsstörungen sind kein Witz

Wir haben gemerkt, dass es meiner Tochter nicht gut geht, als sie ungefähr elf Jahre alt war. Es fing mit Panikattacken an.

Als es schlimmer wurde, suchten wir uns medizinische Hilfe. Die Diagnose lautete: schwere Zwangs- und Angststörung und Depression.

Sie fing an, sich selbst zu verletzten. Zwangsstörungen werden oft missverstanden. Die Menschen machen Witze, dass sie “zwangsgestört” sind, wenn sie ihre Sachen gern ordentlich haben und so weiter.

Für jeden Zwangsgestörten ist das kein Witz. Merkt euch das!

Wenn man Zwangsstörungen hat, hat man ständig zwanghafte Gedanken und scheinbar unwiderstehliche zwanghafte Verhaltensweisen. Der Zwang ist ein ungewollter und unangenehmer Gedanke, Bild oder Bedürfnis, etwas zu tun und löst oft Angst, Ekel oder Unbehagen aus.

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Zwang heißt sinnlose Wiederholung

Der Zwang ist also genau “das wiederholte Verhalten oder der gedankliche Akt”, von dem man glaubt, dass man ihn immer wieder ausführen muss, um zu versuchen, das schreckliche Gefühl der zwanghaften Gedanken zeitweise zu erleichtern.

Oder weil man glaubt, dass etwas schreckliches und desaströses passieren wird, wenn man dem Zwang nicht nachgibt – zum Beispiel der plötzliche Verlust eines Angehörigen.

Man kann auf schlechte Gedanken oder Bilder kommen, wenn man die Treppe hochgeht. Deshalb läuft man die Treppe immer wieder hoch, bis es sich “richtig anfühlt”, aufzuhören.

Oder man bindet sich wiederholt die Schuhe, bis man fühlt, dass man aufhören kann. Es ist bei jedem unterschiedlich, aber es frisst bei allen ihre Zeit und oft haben sie hunderte solcher Gedanken und Bilder am Tag.

Das führt dazu, dass ihre Zwänge sehr viel Zeit einnehmen, in der sie versuchen, diese Gefühle zu bekämpfen. Als Beobachter ist es schon so schmerzhaft zu sehen, dass ich mir die Hölle für den Betroffenen nur ausmalen kann.

Damit einher gehen oft Depressionen, Angst und selbstverletzendes Verhalten. Ich habe nie verstanden, warum mein schönes, umwerfendes, kluges, witziges, schlaues und freundliches Kind sich selbst weh tun oder diese Welt verlassen will.

Es machte mir schrecklich Angst. Sie wurde zu ihrer eigenen Sicherheit aus der Schule genommen und blieb ein Jahr daheim, während ich sie rund um die Uhr beobachtete. Ich habe sie nicht aus den Augen gelassen.

Nicht mal um ein Bad zu nehmen oder aufs Klo zu gehen. Uns wurde gesagt, dass wir alles entfernen sollen, womit sie sich selbst verletzen kann, sogar Papier.

Selbstverletzung ist eine Art Befreiung

Wenn sich jemand selbst verletzen will, wird er das tun. Und das tat sie. Jedes Mal brach mein Herz ein kleines bisschen mehr.

Aber dann habe ich eine wundervollen Mann getroffen, dessen Sohn Suizid begangen hatte. Darauf hat er es zu seiner Mission gemacht, Teenagern wie meiner Tochter zu helfen.

Er erklärte mir, dass selbstverletzendes Verhalten nicht immer das eigene Leben gefährden soll, sondern eine sofortige Befreiung von psychischem Schmerz bieten kann. 

Ähnlich wie ein trockener Alkoholiker, der den ersten Drink trinkt, um sich zu betäuben oder um diesen Kick zu spüren. Man fühlt sich besser, aber dann folgen Gefühle wie Scham und Selbsthass.

Der Alltag ist immer noch ein Kampf

Wir sind in der glücklichen Position, uns private, medizinische Versorgung leisten zu können. Deshalb konnte meine Tochter Hilfe von einem brillanten Psychiater bekommen, der sie therapierte und ihr die richtigen Medikamente verschrieb.

Mir ist bewusst, dass es viele Menschen nicht so gut haben. 

Heute geht sie wieder zur Schule und wir können Dinge tun, die sie nie für möglich gehalten hat. Einfache Sachen, wie mit Freunden ausgehen, in den Urlaub fahren, Shoppen, Lachen und Glück spüren.

Das soll nicht heißen, dass der Alltag für sie kein Kampf ist. Er ist es immer noch. Aber mir schaudert, wenn ich daran denke, was ohne diese Hilfe wohl passiert wäre.

Wenn wir den Weg der öffentliche Gesundheitsvorsorge gegangen wären, hätten wir ein Jahr auf eine Diagnose warten müssen, von Hilfe gar nicht zu sprechen. Das ist natürlich nicht die Schuld der öffentlichen Gesundheitsvorsorge, aber so läuft es oft, wenn es um psychische Gesundheit geht. 

Wenn ihr das nächste Mal sagt: “Ich bin so zwangsgestört”, denkt bitte kurz an die, die es wirklich sind.

In Deutschland beträgt die Wartezeit auf eine Psychotherapie fast fünf Monate. Das schreibt die Bundespsychotherapeutenkammer in ihrer Wartezeiten-Studie 2018.

Um die Wartezeit zu überbrücken, gibt es verschiedene Möglichkeiten wie zum Beispiel kurzfristige Einzelgespräche, akute Kurzbehandlung, Kostenübernahme der Kasse bei Therapeuten ohne Kassensitz, Beratungsstellen wie die sozialpsychiatrischen Dienste, Selbsthilfegruppen und Online-Therapie zum Beispiel durch Apps. Das schreibt das Medizin-Portal “Onmeda”.

Bei akuten psychische Problemen wendet euch an die Telefonseelsorge unter 0800 1110111. 

Der Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet. 

(kap)