POLITIK
13/03/2018 18:16 CET | Aktualisiert 14/03/2018 11:02 CET

Tafeln stehen vor gewaltiger Herausforderung – es sind nicht die Ausländer

“Es ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, genug Lebensmittel zu bekommen.”

Ina Fassbender / Reuters
Szene aus einer Dortmunder Tafel.
  • Viele Tafeln in Deutschland haben immer größere Schwierigkeiten, genügend Lebensmittel zu bekommen
  • Die HuffPost hat mit den Helfern in fünf Einrichtungen über ihre Probleme gesprochen

Deutschland im März: Das Land diskutiert über Armut. Darüber, ob Hartz IV ausreicht, um über die Runden zu kommen. Und darüber, welche Aufgabe eigentlich den Tafeln in der Bundesrepublik zukommt.

Vor allem diskutiert Deutschland aber über Flüchtlinge. Seit bekannt wurde, dass die Essener Tafel einen Aufnahmestopp für Ausländer verhängt hat, ist die Armutsdebatte vor allem eine Diskussion über schubsende und drängelnde Asylbewerber in den Schlangen der Hilfseinrichtungen.

Es ist eine Debatte, die wichtig ist – weil viele Helfer aus verschiedenen Städten über ähnliche Erfahrungen berichten.

Doch lenkt sie den Blick auch von einer anderen wichtigen Frage ab: Können sich die Tafeln um die vielen Bedürftigen noch ausreichend kümmern?

In vielen Orten, die besonders von Armut betroffen sind, klagen die Tafel-Einrichtungen zunehmend über Kapazitätsprobleme. Selten haben diese etwas mit Flüchtlingen zu tun.

Oft aber mit etwas anderem: Die Tafeln haben zu wenig Raum, Mitarbeiter – und zunehmend auch zu wenige Lebensmittel, weil die Supermärkte immer weniger Waren aussortieren.

Tafel Sonneberg: “Es ist wirklich schwierig”

Sonneberg in Thüringen, in der Nähe des fränkischen Coburg: Die 23.000-Einwohner-Gemeinde gehört laut dem Finanzreport der Bertelsmann Stiftung zu den ärmsten Kommunen der Region.

Nicole Fleischmann leitet hier die Kreisdiakoniestelle. Sie sagt der HuffPost: “Von den Supermärkten wird spürbar weniger ausrangiert. Erst gestern hat uns ein Markt mitgeteilt, dass wir ab Sommer gar nichts mehr bekommen.”

Michael Dalder / Reuters
Die Schlangen vor Tafeln sind oft lang.

Ganz grundsätzlich würden die Lebensmittelspenden zurückgehen. “Auch weil Märkte sparsamer einkaufen und Aktionsregale mit Rabatten aufstellen, wenn die Artikel in die Nähe des Ablaufdatums kommen”, berichtet Fleischmann.

Die Pädagogin macht damit auf ein ganz wesentliches Problem aufmerksam. Denn zum Grundprinzip der Tafeln in Deutschland gehört es, Lebensmittel, die sonst ausrangiert werden würden, den Bedürftigen zugänglich zu machen.

Der Dachverband der Tafel schließt dafür mit großen Supermarktketten Verträge ab. Doch die haben ihre Abläufe mittlerweile so perfektioniert, dass immer weniger Lebensmittel übrig bleiben.

Dafür sorgen automatisierte Bestellsysteme, eine schnellere Lieferung bei Knappheit, die große Hamsterkäufe unnötig macht – und eben Rabattaktionen.

Die Grabbel-Regale werden zum Konkurrenten der Tafeln. Zuletzt gab ein Rewe-Sprecher in der “Welt” zu: “Das führt dazu, dass die Mengen an Lebensmitteln, die an die Tafeln gehen, tendenziell kleiner werden.“

In Sonneberg sieht man die konkreten Auswirkungen dieser Entwicklung.

“Wir bedienen unsere Stammkunden, aber kurzfristig müssen wir manchmal für ein bis zwei Monate einen Aufnahmestopp einlegen, weil es nicht reicht für die Kunden”, sagt Fleischmann. Im Moment sei es wirklich schwierig.

Tafel Bitterfeld: “Große Sorge”

Ähnliche Probleme kennt man in Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Sabine Ameling erklärt der HuffPost: “Die größte Sorge ist es immer, genug Lebensmittelspenden zu bekommen.”

Das Problem: In der Region sei keine herstellende Industrie ansässig. Spenden direkt von den Lebensmittelherstellern würde die Tafel also nicht bekommen. So sei ihre Einrichtung vollkommen auf die Spenden der örtlichen Supermärkte angewiesen. 

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Eine stillgelegte Industieanlage in Bitterfeld.

Und die werden immer sparsamer. Rewe etwa verkauft deutschlandweit laut Konzernsprecher mittlerweile “im Jahresdurchschnitt bis zu 99 Prozent ihrer Lebensmittel”. 

Grund dafür sei auch die moderner werdende Logistik-Technik, berichtet die “Welt”. 

So seien in vielen Märkten Prognosesysteme eingeführt worden, die etwa Wettervorhersagen beim Einkauf der Waren berücksichtigen. Grillwaren gibt es beispielsweise nur, wenn das Wetter gut wird, auch kalte Getränke werden in größeren Mengen bestellt, wenn die Sonne scheint.

Mehr zum Thema: Wie die AfD Bitterfeld-Wolfen eroberte – obwohl es der Stadt auf den ersten Blick gut geht

Brandenburg: “Jeden Tag eine Herausforderung!”

Auch neue Regelungen der Supermärkte tragen ungewollt zur Misere der Tafeln bei. 

“Viele Supermärkte dürfen Lebensmittel mittlerweile ja auch noch am letzten Tag ihres Ablaufdatums verkaufen”, berichtet Andreas Griebel von der Tafel in Brandenburg an der Havel der HuffPost. “Das sind die Nahrungsmittel, die früher immer die Tafel bekommen hat.” 

Ina Fassbender / Reuters
Die Essensmengen der Supermärkte für die Tafeln werden vielerorts geringer.

In Brandenburg an der Havel spitzt sich die Lage zu. Laut Sozialbericht 2017 ist hier fast jedes fünfte Kind armutsbedroht, es ist der Spitzenwert in einer ohnehin nicht einfachen Region.

Viele Familien sind daher auf die Tafel angewiesen. Doch für die sind die Ressourcen zunehmend knapp.

Griebel sagt: “Es ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, genug Lebensmittel für die Tafel zu bekommen.”

Tafel Eichsfeld: “Es ist immer ein auf und ab”

In Eichsfeld in Thüringen ist der Trend weniger auffällig. Doch einfach ist die Arbeit auch hier nicht. 

Reiner Engel von der Tafel berichtet der HuffPost: “Tafel-Arbeit ist immer ein auf und ab, wenn es um die Lebensmittelmenge geht.”

Grundsätzlich sei es keine Verweigerung der Supermärkte. “Aber wir merken schon, dass Märkte vorsichtiger kalkulieren.”

Merzig: “Dem 501. Kunden sage ich: Es tut mir Leid”

Merzig im Saarland: Auch diese Kommune gehört laut Bertelsmann-Erhebung zu den finanzschwächsten des Landes.

In Merzig ist Frank Paqué Ansprechpartner der Tafel. Paqué sieht das Problem ein wenig anders. Er ist wütend, wie die Diskussion über Tafeln in Deutschland  geführt wird.

Seit dem Aufnahmestopp in Essen sei der Eindruck entstanden, Tafeln wären verpflichtet, den Bedürftigen zu helfen.

Dabei sei völlig klar: Allen können sie gar nicht helfen. “1,5 Millionen können deutschlandweit sinnvoll versorgt werden”, sagt Paqué. “Das sind gerade einmal 10 Prozent derer, die in Deutschland als bedürftig gelten.”

Ina Fassbender / Reuters
Tafelkundin, Symbolbild.

Dass nun trotzdem auf Tafel-Mitarbeitern rumgehackt werde, empört ihn.

“Jede einzelne Tafel in Deutschland leistet etwas Gutes”, findet er. Und das unter teils widrigen Bedingungen, wie auch das Beispiel der Einrichtung in Merzig deutlich macht.

Denn auch Paqués Tafel kommt an ihre Grenzen. Nicht jedoch wegen der ausbleibenden Spenden.

“Wir haben nur einen bestimmten Raum, um Dinge zu lagern und eine bestimmte Anzahl Mitarbeiter, um Produkte zu verarbeiten”, sagt der Saarländer.

Deshalb könnten die Helfer auch nicht alle Menschen bedienen, die bedürftig seien. Das deutschlandweite Problem spiegele sich im Kleinen.

Paqué berichtet: “Wir haben eine bestimmte Anzahl von Kunden, 500, sage ich jetzt mal, die wir sinnvoll versorgen können. Aber es reicht nicht für 501. Dem 501. sage ich: ‘Tut mir Leid, ich kann dich nicht bedienen.’”

Mittlerweile gebe es eine zweite Öffnungszeit in der Woche, eine Dritte sei schlicht nicht machbar, da man dann statt 60 wohl 90 Mitarbeiter bräuchte. “Wir hätten Läden, die wir am dritten Tag anfahren könnten, aber die Mitarbeiter sind nicht da.”

Mehr zum Thema Armut:

Die HuffPost hat eine Woche lang aus den ärmsten Regionen des Landes berichtet. Hier findet ihr alle Reportagen. 

Lennart Pfahler Josh Groeneveld