POLITIK
27/01/2018 22:05 CET | Aktualisiert 28/01/2018 10:58 CET

"Tagesschau" macht Buhrufe gegen Trump lauter – Kritiker sehen darin Manipulation

User fordern von der Redaktion mehr Transparenz.

Denis Balibouse / Reuters
US-Präsident Donald Trump in Davos
  • Die “Tagesschau” hat in einem Beitrag Buhrufe gegen US-Präsident Donald Trump lauter gemacht
  • Jetzt tobt im Netz eine heftige Diskussion, ob das journalistisch nötig war – oder gar “Manipulation”

Auf dem Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos hat US-Präsident Donald Trump die Gelegenheit genutzt, über Journalisten herzuziehen. Er habe festgestellt, “wie fies, wie gemein, wie böse und wie falsch” die Presseleute sein könnten. Derlei Anschuldigungen gehören zu Trumps Standard-Programm.

Im Saal allerdings regt sich Protest, Murren, Unmutsäußerungen.

Ein Video, das die “Tagesschau” am Freitagnachmittag auf Twitter veröffentlicht hat, dokumentiert das. Trump ist ebenso wie der Protest deutlich zu hören.

Allerdings, so schreibt die Redaktion eine Stunde später auf Twitter, habe man die Buhrufe am Ende lauter gemacht. Das sei nötig gewesen, weil das Mikrofon so ausgerichtet gewesen sei, dass es vor allem Trump aufzeichnete, nicht die Atmosphäre im Saal.

“Bild”-Chef sieht in der Lautstärkeanpassung eine “Grenzüberschreitung”

Kritiker werfen der “Tagesschau” nun Manipulation vor. Unter ihnen der Chefredakteur der “Bild”-Zeitung, Julian Reichelt. Er twitterte am Samstag, das sei eine “klare Grenzüberschreitung”. Es sei “schwer vorstellbar, dass Sie dasselbe bei Applaus getan hätte.”

User Christian Schmitt hält die Lautstärkenkorrektur der “Tagesschau” für “mehr als kontraproduktiv”, weil sie die Skepsis gegenüber seriösem Journalismus befeuere und Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker gieße.

Insbesondere rechte Kreise in Deutschland misstrauen der Presse zunehmend, auf ihren Demonstrationen verunglimpfen sie Journalisten pauschal als “Lügenpresse”. Studien der Gesamtbevölkerung allerdings zeigen, dass das Vertrauen in die Presse im Frühjahr 2017 so hoch war wie nie zuvor seit der Jahrtausendwende.

“Tagesschau” verteidigt sich

Kai Gniffke, Chef der “Tagesschau”-Redaktion, reagierte am Samstag mit einem Statement auf die Vorwürfe. Er schrieb: 

“Wenn ein Korrespondent die Information vermittelt, dass der US-Präsident ausgebuht worden ist, dann muss er das belegen. Dazu diente dieser Ton.

Es ist der Original-Ton aus dem Saal, nichts wurde dazu erfunden, nichts wurde unterdrückt oder manipuliert.

Genauso wie eine Kamera immer nur den Ausschnitt einer Szene einfangen kann, ist dies auch bei einem Mikrofon der Fall. Und genauso wie man bei einem Bild oder einer Filmszene dann einen bestimmten Ausschnitt vergrößert, um ihn besser zu erkennen, kann und sollte man das auch mit dem Tonpegel so halten.

So lässt sich dann dokumentieren, was genau bei einem Ereignis vor sich gegangen ist. Beispiel: Ein Politiker flüstert im Vorbeigehen an den Kameras einen Satz von großer Tragweite. Natürlich wird man hinterher alles tun, um dieses Original-Zitat hörbar zu machen.

Vergleichbar gehen übrigens auch Zeitungen vor, wenn sie Bildausschnitte vergrößern und eventuell noch mit einem roten Kreis markieren. Niemand käme hier auf die Idee, dies Manipulation zu nennen, sondern eher journalistische Präzision.”

Kritiker fordern deutliche Kennzeichnung

Viele User überzeugt die Argumentation nicht. Sie werfen der Redaktion vor, verschiedene Maßstäbe anzulegen.

“Wenn ein Trump nahe stehender Sender wie Fox den kaum hörbaren Applaus hochdrehen würde, wie wäre Ihr Kommentar zu dieser Berichterstattung?”, fragt einer. 

Und bei Reden Kanzlerin Angela Merkels (CDU), so behauptet ein User, sei die Kritik anders als bei Trump nicht hochgepegelt worden. “Das Problem besteht darin das bei einem gemacht wird und bei anderen nicht.” 

Ein anderer hätte die Tonkorrektur eher akzeptiert, wenn die Buh-Rufer im Bild zu sehen gewesen wären. So hätte man sich selbst einen Eindruck der Situation verschaffen können.

Forderung nach mehr Transparenz

Deutlich wird in der Diskussion, dass sich User mehr Transparenz gewünscht hätten: “Es sollte aber in der Tonspur in Sprache mitgeteilt werden und nicht in einer separaten Mitteilung.” 

(mf)