LIFE
26/11/2018 10:03 CET | Aktualisiert 26/11/2018 18:11 CET

Tierärztin: "Ich dachte, mich könnte kein Kaiserschnitt schocken – dann kam meiner"

"Plötzlich wurde mir klar, wie ernst die Situation war."

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Ich habe bereits Kaiserschnitte an Meerschweinchen, Katzen, Hunden, Kühen und Schafen durchgeführt. Deshalb machte es mir auch keine Angst, dass ich bei der Geburt meiner Zwillinge selbst einen Kaiserschnitt bekommen sollte.

Da ich Tierärztin bin, kenne ich mich mit Kaiserschnitten wirklich gut aus. Anstatt still im Operationssaal zu liegen, bat ich den Chirurgen, mir ganz genau zu erklären, was er gerade tat. Das mag vielleicht verrückt klingen, doch ich brauchte das. Der Raum war ziemlich voll. Einige Hebammenschülerinnen hatten mich gefragt, ob sie bei meiner Geburt zuschauen durften.

Da ich bereits selbst an ähnlichen Übungen teilgenommen hatte, hatte ich es ihnen erlaubt. “Fragen Sie mich bitte nicht, ob es mir gut geht”, bat ich den Chirurgen. “Denn dann drehe ich durch. Ich möchte Sie nur darum bitten, mir ganz genau und in Fachbegriffen zu erklären, was Sie gerade tun.”

Genau das tat er dann auch. Er sagte mir, wann und an welcher Stelle er einen Schnitt machte. Außerdem erklärte er mir, wo genau er meine Muskeln durchtrennte. Ich hörte alles. Wenn man in einem medizinischen Beruf tätig ist, setzt irgendwann die Professionalität ein und man kann seine Gefühle ausschalten.

In Deutschland lag der Anteil der Kaiserschnitt-Entbindungen im Jahr 2017 laut Statistischem Bundesamt bei durchschnittlich 30,5 Prozent. Die Kaiserschnittraten sind in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Sachsen hat mit 24 Prozent den niedrigsten Anteil, das Saarland mit 37,2 Prozent den höchsten. 

Ich bekam Zwillinge – und wog fast 40 Kilo mehr  

Und das funktionierte auch. Zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Als Komplikationen auftraten, wurde es mir jedoch zum Verhängnis, dass ich selbst Chirurgin war. Wenn ich meine Geburt beschreiben müsste, würde ich sagen, dass ich einfach nur “unglaublich dankbar” dafür bin.

Den Moment, in dem man herausfindet, dass man Zwillinge bekommen wird, vergisst man nie. Ich erinnere mich daran, dass ich auf dem Ultraschall sofort erkannt hatte, dass es zwei Babys waren. Und dass ich damals komplett aus dem Häuschen war. Ob wir Zwillinge erwartet hatten? Natürlich nicht. Wir brachen beide in Tränen aus. Doch selbstverständlich waren es Freudentränen.

Ich wusste, dass meine Babys groß werden würden. (Keine Ahnung, woher ich das wusste. Es war mir einfach klar.) Und deshalb hatte ich mich für einen Wunschkaiserschnitt entschieden. Ich hatte unglaubliches Glück gehabt, dass ich die Schwangerschaft bis ganz zum Ende durchgehalten hatte. Denn ich war ziemlich schwer. Und damit meine ich so richtig schwer.

Vor der Schwangerschaft hatte ich 58 Kilo gewogen. Bei der Geburt wog ich 96 Kilo. Ich war zum Zeitpunkt der Operation sogar so schwer, dass zusätzliches Personal herbeigeholt werden musste, um mich auf den Tisch heben zu können. Das war unglaublich peinlich!

Die Fruchtblase platzte früher als erwartet

Da wir Zwillinge erwarteten, hatten wir uns bereits darauf eingestellt, dass es möglicherweise Komplikationen geben könnte. Deshalb war jeder weitere Tag, den meine Schwangerschaft andauerte, ein Gewinn – ein schwerer Gewinn allerdings. Mein Kaiserschnitt sollte an einem Donnerstag stattfinden. Doch dann platzte meine Fruchtblase bereits am Dienstag um 1:00 Uhr nachts.

Da man bei Zwillingsgeburten viel Personal braucht, bat das Krankenhaus uns,
noch bis zum Morgen abzuwarten. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass genug Mitarbeiter anwesend waren, um uns auch wirklich helfen zu können. Unsere morgendliche Fahrt ins Krankenhaus verlief unspektakulär. Da man bei einer Operation keinen Nagellack tragen darf, entfernte ich meinen im Auto. 

Ich benutzte dafür den Notfall-Nagellackentferner, den ich für genau diesen Moment neben die Tür gestellt hatte. Leider wurden wir nach unserer Ankunft nicht einfach direkt in den Operationssaal geschickt, um endlich unsere Babys in Empfang nehmen zu können.

Das Krankenhaus war an diesem Morgen so überfüllt, dass der Chirurg dreimal zu uns kam und uns jedes Mal wieder vertrösten musste.

Mein Sohn kam als zweites – aber etwas stimmte nicht

Unser Termin wurde immer weiter nach hinten verschoben, da es vor uns noch dringendere Fälle gab. Darunter war auch eine Freundin von mir, bei der es während einer Hausgeburt zu Problemen gekommen war. Wegen ihr wurden wir noch weiter nach hinten verlegt.

Doch ihre kleine Tochter kam gesund und munter zur Welt. Als ich dann an der Reihe war, konnte ich es kaum mehr erwarten. Als ich im Operationssaal lag, überkam mich eine Mischung aus Gelassenheit und Vorfreude – schon bald würde ich Mama sein!

Meine Tochter Ivy kam zuerst auf die Welt. Sie schrie und war wohlauf. Ihr Bruder Oscar steckte unter meinem Brustkorb fest. Deshalb dauerte es etwas länger, bis man ihn herausholen konnte. Oscar befand sich bei der Geburt noch in seiner Fruchtblase, was wundervoll ist und sehr selten vorkommt.

Er hatte noch gar nicht bemerkt, dass er bereits auf der Welt war, bis der Chirurg ihn vorsichtig aus seiner Fruchtblase herausholte. Als ich Ivy in den Arm gelegt bekam, kam es mir so vor, als würde die Welt stillstehen. Dieses Gefühl der Euphorie überkam mich auch bei Oscar. Obwohl ich im ersten Moment ein
wenig Panik hatte, weil er nicht sofort schrie. Da er in einer intakten Fruchtblase geboren worden war, hatte er keinen Schockmoment erlebt, der seinen ersten Schrei ausgelöst hätte.

Mir wurde klar, wie ernst die Situation war 

Es dauerte dann jedoch nur 30 Sekunden. Mein Körper begann sich sofort zu entspannen, als ich Oscar schreien hörte. Doch plötzlich konnte ich nicht mehr scharf sehen und mein Gesicht begann zu jucken. Ich schaffte es nicht einmal mehr, meine Hände auf mein Gesicht zu legen. Das Notfallteam kam sofort zu mir.

Die Ärzte hatten wenige Augenblicke nach Oscars Geburt bemerkt, dass ich
sehr stark blutete. Eines der Abdecktücher war komplett durchnässt. In diesem Moment war es sehr beunruhigend, den Ärzten zuzuhören. Denn als Chirurgin wusste ich ganz genau, was gerade los war.

Mir wurde klar, wie ernst die Situation war. Das medizinische Team war großartig. Mein Freund Rob nahm Ivy und ich hielt Oscar. Ich begann sogar, ihn zu stillen, während die Ärzte mich weiteroperierten. Sie konnten die Blutung stoppen und nähten meine Wunden wieder zu. Trotzdem musste ich noch eine Nacht auf der Intensivstation verbringen. Ich hatte an diesem Tag zweieinhalb Liter Blut verloren.

Ich hatte mir immer nur Sorgen um die Babys gemacht 

Es war verrückt! Da hatte ich mir acht Monate lange Sorgen gemacht, dass meine Babys zu klein sein könnten oder zu früh zur Welt kommen könnten. Und dann war mit ihnen alles vollkommen in Ordnung und die Komplikationen traten stattdessen bei mir auf. Ich musste danach noch zwei Tage auf der Normalstation verbringen, bevor ich entlassen wurde. Endlich konnten wir das Krankenhaus als vierköpfige Familie verlassen!

Um ehrlich zu sein, ging es mir nicht gut. Mein Körper war ziemlich ramponiert und auch der Kaiserschnitt forderte seinen Tribut. Doch komischerweise hatte ich noch eine zusätzliche Energiereserve. Ich nenne sie die “Mama Energiereserve”. Durch sie spielt es keine Rolle, wie schlecht man sich gerade fühlt oder wie müde man ist. Man packt einfach an und macht
weiter.

Mein Tipp für die Geburt?

Bereite dich auf alle Eventualitäten vor. Informiere dich so gut wie möglich. Vertraue deinen Ärzten. Und wenn du dann nach Hause gehen darfst, nimm so viel Hilfe an, wie du nur irgendwie bekommen kannst.

Verfasst nach einem Gespräch mit Amy Packham.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

(jg)