BLOG
09/02/2018 12:17 CET | Aktualisiert 09/02/2018 15:53 CET

Die Traumata der Opfer in Afghanistan: Viele Narben sind nicht sichtbar

Mein Vater erklärte mir, dass die Kinder mit amputierten Gliedmaßen spielten.

Tess Colley BBC

Zwanzig Jahre, nachdem sie ein erschreckendes Foto in der Tageszeitung, die ihr Vater gerade las, gesehen hatte, reist Sahar Zand für die BBC Our World Redaktion nach Afghanistan. Sie will herausfinden, welche langfristigen Schäden der Konflikt in dem Land anrichtet.

Im Alter von acht Jahren spielte ich gerade mit einer Puppe, als ich kurz aufschaute und ein schreckliches Bild in der Tageszeitung, die mein Vater gerade las, wahrnahm.

Ich frage: “Vater was machen die Kinder da?“ Mein Vater faltete die Zeitung schnell und meinte: Sie spielen, wie Du. Ich schaute auf meine wunderschöne Puppe, die in keiner Weise so aussah, wie das, womit die Kinder spielten.

Ich fragte zögernd: Spielen sie mit den Händen? Mein Vater erklärte mir, dass die Kinder mit amputierten Gliedmaßen spielten. Dieses Gespräch blieb mir die ganzen Jahre im Gedächtnis.

Mehr zum Thema: “Nur hier fühle ich mich frei” – wie ein Projekt in Afghanistan Mädchen Selbstbewusstsein verschafft

20 Jahre später reiste ich für die BBC World News -Dokumentarreihe Our World nach Afghanistan und konnte vor Ort sehen, wo das damalige Foto aufgenommen worden war, und wie die Menschen nach dem Bürgerkrieg und der Taliban-Herrschaft leben.

Früher wollten sie sich gegenseitig umbringen, jetzt sind sie aneinander gekettet

Herat, im Westen Afghanistans: Ich kam hierher, um die einzige gesicherte Einrichtung für psychisch Kranke zu besuchen. In einem kleinen eingezäunten Areal stehe ich wenige Meter von den beiden ehemaligen Erzfeinden entfernt, die nun aneinander gekettet sind.

Der eine heißt Muhammad Davoud, ein ehemaliger Warlord, der andere Muhammad Issa und war ehemals ein Kämpfer der Taliban. Beide Männer sind gefährlich und beide sind psychisch schwer angeschlagen.

Tess Colley BBC
Die Kette der ehemaligen Erzfeinde.

Alle 300 Inhaftierten verbringen ihre Tage in diesem Gartenareal. “Dieser Ort ist für Menschen, die eine Gefahr für die Gesellschaft sind, und mental instabil”, sagt der einzige Psychiater der Anstalt Dr. Saljooghi.

Ohne Vorwarnung hebt der ehemalige Taliban-Kämpfer sein Oberteil und zeigt mir ein Handtellergroße Narbe auf seinem Bauch. “Schau, ich wurde von Amerikanern hier angeschossen.“

Während er sich am Kopf kratzt, sagte er mir stolz, dass er vier von ihnen getötet habe. Finster dreinblickend meint der ehemalige Warlord, er habe die Taliban immer gehasst. “Sie sind Wilde, sie schlagen Menschen und zwingen sie zu beten.“

Mehr zum Thema: Abschiebung nach Afghanistan: “Mein Pflegesohn wird in den sicheren Tod geschickt - aber ihr könnt helfen”

Die beiden Männer sind absolute Gegner, doch die Kette um ihre Fesseln ist nicht das Einzige, was sie verbindet. Beide wurden vom Krieg gezeichnet, was zu ernsthaften und langfristigen psychischen Krankheiten bei ihnen führte.

Der gefährlichste Mann der Einrichtung

Hinter den gefesselten Feinden befindet sich ein großer Lagerraum, in dem die Patienten schlafen. Ich blicke auf und sehe einen jungen Mann, namens Ali.

Er hat träge Augen und ein breites Lächeln, das seine fehlenden Vorderzähne zeigt. Ich frage ihn, warum er auf dem Dach sei. “Damit ich niemanden verletzen kann“, sagt er ruhig.

Er zeigt auf seine trägen Augen und meint, er habe viele Traumata gesehen. Sein Lächeln verschwindet, als er hinzufügt: “Wenn Gewalt in meine Gedanken kommt, sehe ich sonst nichts mehr.“ 

Tess Colley BBC

Dr. Saljooghi erläutert, dass Ali oder “Bruce Lee”, wie er genannt wird, der gefährlichste Patient der Anstalt sein. Er wird isoliert, nachdem er einem Mitinsassen das Ohr abgebissen hatte.

Im Leben von Ali und vielen anderen Afghanen waren Krieg und Gewalt dauernd präsent. Seit die Sowjetunion im Jahr 1979 in das Land einmarschierte, wurden über 2 Millionen Zivilisten getötet.

Ali entkam Afghanistan als Kind mit seiner Familie nach Iran. Er wurde ausgewiesen, nachdem sich seine psychische Situation verschlimmerte und er Menschen auf der Straße attackierte. Seine Familie weiß nicht, dass er wieder in Afghanistan ist.

Viele Patienten flehten mich an, ihnen zu helfen

Viele der Patienten von Dr. Saljooghi haben den Kontakt zu ihren Familien verloren. Nach fast vier Jahrzehnten des Krieges wurden viele Familien auseinandergerissen. Das bedeutet, dass auch Patienten, die eigentlich die Anstalt verlassen könnten, zwangsläufig bleiben müssen.

Jetzt erinnere ich mich daran, was ich zu Beginn meines Besuches in der Einrichtung erlebt hatte: Einige Patienten flehten mich an, ihnen zu helfen herauszukommen, eine Frau weinte, bis sie weggebracht wurde.

Dass einige Patienten eigentlich gehen könnten, aber mangels Alternativen bleiben müssen, lässt mich erschaudern.

Mehr zum Thema:9 Fakten, die jeder kennen sollte, der Abschiebungen nach Afghanistan für eine gute Idee hält

Die Patienten hier erhalten eine Basisversorgung von einem kleinen Team. Die Kriegsjahrzehnte haben eine schreckliche Hinterlassenschaft an psychischen Problemen in Afghanistan nach sich gezogen.

Manche Zahlen sprechen von drei Viertel der afghanischen Frauen und über die Hälfte der Männer, die unter psychischen Problemen leiden.

Mit Andauern des Krieges wächst der Bedarf an psychologischer Versorgung noch mehr. In einem Land, in dem psychischen Krankheiten oft sehr misstrauisch begegnet wird, ist die Herausforderung, damit umzugehen immens.

Aber es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die diese Epidemie von psychischen Problemen anerkennt. Während meines Besuchs in Herat treffe ich Farhad im Fußballstadium der Stadt.

Tess Colley BBC

Er leidet an einem posttraumatischen Stresssyndrom seit er einen Selbstmordanschlag vor vier Monaten miterleben musste, bei dem sein Bruder im Teenageralter umkam.

Als Kind schaute er gern den Exekutionen zu

Anders als die meisten Afghanen sucht er professionelle Unterstützung in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses der Stadt, und hilft anderen Betroffenen ehrenamtlich.

Mit ihm zusammen im Fußballstadion von Herat zu sitzen, ist eine eigenartige Erfahrung, nicht weil ich ein Kopftuch tragen muss, oder die einzige Frau unter hunderten von afghanischen Männern bin.

Man könnte die dunkle Vergangenheit des Stadions leicht vergessen, wenn man die Top-Fußballer von Herat um den Ball kämpfen sieht.

Es war ein Exekutionsgelände der Taliban, der Ort an dem das Foto, das ich vor 20 Jahren in der Zeitung meines Vaters gesehen hatte, aufgenommen wurde.

Farhad kam also Kind regelmäßig hierher, um den Exekutionen zuzuschauen. “Damals waren wir sehr aufgeregt, es war eine Art Hobby.“ Er feuert die Spieler auf dem Platz an und fährt dann fort: “Gewalt und Exekutionen waren ein normaler Teil des Alltags und störte uns nicht.”

Ich erzählte ihm von dem Foto, das ich vor 20 Jahren gesehen hatte. Er meinte, das Kind, das ich gesehen habe, wie es mit abgeschlagenen Händen spielt, könne durchaus er gewesen sein.

“Ich erinnere mich genau daran, ein Taliban schlug eine sogenannte kriminelle Hand ab, und warf sie in die Luft. Ich werde nie vergessen, dass sie sich weiter bewegte, auch nachdem sie wieder auf die Erde gefallen war.”

Mein Vater erzählte mir damals vor zwanzig Jahren, dass Krieg und Unterdrückung nicht nur zerstörte Gebäude und Leichen hinterlassen, sondern hässliche und schreckliche Bilder in den Köpfen der Menschen. 

Tess Colley BBC

Sie bleiben zerstörerisch auch noch nach Generationen. An diesem Tag zeigte mir mein Vater das Foto in der Zeitung nochmals und meinte, ich solle keine Angst vor dem Bild haben, sondern nur davor, dass mich nicht interessieren könnte, was in der Welt vor sich ginge.

Er meinte, nur weil ich eine hübsche Puppe mit einem schönen Kleid habe, und ein schönes Zuhause, hieße das nicht, dass es alle so hätten. Nach meiner Reise nach Afghanistan konnte ich diese Worte nun voll erfassen.

Our World: The Trauma of War wird am Freitag, den 9.2 um 22.30, Samstag, den 10.2. um 17.30 Uhr und am Sonntag, den 11.2. um 6.30 Uhr und 18.30 Uhr auf BBC World News ausgestrahlt.

(tb)