POLITIK
07/01/2019 11:38 CET | Aktualisiert 08/01/2019 10:22 CET

YPG-Sprecher: "Wir fordern Unterstützung gegen den Faschisten Erdogan"

Im HuffPost-Interview attackiert der kurdische Kommandant Erdogan scharf und kritisiert die Entscheidung Donald Trumps, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen.

KevokFoundation
YPG-Sprecher Nuri Mahmud appelliert an den Westen.
  • YPG-Sprecher Nuri Mahmud warnt vor den Eroberungsplänen Erdogans im Norden Syriens.
  • Er kritisiert: Trumps angeordneter Truppenabzug hat diese Bedrohung erst möglich gemacht.

Wieder einmal stehen die Kurden in Syrien im Fokus.

Die Miliz YPG, die in den vergangenen Jahren große militärische Erfolge gegen den IS erzielen konnte und zum wichtigsten Partner des Westens heranwuchs, bangt um seine Vormachtstellung im Nordosten des Landes, seit US-Präsident Donald Trump verkündet hat, die verbliebenen US-Truppen aus der Region abzuziehen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan drängt auf einen Angriff auf die Stadt Manbij, er will die YPG, die er für eine Terrororganisation hält, zerschlagen.

In dieser aussichtslosen Situation haben sich die Kurden zuletzt an die Regierung Baschar al-Assads in Damaskus gewandt. Syrische Regierungstruppen sollen mithelfen, die Region vor einem türkischen Angriff zu schützen.

syria.liveuamap.com
Gelb das kurdisch kontrollierte Gebiet, rot die Gegenden in Regierungshand. In den grünen Gebieten üben von der Türkei unterstützte Rebellen und Dschihadistengruppen die Kontrolle aus. (syria.liveuamap.com)

 

Die HuffPost hat mit Nuri Mahmud, Kommandant und Sprecher der YPG, über die Lage gesprochen. Er wirft Erdogan die Zusammenarbeit mit dem IS vor und appelliert an den Westen, die YPG nicht fallen zu lassen. 

HuffPost: Herr Mahmud, was hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Region Manbij in Ihren Augen vor?

Mahmud: Die Absicht der Türkei ist ein Angriff nicht nur auf Manbij sondern auf gesamt Nordsyrien. Das Ziel ist es, das Projekt des demokratischen Systems, das sich in Nordsyrien etabliert hat, zu zerstören.

Dschihadistische Organisationen haben immer ihre Hilfe aus der Türkei erhalten, sie wurden in der Türkei trainiert und vorbereitet und auch die Bewaffnung und Strategieplanung haben direkt in der Türkei stattgefunden. 

Um ehrlich zu sein: Diese dschihadistischen Organisationen haben nur durch den Widerstand der Verteidigungseinheiten der Kurdischen YPG und YPJ die Macht in unseren Gebieten verloren.

Da diese Terror-Organisationen inzwischen fast besiegt sind, wollen sie von nun an im Namen des offiziellen Türkischen Militärs und damit im Rahmen der Nato agieren.

Was bedeutet das genau?

Nach dem Versagen dieser dschihadistischen Organisationen hat die syrische Gesellschaft den wahren Menschenfeind erkannt und hat entsprechend überhaupt kein Vertrauen in Erdogan und seine Regierung. 

Erdogan will trotzdem mit allen Mitteln, stillschweigend und rückhaltlos, seinen Willen durchbringen. Das bedeutet er benutzt terroristische Organisationen wie den IS, Al-Kaida und die Freie Syrische Armee, um durch diese an sein Ziel zu kommen.

Erdogan will seine Agenda Schritt für Schritt über den gesamten Mittleren Osten verbreiten.

Er will sein eigenes dschihadistisches Modell implementieren, wie wir es derzeit in Idlib und Afrin, aber auch vorher schon in Rakka sehen konnten. Dazu ist Erdogan jedes Mittel recht.

Nach der Zerstörung des etablierten demokratischen Systems in der kurdisch kontrollierten Region Rojava würde Erdogan noch weitergehen und seine Agenda Schritt für Schritt über den gesamten Mittleren Osten verbreiten. Er sieht sich gewissermaßen in derselben ideologischen Linie wie der IS. 

Erdogan als Sultan des Neu-Osmanischen-Reiches würde für die Zivilbevölkerung Leid, Terror, Not, Unterdrückung bedeuten

Sie wollen das verhindern. 

Wir als YPG sehen uns als Verteidiger der revolutionären Gesellschaft. Wir sehen uns als Revolutionäre, die eine positive, friedvolle Veränderung zur Demokratie in Syrien wollen und dafür weiterhin kämpfen. 

Gegen den Terror und für den Frieden aller Völker, fordern wir internationale Unterstützung gegen die Agenda des faschistischen Präsidenten der Türkei, Erdogan. 

Sie haben auch das syrische Regime um Hilfe erbeten. Welche Rolle übernehmen Regierungstruppen seit der Einladung durch die YPG in der Stadt Manbij?

Wir waren es, die Manbij auf Bitten der Bürger vom IS befreit haben. Das konnte die Welt verfolgen. Nachdem Manbij Selbstverwaltungsstrukturen und einen eigenen Militärrat etabliert hat, haben wir uns als YPG aus der Stadt zurückgezogen.

Bis zu der Etablierung dieses Militärrats waren es ehrlich gesagt grausame, unmenschliche Zustände in der Stadt. Seither hat sie sich hervorragend entwickelt, bis zu dem Moment, als die Türkei angefangen hat, Manbij mit der Besatzung zu drohen.

Rodi Said / Reuters
Provinz Manbij: Eine junge Frau wirft nach der Befreiung ihres Dorfes vom IS ihren Schleier ab. 

 

Da wir als YPG selbst nicht mehr vor Ort sind, sehen wir, dass das offizielle syrische Militär gemäß der syrischen Verfassung das Vorrecht und die Pflicht hat, das Land zum Schutz der gesamten syrischen Bevölkerung zu verteidigen. 

Laut der Informationen, die uns als YPG vorliegen, ist die Syrische Armee derzeit nur an den Außengrenzen zwischen Manbij und der Türkei positioniert, um Türkische Angriffe abzuwehren.

Wie stellen Sie sich in Zukunft die Zusammenarbeit zwischen ihrer Organisation und der syrischen Regierung vor? Sehen Sie in Baschar al-Assad einen langfristigen Partner?

Wenn das syrische Militär sich hier bewährt und das gesamte syrische Volk verteidigt und ihm Rechte einräumt, dann sind wir auch dafür, dass das syrische Militär im ganzen Land als die offizielle Armee gegen jegliche Besatzer kämpft. 

Wir sehen Assad als einen Verbündeten, wenn es darum geht, Syrien zu verteidigen.

Wir sehen uns auch in Zukunft als ein Teil Syriens, jeglicher Freiheitskampf unsererseits gilt immer der gesamten Bevölkerung des Landes Syriens egal welcher Ethnie. Insofern sehen wir Assad als einen Verbündeten, wenn es darum geht, Syrien zu verteidigen.

Bislang hat Assad den südlichen Teil Syriens verteidigt, er kontrolliert derzeit etwas mehr als 50 Prozent des Landes. Wir wiederum kontrollieren große Teile Nordsyriens und damit mehr als 32 Prozent des Landes. 

 

Deshalb muss langfristig mehr als nur eine strategische Vereinbarung getroffen werden, es muss eine Lösung für die gesamte Gesellschaft geschaffen werden, sowohl militärisch, als auch politisch. Aus diesem Grund müssen wir im Dialog bleiben und diesen stärken.

Dafür muss auch Assad die Rechte aller Bürger akzeptieren und verteidigen, dafür setzen wir uns auch weiterhin ein.

Wie schwer wiegt der Abzug der US-Truppen aus der Region?

Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben sich die amerikanischen Militäreinheiten weder von ihren Positionen noch von ihren strategischen Plänen zurückgezogen – trotz der Anordnung des Präsidenten Donald Trump. 

Trumps Ankündigung gab den Terrorgruppen neue Hoffnung und Moral.

 

Bisher sind ihre Einheiten und auch andere Partner der internationalen Koalition gemeinsam mit uns im Kampf gegen den Terror des ISIS voll im Einsatz. 

Aber ja: Dieser Befehl aus Washington hatte massiven Einfluss auf die Bedrohung durch das faschistische türkische Regime Erdogans und seiner nationalistischen Partei AKP. Des Weiteren gab Trumps Ankündigung den dschihadistischen Gruppen neue Hoffnung und Moral.

NAZEER AL-KHATIB via Getty Images
Im Norden Aleppos bereiten sich Rebellen der Freien Syrischen Armee auf einen möglichen Angriff auf Manbij vor.

Das türkische Regime nutzt hier seine vollen Möglichkeiten als offizielles Nato-Mitglied und wollte erreichen, dass andere Nato Mitglieder vor den Angriffen abziehen. Das geschah unter dem Vorwand, dass der ISIS keine Bedrohung mehr darstellen würde, was eine glatte Lüge ist, denn leider ist der ISIS noch nicht erledigt und auch weiterhin eine große Bedrohung für die gesamte Welt.

Und diese Bedrohung lebt nun wieder auf?

Es gibt sogar noch weitere kleinere Terrorgruppen, die gut organisiert sind. Genau wie im Irak oder in Afghanistan, auch dort ist die internationale Koalition noch im Kampf gegen den Terror.

Al-Kaida ist noch in einigen Teilen der jeweiligen Länder sehr stark vertreten und aktiv. Deshalb ist die Behauptung, die Gefahr sei komplett gebannt, leider falsch.

Wir sind bisher diejenigen gewesen, die gemeinsam mit den US-Einheiten und anderen Partnern der internationalen Koalition den Terror bekämpft und erheblich geschwächt haben.

Wir glauben ganz fest daran, dass sowohl die amerikanische Gesellschaft als auch das amerikanische Militär, sich ihrer Verantwortung nicht entziehen möchten.

Das wissen vor allem die amerikanischen Einheiten vor Ort sehr gut. Aber auch die Regierungen Europas, Amerikas und Asiens.

Es hat sich in der Welt rumgesprochen, welche tragende Rolle wir als YPG und YPJ im Kampf gegen den Terror geleistet haben. Auch terroristische Angriffe auf Europa, Amerika und Asien sind durch unsere Verteidigung, unseren Widerstand hier, abgewehrt und reduziert geworden.

SAUL LOEB via Getty Images
Donald Trump hat den US-Abzug aus Manbij angeordnet.

Wir sehen uns weiterhin in der Verantwortung, den Kampf gegen den Terror fortzuführen. Auch die USA sollte sich dieser Pflicht nicht entziehen. Wir glauben ganz fest daran, dass sowohl die amerikanische Gesellschaft als auch das amerikanische Militär, sich dieser Verantwortung nicht entziehen möchten. 

Wir möchten daher alle Staaten, Völker, Regierungen dazu einladen und aufrufen, für die eigene Stabilität, Sicherheit und den Frieden, weiterhin zur Verantwortung zu stehen, gemeinsam den Terror zu bekämpfen. Nur damit können wir Demokratie und Frieden für Syrien und die Welt gewährleisten. 

(ben)