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15/03/2018 12:55 CET | Aktualisiert 16/03/2018 11:29 CET

Einen Tag als Tatortreinigerin in Hessen: Das Blut war nicht das Schlimmste

Das werde ich so schnell nicht vergessen.

  • Wo ein Mensch gestorben ist, muss sauber gemacht werden
  • Dann rücken Sinisa M. und sein Team von der Tatortreinigung Hessen an
  • Im Video oben: Das passiert im Gehirn in den ersten zehn Minuten nach dem Tod

Kassel-Wilhelmshöhe, 9 Uhr an einem Mittwochmorgen. Ich war noch nie an diesem Bahnhof, ich kenne mich nicht aus. Dennoch finde ich mein Ziel sofort: Der silberne Van ist gar nicht zu verfehlen. Auf beiden Seiten prangt das Logo einer Zielscheibe, in fetten Buchstaben steht daneben: Tatort- und Unfallreinigung. Neben dem Fahrzeug steht Sinisa M. Er ist Tatortreiniger bei der Tohr GmbH.

Das Unternehmen sorgt nicht nur dafür, dass Menschen, die im Urlaub gestorben sind, zurück in ihre Heimat überführt werden. Es hat sich darauf spezialisiert, Tatorte von ihren Spuren zu befreien.

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Ob Ausrüstung oder Chemikalien: Der Van versorgt die Tatortreiniger mit allem, was sie für ihren Job brauchen. 

Gemeinsam mit Sinisa fahre ich vom Bahnhof in Kassel zu dem allerersten Tatort, den ich je in meinem Leben gesehen habe.

Ich wollte schon immer einen Tatort sehen.

Der Tatort wäre ein schöner Ort zum Leben – doch jetzt lebt hier niemand mehr

Ich wollte wissen, wie sich ein richtiger Leichenfundort von denen aus den vielen Filmen und Thriller-Serien unterscheidet, die im Fernsehen und auf Netflix und Co. rund um die Uhr laufen.

Werden Tatorte im Fernsehen realistisch dargestellt? Solche Fragen wollte ich Sinisa stellen. Doch als wir ankommen, fällt mir keine mehr ein. Zu bedrückend ist, was ich zu sehen bekomme.

Wir fahren zu einem Einfamilienhaus mit Doppelgarage, wenige Kilometer von Kassel entfernt. Der Garten ist groß, der Blick führt ins Grüne, Blumen sprießen vor der Haustür. Ein schöner Ort zum Leben, würde ich wohl denken, wenn ich unter anderen Umständen hier wäre.

Ohne Atemmaske betritt kein Tatortreiniger sein Territorium, also tragen auch wir Schutzmasken. Aus einem guten Grund: Ist ein Mensch tot, setzt irgendwann zwangsläufig – je nach Ort und Temperatur früher oder später – die Fäulnis ein. Der Körper fängt stark an zu riechen. Es ist ein Geruch, der nicht leicht zu ertragen ist. 

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Atemmaske und Schutzanzug sind Pflicht, wenn man einen Tatort betreten will. 

Kurz nachdem Sinisa die Haustüre geöffnet hat, kriecht der süßliche Geruch schon in meine Nase und soll sich dort – davor hat mich der Profi gewarnt – für mindestens zwei Tage festsetzen.

Ich bin froh, dass ich zumindest einen Schutzanzug und Handschuhe trage. Doch, was hinter der Tür liegt, ist für mich schwierig genug zu bewältigen.

Mehr zum Thema: Das passiert im Gehirn in den ersten zehn Minuten nach dem Tod

Die Abdrücke des Körpers sind noch erkennbar

Wir gehen an einer Abstellkammer vorbei, ich sehe Reinigungsmittel und einen vollen Bierkasten. Der Geruch wird immer stärker. Links von mir liegt das Schlafzimmer, darin ein Doppelbett. Eine Bettseite ist gemacht, auf der anderen – so scheint es zumindest – hat bis vor kurzem noch jemand gelegen.

Doch die letzte Person, die hier schlief, kam schon vor wenigen Wochen ums Leben. Davon zeugt die riesige Blutlache im Wohnzimmer, die schon stark eingetrocknet ist. Die Abdrücke des Körpers sind inmitten all des Blutes erkennbar. Aus Respekt gegenüber dem Opfer und den Angehörigen gehen die Tatortreiniger nicht weiter auf Hintergründe zur Art des Todes ein.

Sinisa holt eine riesige Spraydose hervor, die er zuvor in dem Van befüllt hat. Er erklärt mir, dass es sich bei dem Inhalt um Desinfektionsspray handelt. Ohne das Mittel gehe in seinem Business gar nichts, erklärt er. Immerhin könnte der Tote eine bakterielle Infektion gehabt haben. In den Körperflüssigkeiten, die sich mit dem Blut am Boden vermengt haben, könnten Haar- und Hautreste liegen.

Ich kenne jetzt also schon zwei Regeln der professionellen Tatortreinigung: Fass nichts an und desinfiziere den Tatort – mindestens einen Radius von einem Meter. Und auf gar keinen Fall die Atemmaske vergessen.

Der Profi sprüht die getrocknete Blutlache ein, dann stellt er einen Ozon-Filter auf. Der soll dafür sorgen, dass der beißende Geruch verschwindet, zumindest nach und nach. Auf die Schnelle geht hier sowieso nichts.

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All diese Chemikalien benötigt Sinisa und ein Team, um einen Tatort verschwinden zu lassen. 

An einigen Stellen hilft nur noch der Spachtel

Der Ort, an dem ein Mensch gestorben ist, muss unglaublich penibel gereinigt werden. Bei Fliesen müssen die Fugen ordentlich geputzt werden, bei Parkett oder Laminat ist oftmals (zumindest wenn der Tote viel Blut verloren hat) ein neuer Boden die einzige Lösung.

Nur so können die Tatortreiniger garantieren, dass der Tatort sauber und keimfrei ist. Und vor allem: wieder bewohnbar.

Viele Auftraggeber des hessischen Unternehmens sind die Vermieter der Toten. Sie haben ein großes Interesse daran, die Wohnung schnell wieder an neue Mieter zu vergeben.

Haben Sinisa und sein Team den Tatort professionell gereinigt, bekommt der Vermieter ein Zertifikat. Er ist gesetzlich nicht dazu verpflichtet, den neuen Mietern die Vorgeschichte des Objekts zu verraten – sollte es aber dennoch deswegen zu einem Rechtsstreit kommen, hat er das Zertifikat als Beleg. Es besagt: Der frühere Tatort ist für die neuen Mieter unbedenklich.

Nach 15 Minuten ist das Desinfektionsspray eingewirkt. Sinisa und sein Kollege holen jetzt das Reinigungsmittel aus dem Van, verteilen es großzügig auf der Blutlache, die noch immer deutlich zu sehen ist. Mit einer Bürste gehen die beiden über das Blut. An einigen Stellen wird es wieder flüssig und verschwimmt. An anderen ist es schon so hart geworden, dass nur noch ein Spachtel helfen kann.

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Sorgfältig entfernt Sinisa M. das eingetrocknete Blut am Tatort. 

Desinfektionsmittel kann nicht alles auslöschen

Die beiden arbeiten effektiv. Mit bloßem Auge würde 30 Minuten später niemand mehr auf die Idee kommen, dass auf der zwei Quadratmeter großen Fläche ein Mensch gestorben ist.

Höchstens mit einer UV-Lampe könnte man das Geheimnis noch lüften. Deshalb hat Sinisa auch immer eine dabei. Er hat sich schließlich vorgenommen, Hinweise auf den Tod völlig verschwinden zu lassen.

Was nicht so schnell verschwindet, sind die Eindrücke, die ich an jenem Tag sammle.

Auch wenn das Blut und sogar der Geruch noch irgendwie verkraftbar sind – die Familienfotos an der Wand, die halbvolle Kaffeetasse auf dem Couchtisch, daneben die aufgeschlagene Fernsehzeitung und die sorgsam geordneten Bücher im Regal sind es nicht. Diese Eindrücke sind es, die mich an dem Tag persönlich betroffen machen. Sie zeigen mir das Leben des Menschen, der vermutlich Jahrzehnte in dem Haus gelebt hat.

Und diese Eindrücke lassen sich nicht mit Desinfektionsmittel auslöschen.

(jds)