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15/04/2018 17:45 CEST | Aktualisiert 18/04/2018 14:34 CEST

Warum Wittenbergs "zweiter Bürgermeister" die wohl kleinsten Häuser der Welt baut

Für 100 Euro Warmmiete soll sich in den "Tiny Houses" leben lassen, wenn das Projekt erfolgreich ist.

Jurgen Klockner

Apo Can Ericek rollt eine Zigarette in Mitten von abgesägten Brettern, Schrauben und Holzspänen.

Arbeiter hämmern daraus gerade das fünfte Tiny House in einem Hinterhof im Zentrum von Wittenberg. “Die größte kleinste Attraktion der Stadt seit Luther”, nennt Apo das.

Die Zigarette ist gerollt, jetzt kann er uns sein winziges Dorf zeigen. Mit dem rechten Arm schweift er über den Platz.

Das Hartz-IV-Kino

Jedes Haus hier ist nicht größer als ein Parkplatz und steht auf einem Anhänger.

Eines ist ein Wohnhaus mit Küche, Wohn- und Schlafzimmer, Bad und Schreibtisch.

“Wir haben hier die größte kleinste Attraktion der Stadt seit Luther.”

In einem anderen gibt es ein Kino, in dem Hartz-IV-Empfänger und Studenten abends kostenlos einen Film schauen können.

In einem wieder anderen Haus hat eine junge Architektin ihr Büro, an der Wand hängen Skizzen von neuen winzigen Häusern, in der Etage darüber schläft sie auf einer Matratze.

Und der sogenannte Tiny Temple ist die zentralste Wohnung in Wittenberg mitten auf dem Marktplatz vor der Lutherkirche, in dem Apo und seine Leute mit Spenden Abends für Obdachlose und Interessierte kochen.

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Apo vor dem Tiny Temple auf dem Marktplatz in Wittenberg.

Vier Menschen wohnen insgesamt in dem wohl kleinsten Dorf Deutschlands, die mit Apo gemeinsam die “Zukunft des Wohnens” erforschen wollen.

Deswegen haben wir uns entschieden, den 28-Jährigen für unsere Reihe der “Vorbildbürgermeister” zu treffen – auch, wenn er kein Bürgermeister im strengen Sinne ist.

Apo hat eigentlich Schauspiel studiert, hat kein politisches Amt, er wurde auch nicht gewählt und verdient mit seiner Arbeit kein Geld.

Aber er nennt sich selbst so – und will dem echten Amtsinhaber in Wittenberg vorschlagen, “zweiter Bürgermeister” der Stadt zu werden, um sich fortan “um die kleinen Probleme” zu kümmern.

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Das Hartz-IV-Kino im Tiny House Village.

Denn im Hinterhof der Cranach-Stiftung im Zentrum von Wittenberg ist er sozusagen Vorsteher der kleinsten Gemeinde Deutschlands mit den wohl kleinsten Häusern der Welt. 

Um die Tiny Houses hat sich in den vergangenen Jahren eine Bewegung gebildet, die es von den USA auch nach Deutschland geschafft hat.

Die Anhänger der Bewegung sehen in den Häusern eine mögliche Antwort auf steigende Mieten und zunehmenden Platzmangel in Großstädten.

Eine idealistische Vorstellung, die Gestalt annimmt

Denn sie sind zwar klein, sollen sich aber auch für 100 Euro warm mieten lassen. 

Eine idealistische Vorstellung – noch ist die Bewegung in Deutschland weit davon entfernt. Doch sie nimmt Gestalt an.

Vor einem Jahr stellten Architekten die ersten Tiny Houses in Berlin auf und erforschten ein Jahr lang, wie Menschen auf kleinstem Raum leben können.

Wie etwa wärme ich ein Tiny House am besten, wenn es draußen friert: Mit einem Holz-, Elektro- oder Gasofen – oder nur mit Teelichtern? Was passiert mit den Abfällen? Wie bekomme ich eine Dusche in die vier Wände? 

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Dann zogen einige der Häuser nach Wittenberg um.

Die Cranach-Stiftung wurde auf das Projekt in Berlin aufmerksam und wollte es in der Lutherstadt weiterführen.

Dort soll nun unter Leitung von Apo das Zusammenleben in den kleinen Dörfern erforscht und der Frage nachgegangen werden, wie Tiny House Villages entstehen und wachsen können.

Der Mini-Bürgermeister 

Als Mini-Bürgermeister organisiert Apo Workshops, bei denen Teilnehmer Möbel bauen können, die theoretisch in Tiny Houses passen.

Er wirbt als Botschafter bei den Wittenbergern für die Häuser – ständig kommen Menschen vorbei, die erfahren wollen, was sich hinter dem Projekt verbirgt.

“Unser Dorf hier ist ein Prototyp für viele weitere, die folgen sollen.”

Er hält den Draht zur Stadt, den Stadtplanern und zum richtigen Bürgermeister. Und er wirbt um Spenden, um die Projekte weiter am Laufen zu halten.

“Unser Dorf hier ist ein Prototyp für viele weitere, die folgen sollen”, sagt Apo.

Prototyp trifft es ganz gut: Bislang kann niemand die winzigen Häuser anmieten. Sie gehören privaten Investoren, die die Tiny-Bewegung unterstützen wollen.

Wenn der Versuch aber in wenigen Wochen endet, sollen die Häuser nach Apos Vorstellungen an einen anderen Ort in Wittenberg umziehen und in andere Städte expandieren.

Dafür braucht es viel Überzeugungsarbeit bei der Verwaltung.

Außerdem sind Mehrfamilienhäuser mit dutzenden 100-Euro-Wohnungen geplant, aktuell in Basel und Berlin. “Co-Being-House” nennt sich das Projekt, für das es bereits Investoren gibt.

“Unsere Idee verbreiten, Menschen damit inspirieren und vielleicht sogar den geschätzten 860.000 Wohnungslosen in Deutschland ein Dach über dem Kopf schenken”, so beschreibt Apo das ambitionierte Ziel der Bewegung.

Zudem gibt es in deutschen Städten zu wenige Sozialwohnungen. Bundesweit ist der Bestand an Sozialwohnungen seit 1990 um 60 Prozent gesunken. Pro Jahr werden in Deutschland 70.000 Wohnungen zu wenig gebaut.

Tiny Houses könnten ein Weg sein, schnell und günstig Wohnraum zu schaffen.

Ein Grundmodell ohne Einrichtung kostet 10.000 Euro, ein vollausgestatteter Wagen etwa 40.000 Euro.

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Ein Tiny House von innen.

Der Quadratmeterpreis ist damit zwar so hoch wie für Wohnungen in guter Lage in Großstädten. Gleichzeitig gibt es keinen günstigeren Weg, Wohnung zu bauen.

Für Apo ist aber weniger das Geld die zentrale Frage – sondern, ob sich das Leben auf kleinstem Raum tatsächlich als Massenphänomen durchsetzen kann oder nicht.

Um das herauszufinden, hat Apo selbst ein halbes Jahr in einem Tiny House gelebt. Anfangs kostete es ihn viel Überwindung.

“Ich machte mich frei, ich verkleinerte mich und natürlich hat es meinen Körper zuerst überhaupt nicht gefallen, dass ich mich so radikal umgestellt habe.”

Er warf viele Sachen weg, die er besaß – oder verschenkte sie an Freunde: Kleidung, Bücher und Möbel.

“Ich machte mich frei, ich verkleinerte mich und natürlich hat es meinen Körper zuerst überhaupt nicht gefallen, dass ich mich so radikal umgestellt habe”, sagt er.

Später merkte er dann, dass er all das gar nicht brauchte – und genoss das Leben als Minimalist, das er nun zur Massenbewegung machen will.