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24/02/2018 18:13 CET

Theatergruppe Zoukak schenkt Gewaltopfern Selbstvertrauen

Durch die Theaterarbeit könne man Opfern Frieden schenken.

Zoukak
Mit dem Stück "It's time to scream" pochte die Theatergruppe Zoukak auf mehr Frauenrechte
  • Die libanesische Theatergruppe Zoukak hat einen einzigartigen Therapieansatz für Gewaltopfer entwickelt
  • Für ihre Arbeit erhielt die Künstlertruppe 2017 den Förderpreis für Frieden der französischen Chirac Stiftung

Rote Stiefel, rote Schals, rote Kopftücher - alle Frauen auf der Bühne tragen rot. Vielleicht ist es ein Symbol für das viele Blut, das vergossen wurde. Ihres, und das vieler anderer Frauen im Libanon.

“Sprecht mir nach und schreit es laut”, fordert eine der Frauen den Rest der Gruppe auf. Dann rufen sie im Chor: “Wir wollen Bürgerrechte haben”.

Mit dem Theaterstück “Zeit zu schreien” pochte die Theatergruppe Zoukak 2013 auf eine Änderung der libanesischen Gesetze. Denn zu diesem Zeitpunkt hatten Männer das Recht, ihre Frauen zu schlagen, zu vergewaltigen, oder umzubringen, ohne dass es strafrechtliche Konsequenzen gehabt hätte.

Die zwölf Akteurinnen – die Damen in rot – waren allesamt Opfer häuslicher Gewalt geworden.

Raus aus der Opferrolle

“‘Zeit zu schreien’ war sicherlich das politischste Stück, das wir je gemacht haben”, sagt Omar Abi Azar, einer der Gründer der Theatergruppe. Seit 2006 arbeitet er im Bereich der psychosozialen Intervention, einer Form der Theatertherapie.

Zoukak
Das Theaterstück "Zeit zu schreien" sollte eine Änderung der libanesischen Gesetze erwirken.

 “Die Teilnehmer unserer Workshops sind Opfer von Gewalt geworden. Manche, weil sie vor dem Krieg fliehen mussten, andere weil sie aus kaputten Familien kommen”, erklärt Abi Azar.

Die Workshops verfolgen einen besonderen, nach eigenen Angaben einzigartigen, Ansatz: Sie verbinden Theatertherapie und psychotherapeutische Methoden.

►  Die Teilnehmer lernen, ihre inneren Konflikte nach außen zu tragen, unter anderem durch Improvisationstheater, und sich so von der Last der Gewalterfahrung zu befreien.

►  Zudem geben die Projekte den Teilnehmern das Gefühl nicht allein, sondern Teil einer Gruppe zu sein, da alle Teilnehmer ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dadurch gibt man ihnen auch ein Gefühl der Sicherheit, das sie dazu ermutigt, sich verletzlich zu zeigen.

►  Die Workshops resultieren in der Regel in einer Aufführung, die den Teilnehmern helfen soll, einen Schlussstrich unter die erlebte Gewalt zu ziehen.

“Wir wollten den Menschen helfen, ihre Erlebnisse zu einem politischen Diskurs zu verweben und sie dadurch aus der Opferrolle herausholen”, erklärt Omar Abi Azar.

Und es gelingt: Manche der Teilnehmerinnen, die an “Zeit zu schreien” mitgewirkt haben, seien durch den Workshop sogar zu Aktivistinnen gewordenund für eine Änderung des Gesetzes auf die Straße gegangen, erzählt Omar Abi Azar.

2014 wurde ein Gesetz erlassen, dass es Frauen ermöglichte, ihre Männer wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen, einstweilige Verfügungen zu erwirken und Schutz in Heimen zu suchen.

Allerdings kritisiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass das Gesetz zu vage sei. So sei der Tatbestand nicht detailliert genug festgelegt. Vergewaltigung in der Ehe zählt demnach nicht als häusliche Gewalt.

Im Juli drängte die Organisation Kafa auf Gesetzeszusätze. Das Kabinett muss dem noch zustimmen.

Darüber hinaus arbeitet Zoukak eng mit Flüchtlingscamps im Libanon zusammen. Theaterstücke wie “Pick a Land for me and my limping Granny” (dt. Such ein Land für mich und meine humpelnde Oma) sollen Flüchtlingen aus Palästina, Syrien oder dem Irak dabei helfen, das Trauma der Vertreibung zu überwinden.

Laut Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch befanden sich 2017 bis zu 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien und bis zu 280. 000 Flüchtlinge aus Palästina im Libanon.

Ein bisschen Frieden

Für ihre Hilfsarbeit wurde Zoukak Ende 2017 mit dem Förderpreis für Frieden der französischen Chirac Stiftung ausgezeichnet.

Zoukak sei zwar eine kleine Initiative, “doch der Friedensprozess fängt beim Einzelnen an”, sagt Quentin Duteil, der als Projektleiter bei der Stiftung tätig ist. “Mit ihrem ganz eigenen Therapieansatz schafft es die Theatergruppe Zoukak Menschen in Konfliktsituationen etwas Lebensqualität und Optimismus zurückzugeben.”

“Indem man Menschen hilft, ihre Wut und Gewalterfahrung zu bewältigen, hilft man ihnen aus ihrer Isolation und Ohnmacht heraus. Man schenkt ihnen Frieden”, sagt Duteil.

Auch der Vorsitzende des deutschen Bundesverband Theaterpädagogik, Lutz Pickardt, lobt den Ansatz, Menschen dabei zu helfen, aus der Opferidentität herauszukommen.

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“Manche fühlen sich vollständig durch diese Gewalterfahrungen bestimmt. Immer wieder müssen sie daran denken, und auch das Hilfe-System hält sie zuweilen in dieser Identität fest: Opfer von Gewalt zu sein, schwach und hilfsbedürftig”, sagt Pickardt.

Das Verlassen der Opfer-Identität sei nötig, um zu erkennen und zu erleben, “dass ich mehr bin als die Erfahrung von Gewalt.”

“Wenn ich an diesen Punkt gekommen bin, meinen Tunnelblick zu verlassen und auch die anderen mich nicht mehr darauf reduzieren, kann ich weitergehen im Leben, neue Erfahrungen machen, mich neu erleben und gestalten.”

Auch in Deutschland gäbe es theaterpädagogische Projekte mit Geflüchteten, bei denen die Veränderung von Identität nach einer traumatischen Erfahrung ein großes Thema spiele, sagt Lutz Pickardt. Darüber hinaus sei ihm jedoch nichts bekannt, was mit der Arbeit von Zoukak zu vergleichen wäre.

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Für ihre Arbeit im Bereich der Theatertherapie erhielt Zoukak 2017 den Förderpreis für Frieden der Chirac Stiftung

Zoukak will in Deutschland gastieren

Bald könnte Zoukak auch in Deutschland gastieren. Die deutsche Regisseurin Lydia Ziemke hatte sie schon 2012 für ein Festival nach Berlin geholt, und will im Rahmen des Programms Doppelpass mit dem libanesischen Theater zusammen arbeiten.

Geplant sind zwei künstlerische Produktionen, eine wird in Hamburg aufgeführt, eine in Beirut, jede mit Beteiligung von Akteuren aus dem jeweils anderen Kulturkreis, und beide Produktionen touren an den Partnerort und nach Berlin.

2010 lernte sie eines der Gründungsmitglieder im Rahmen eines Stipendienprogrammes kennen und es entspann sich schnell eine Freundschaft und Arbeitsbeziehung mit der Theatergruppe aus Nahost. Sie hält die Theatertherapie Projekte für äußerst wichtig und effektiv und merkt an: “Auch in Deutschland gibt es Menschengruppen, die Gewalt erlebt haben und Hilfe benötigen, um wieder handlungsfähig zu werden.”

Ob die Zusammenarbeit zustande kommt, entscheidet sich Ende Februar.

(ks)