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19/09/2018 12:14 CEST | Aktualisiert 19/09/2018 12:14 CEST

Thomas Baumgärtel über Erdogan-Karikatur: "Ich stehe dazu"

"Wenn wir das machen, können die Feinde der Freiheit im Grund nichts ausrichten."

dpa

Vor zwei Jahren hab ich eine Karikatur gemalt, in der ich dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan eine Banane in den Hintern gesteckt habe.

Das war in der Zeit, in der Erdogan auf Jan Böhmermann losgegangen ist. Ich dachte, da muss jeder was machen. Und als Künstler mit dem Markenzeichen Banane war eben das Bild mein Mittel.

Ein ganzer Schrank voll Strafanzeigen

Ich mache schon viele Jahre politische Kunst. Ich habe von früher einen ganzen Schrank voll Strafanzeigen, die ich dann besprüht und 2006 im Oberlandesgericht in Köln ausgestellt habe. Ich hab im Jahr 1998 eine 14 Meter lange Banane in den Kölner Dom gesteckt und ihn 2012 mit einer – abwaschbaren – Friedenstaube mit Banane besprüht, um für Glaubensfreiheit und Frieden zu werben.

Reuters Photographer / Reuters

Sprich: Ich bin es gewohnt, für meine Arbeit nicht nur bejubelt zu werden.

Aber das mit der Erdogan-Karikatur war eine andere Nummer.

Ich wollte damals ein Foto der Karikatur posten und habe noch Rücksprache gehalten mit Atelier-Kollegen, mit meiner Schwester und meiner Frau. Zitat: “Bist du wahnsinnig?!” Sie hatten Angst um mich.

Ich habe mich feige gefühlt

Also habe ich den Post nicht veröffentlicht. Und mich von Woche zu Woche schlechter gefühlt. Feige. Da hab ich 30 Jahre für die Freiheit der Kunst gekämpft, und jetzt?

Als Erdogan nach dem Putschversuch zu wüten anfing, ist mir der Kragen geplatzt. Mir waren die Warnungen egal. Ich musste dieses Bild in die Öffentlichkeit bringen. Und tatsächlich war dann auch meine Familie einstimmig dafür.

Ich habe die Karikatur im Kunstverein Langendfeld gezeigt. Ich bekam Morddrohungen über Social Media, Erdogan-Anhänger demonstrierten. Der Kunstverein hat seine Ausstellung früher als geplant beendet.

Jede Menge Drohungen

Anfang dieses Jahres hab ich dann das Erdogan-Bild, ein Trump-Bild und eines mit Kim Jong-un auf der Kunstmesse “Art Karlsruhe” ausgestellt. Meine Frau war diesmal schon weniger begeistert, sie sorgt sich, dass ich eines Tages nicht mehr nach Hause komme.

Ich hab meinen Galeristen auch noch gefragt, ob er das wirklich mit mir durchziehen will. Wenn man’s macht, muss man standhaft bleiben. Er sagte ja.

Das Bild war zu sehen.

Und der türkische Konsul beschwerte sich. Der Staatsschutz hatte gegen das Bild nichts einzuwenden, gab aber am Stand seine Telefonnummer ab. Wir sollten da anrufen, wenn was ist. Natürlich kamen auch diesmal wieder jede Menge Drohungen. Gegen die Urheber der drei schlimmsten habe ich Strafanzeige gestellt.

Am Tag nach der Vernissage – ich war da krank – rief mich abends eine Frau an. Sie hatte beobachtet, wie zwei Erdogan-Anhänger, beides Journalisten, dafür gesorgt hatten, dass mein Galerist das Bild abnahm. Im Pressebereich haben die beiden Erdogan-Anhänger das sogar noch gefeiert.

Ich habe mich von dem Galeristen getrennt.

Sie haben nur da Macht, wo man sich einschüchtern lässt

Unterm Strich haben die Erdogan-Leute genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten. Nach der Geschichte haben viele Zeitungen nicht nur in Deutschland das Bild verbreitet.

Wir müssen uns alle dagegen wehren, dass ein Staat mit einem Diktator wie Erdogan an der Spitze es selbst in Deutschland schafft, die Leute einzuschüchtern. Viele haben unglaubliche Angst, verfolgt zu werden. Selbst meine engsten Freunde sagen, sie fänden das Erdogan-Bild gut, aber sie trauen sich nicht, es zu teilen.

Ich stehe dazu. Und ich werde in der Cubus-Kunsthalle in Duisburg ab dem 5. Oktober eine Version davon zeigen.

Ich finde es unglaublich wichtig, dass sich alle gegen Einschüchterungsversuche wehren. Wenn wir das machen, können die Feinde der Freiheit im Grund nichts ausrichten. Sie haben nur da Macht, wo man sich einschüchtern lässt.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.