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24/06/2018 23:21 CEST | Aktualisiert 24/06/2018 23:21 CEST

Taten sagen mehr als Worte

Während sich ganz Deutschland schon sehnlichst auf die WM freut und bereits 82 Millionen Amateur-Bundestrainer ihren Dienst angetreten haben, so sind wir bei der Entwicklungsorganisation ONE noch in einem ganz anderen Modus: den Kampf für mehr Gerechtigkeit und der Einhaltung von Versprechen. Warum das genau jetzt unseren Alltag füllt? Nun, Union und SPD haben im Koalitionsvertrag festgehalten, 0,7 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung in Entwicklungszusammenarbeit zu investieren. Im Politsprech wird diese Quote auch ODA-Quote genannt. ODA steht für official development assistance, also die Ausgaben für internationale Entwicklung. Durch das Festhalten der Quote im Koalitionsvertrag wurde somit auch den ärmsten Menschen auf der Welt ein Versprechen gegeben.

Nun schreiben wir Juni 2018 und passiert ist quasi genau das Gegenteil:

Das Versprechen wurde bereits gebrochen. Nach dem vorgelegten Haushaltsentwurf von Finanzminister Olaf Scholz wird die Quote - anstatt sich den 0,7 Prozent zu nähern - sogar sinken. Ich persönlich finde es nicht nachvollziehbar und richtig frustrierend, dass die Bundesregierung ihr Versprechen, das sie schon so oft wiederholt hat, bei der ersten Gelegenheit sofort kassiert. Deutschland hat sich zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs – Sustainable Development Goals) bis 2030 verpflichtet und will somit zu einer gerechteren und friedlicheren Welt beizutragen. Aber um etwas zu ändern, braucht es Taten und keiner leeren Versprechen! Man muss sich ja nur einmal vorstellen, wie es wäre, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft ohne große Gegenwehr in der Gruppenphase ausscheidet, obwohl sie eigentlich den Weltmeistertitel verteidigen wollte. Was gäbe es da für Aufschreie aus der ganzen Bevölkerung? Die „Löw-raus!“-Rufe würden nicht lange auf sich warten lassen.

Nur leider haben die Menschen, die von extremer Armut betroffen sind, nicht die Möglichkeit, sich so lautstark zu wehren, dass es auch hier gehört wird.

Wer sind diese Menschen?

→ Das sind 130 Millionen Mädchen, die aufgrund ihres Geschlechts nicht zur Schule gehen können.

→ Das sind 300.000 Frauen, die jedes Jahr an den Folgen einer Schwangerschaft sterben.

→ Das sind 2,4 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu angemessener sanitärer Versorgung haben.

→ Das sind 663 Millionen Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.

→ Das sind 805 Millionen Menschen, die weltweit an Hunger leiden.

→ Das sind 7 von 10 Menschen in Subsahara-Afrika, die keinen Zugang zu Elektrizität haben.

Leicht entsteht ein Teufelskreis aus mehreren Faktoren, die sich gegenseitig bedingen. Vor allem Frauen haben in Entwicklungsländern oft nur wenige Möglichkeiten, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern, denn Armut ist sexistisch. Warum das so ist? Frauen und Mädchen werden insbesondere in den ärmsten Ländern systematisch diskriminiert. Sie sind auch häufiger von Hunger, Krankheiten und Bildungsbarrieren betroffen als Männer und Jungen. Zum Beispiel haben rund eine Milliarde Frauen nicht einmal Zugang zu einem Bankkonto. Dabei sind Frauen und Mädchen so etwas wie die größte Geheimwaffe gegen Armut. Wusstet ihr, dass Entwicklungsländer mindestens 112 Milliarden US-Dollar mehr in den Staatskassen hätten, wenn Mädchen den gleichen Zugang zu Bildung hätten wie Jungen? Oder, dass bis zu 150 Millionen Menschen von chronischem Hunger befreit werden könnten, wenn Frauen in der Landwirtschaft die gleichen Rechte hätten wie Männer? Das sind nur zwei von vielen Gründen, warum Mädchen und Frauen besonders gestärkt werden sollten.

Fest steht auch, dass sich die Bevölkerung in Afrika bis 2050 verdoppeln wird. Viele junge Menschen werden dann auf dem Kontinent leben. Um zu unserem Fußballvergleich zurückzukommen: Junge Fußballtalente fängt man auch nicht erst mit 18 an zu fördern. Zu dem Zeitpunkt ist der Zug für die meisten, die bis dato keine Förderung erhalten haben, bereits abgefahren oder aber sie kosten den Verein deutlich mehr als die vorherige Ausbildung in der eigenen Akademie. Man kann sich also vorstellen, dass wir eine ganze Akademie für die am wenigsten entwickelten Länder bauen müssen, damit 2050 2,5 Milliarden afrikanische Spieler und Spielerinnen gut ausgebildet ihre Aufgaben ausführen können.

Warum ich hier sitze und Euch etwas über Fußball und Gleichberechtigung schreibe und wie das zusammenpasst?

Nun ja, ich bin selber Fußballerin. Obwohl ich anfangs viel Überzeugungsarbeit leisten musste, heuerte ich schließlich bei meinem lokalen Verein an und spielte in einer Jungenmannschaft mit. Ich kann mich noch genau an ein Spiel erinnern, bei dem während der Begrüßung die Jungs der anderen Mannschaft bereits ein Siegerlächeln auf den Lippen hatten. Sie sagten: „Oh mein Gott, guck mal, die haben ein Mädchen im Tor!“, und lachten triumphierend. Denn hey, ein Mädchen im Jungenfußball und dann auch noch im Tor, das gab es damals selten bis nie. Doch genau dies spornte mich an. Ich hatte einen guten Tag erwischt, ich warf mich in jeden Ball und vereitelte jegliche Torchancen. Wir gewannen das Spiel zu null und zu allem Überfluss steuerte ich auch noch eine Torvorlage bei, indem ich einen langen Ball zu meiner besten Freundin, die im Sturm spielte, abschlug, den diese dann passend verwandelte. Am Ende des Spiels hat keiner der Gegner mehr etwas gesagt. Dafür führte uns unser Weg in das Frauenteam eines großen Bundesligavereins. Und mir wurde damals schon klar: Taten sagen mehr als Worte.

Gleiches erlebe ich teilweise als Trainerin heute noch. Wenn ich mit meinen Jungs und Mädels in England gegen lokale Teams spiele, kommt nie jemand auf die Idee, dass ich die Verantwortliche sein könnte. Sie rennen immer schnurstracks zu meinen männlichen Kollegen, bis diese sie dann aufklären. Und wenn ich dann noch auf die obszöne Idee komme, das Spiel zu pfeifen, weil sie mal wieder keinen Schiri vor Ort haben, dann Gnade mir Gott! Da pöbeln bei jeder Gelegenheit die Mütter gleich mit.

Wenn man sieht, mit welchen Sinnlosigkeiten man selbst als Mädchen oder Frau in den vermeintlich doch „so weit entwickelten“ Industrienationen zu kämpfen hat, kann man sich vielleicht annähernd vorstellen wie prekär die Situation in Entwicklungsländern ist. Denn meine Erfahrungen haben gezeigt: Wenn jemand als Frau aus dem gewohnten Verhalten der Gruppe austritt, stellen sich manchmal selbst die Geschlechtsgenossinnen gegen einen. Ich hatte Glück, aber Frauen in Entwicklungsländer spüren auch diesen Druck.

Doch zurück nach Deutschland

Wie es scheint, zeigt auch die Bundesregierung keinen großen Einsatz für Projekte, die Frauen und Mädchen gezielt fördern. Nur 0,8% der Entwicklungshilfe fließt in diesen Bereich. Dabei werden dringend Taten benötigt, die aufzeigen, dass es einen Weg gibt, heraus aus der Armut und der Abhängigkeit von Ehemännern und Vätern zu kommen. Wenn beispielsweise gezielt in die Bildung von Mädchen und Frauen investiert wird, ist das gleichzeitig eine Investition in die wirtschaftliche Zukunft von Familien und des gesamten Landes. Die Bundesregierung steuert mit ihrer Finanzplanung allerdings eher in eine Sackgasse.

Deshalb liegt es nun an uns, den Finanzminister die richtige Richtung zu weisen und ihn daran zu erinnern, dass die Bundesregierung ein Versprechen gegeben hat, auf das sie jetzt Taten folgen lassen muss. Denn: Taten sagen mehr als Worte. Dafür stehen wir bei ONE. Mach mit und unterschreibe dazu unsere Haushaltspetition: