POLITIK
26/02/2018 17:57 CET | Aktualisiert 27/02/2018 13:46 CET

Assads Giftgaskrieg

Wie die Menschen in Ghouta die vielleicht schlimmste Phase des Syrienkrieges erleben.

Bassam Khabieh / Reuters
Der Syrer Humam Husari (rechts) hat sich als Filmemacher einen Namen gemacht.
  • In der syrischen Region Ghouta hören die Angriffe auch nach der UN-Waffenruhe nicht auf
  • Humam Husari berichtet von Chemiewaffenangriffen des Regimes – und wie die Menschen in den Kellern ums Überleben kämpfen

In Ost-Ghouta ist es genau 15 Uhr, als Humam Husari anruft. “Ich bin im Keller”, sagt der 31-jährige Syrer. Die Verbindung ist schlecht, doch sie hält. Internet gibt es noch in der Rebellenenklave nahe Damaskus, die seit fünf Jahren vom syrischen Regime belagert wird. Whatsapp: der einzige Weg nach draußen. 

Die Armee des Präsidenten Baschar al-Assad versucht, das Gebiet, in dem noch rund 400.000 Menschen eingeschlossen sein sollen, ausbluten zu lassen. Trotz der UN-Resolution vom Samstag bombardierte die Regierung Ghouta auch am Sonntag und am Montag weiter.

“Es ist der achte Tage in Folge, an dem die Bomben fallen“, sagt Humam der HuffPost. Erst gerade habe es wieder einen Luftangriff gegeben – ganz in der Nähe. Der Filmemacher, der seit 5 Jahren in Ghouta lebt, hält kurz inne, als wolle er sichergehen, dass es vorbei ist. “Der Beschuss wurde einfach zu heftig”, sagt er dann. 

Die Menschen in Ghouta haben sich in ihrer Verzweiflung in die Keller geflüchtet. Doch auch dort fühlen sie sich nicht mehr sicher. Spätestens seit die Berichte neuerlicher Chloringas-Angriffe die Runde machen.

Berichte, die an das wohl Schlimmste erinnern, was die Syrer in den schrecklichen Jahren seit Beginn des Bürgerkrieges erleben mussten.

Bassam Khabieh / Reuters
Ein Kind wird in der Stadt Douma behandelt.

Drohnen kreisen über der Stadt

Es ist Sonntagabend, keine 24 Stunden, nachdem sich die internationale Gemeinschaft auf einen Waffenstillstand geeinigt hat. Auch Russland, der engste Verbündete Assads im Kampf gegen die Rebellen, hatte dafür gestimmt.

Wieder steigen Flugzeuge auf, Hubschrauber, “auch Drohnen”, sagt Humam. Sie nehmen jede Bewegung wahr, die jemand auf der Straße macht. “Dann beginnt sofort das Artilleriefeuer.”

Auch Chloringas sollen die Angreifer dieses Mal eingesetzt haben. Davon zeugen vor allem ein paar wackelige Handyvideos und Fotos, die sich am Montag bei Twitter verbreiten. Schon in einer geringen Konzentration ist das Gas reizend bis ätzend. Es verletzt die Haut, das Gesicht, die Atemwege.

Ein Kind stirbt, eine Frau schwebt in Lebensgefahr, es gibt mindestens 13 Verletzte, berichtet die oppositionsnahe Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Nachrichtenagentur AFP spricht mit einem Arzt vor Ort. Er bestätigt: Vermutlich ein Chemiewaffeneinsatz, vermutlich Chloringas.

Der Giftgas-Einsatz erinnert an 2013 

Es ist nicht das erste Mal, dass die Menschen in Ghouta Opfer eines Gitgas-Angriffs werden. Der 21. August 2013 beendet nicht nur das Leben von mehr als 1000 Menschen in der südwestsyrischen Stadt. Er wird auch zum entscheidenden Wendepunkt des Krieges.

US-Geheimdienste machen schnell Assad als Täter des Einsatzes aus, der damalige Präsident Barack Obama verkündet den Beginn einer Militärintervention. Der Kreml schlägt sich zunehmend auf die Seite seines nahöstlichen Verbündeten. 

Der Syrienkonflikt wird zum Spielball internationaler Feindseligkeiten.

Bassam Khabieh / Reuters
Mehrere Opfer nach der Attacke im August 2013.

Für die Menschen in Ghouta wird der 21. August zum wohl düstersten Tag dieses Krieges. “Ich habe den Tod von 1500 Menschen erlebt. Durch das Giftgas Sarin”, sagt Humam, der als Filmemacher einen Kurzfilm über die Überlebenden der Attacke gedreht hat.

Er weiß, dass das Regime die Tat abstreitet. Und Russland – auch am Montag wieder. Der russische Außenminister Sergej Lawrow spricht von “Unfug-Geschichten aus Ost-Ghouta, die eine anonyme Quelle zitieren, dass Chloringas genutzt wurde”.

Doch Humam bleibt nicht anonym. Er weiß, was in seiner Region passiert. Und wie abwegig die Anschuldigungen des Regimes sind, die Rebellen würden die verbotenen Waffen selbst einsetzen: “Es macht keinen Sinn. Warum sollte die Opposition ihre eigenen Leute ins Visier nehmen?”

Auch Rebellen fahren schwere Geschütze auf

Während die Familien in den Kellern der Siedlungen ausharren, kommt es auf den Straßen am Montag mehrfach zu Gefechten. Es sind verschiedene Rebellengruppen, die in Ghouta bewaffneten Widerstand gegen Assad leisten. In diesem Teil des Landes sind sie beinahe die letzten, die sich der Achse Damaskus-Moskau-Teheran in den Weg stellen.

Auch unter den Rebellen: Salafisten, Dschihadisten, ehemalige Al-Kaida-Kader. In der Stadt Douma hat die Dschihadisten-Miliz Jaysh al-Islam das Sagen, im Westen der Region die der Freien Syrischen Armee zugehörige Gruppe Failaq al-Rahman. 

Neue Videos zeigen mutmaßlich Kämpfer der Salafisten-Gruppe Ahrar al-Sham, die Assad-Truppen in der Region mit schweren Panzerabwehrraketen beschießen.

Dass sie die Blockade Ghoutas durchbrechen können, scheint aussichtslos. Ebenso wie die vom Regime immer wieder versprochenen Evakuierungen. “Das ist keine Option. Das wird einfach nicht passieren”, sagt Humam der HuffPost.

Dann knallt es im Hintergrund. Kurz wird es ruhig. “Artillerie”, sagt der Syrer – und spricht dann schnell weiter, fast als wäre nichts gewesen. Die Menschen könnten ihre Keller nicht verlassen, wie solle man da an eine Evakuierung denken?

Mütter können Kinder nicht mehr versorgen

Nein, in den Keller, den Unterschlupfen und Verstecken, geht es um etwas anderes. Es geht um das Durchhalten. Besonders für die Kinder und ihre Mütter. “In Ghouta gibt es 10 bis 20 Geburten jeden Tag”, sagt Humam. “Unter schlimmen Umständen – in den Kellern.”

Die Menschen versuchen, im Keller Brot zu backen.

Es gebe keine Windeln mehr, das Essen sei knapp. “Die Menschen versuchen alles, um noch ein bisschen Getreide oder Mehl zu finden, um hier unten Brot zu backen”, erklärt er.

Der Hunger ist groß, besonders für die Kleinsten wird das zunehmend lebensgefährlich. Die meisten Mütter können keine Milch mehr geben. Sie wissen nicht, wie sie ihre Babys am Leben halten sollen.

Auch die Ärzte, Chirurgen und Krankenhelfer seien in den Untergrund geflüchtet. Denn seit Beginn des Bombardements rücken immer wieder Krankenhäuser ins Visier des Assad-Regimes. Eine perfide Strategie, die Damaskus und Moskau schon bei der Belagerung Aleppos eingesetzt hatten. Laut Ärzte ohne Grenzen wurden in den vergangenen Tagen so 13 Krankenhäuser schwer beschädigt.

“Die, die noch arbeiten, wurden unter der Erde errichtet. Aber die Versorgung ist sehr schlecht”, sagt Humam. 

Bassam Khabieh / Reuters
Husari bei der Arbeit an seinem Film, 2016.

Es geht um Politik – und doch nicht

Der 31-Jährige wirkt ruhig. Nur sein häufiges Seufzen verrät, wie besorgt er ist. Humam weiß, dass der Krieg noch lange nicht vorbei ist. Dass es wieder zu Angriffen kommen wird – womöglich mit Giftgas.

Die Menschen bereiten sich vor, sie sammeln Wasser, Essig, Handtücher, um im Fall der Fälle Mund und Nase schützen zu können, berichtet er. Doch auch diese Mittel werden knapp.

Für die Welt ist das alles Politik. Für uns ist es der Kampf ums Überleben.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz konnte die Lieferung von Hilfsgütern für die Zivilbevölkerung noch nicht in Gang setzen, weil dafür bislang die Sicherheitsgarantien fehlten, sagte eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur.

Am dringendsten würden medizinische Produkte, aber auch Nahrung benötigt. Die Feuerpause der UN soll eigentlich ein Zeitfenster für die Hilfslieferungen schaffen. Doch an solche Versprechen glauben die Menschen in Ghouta schon lange nicht mehr.

Über Politik will Humam trotzdem nicht sprechen. “Das ist das letzte, an das die Menschen hier denken. Für die Welt ist das alles Politik, für uns hier ist es der Kampf ums Überleben”, sagt er. 

Nun seufzt er noch einmal. “Ich würde dir ja gerne meine Sicht auf die Politik erklären. Aber ich glaube, die ist gerade scheißegal.” 

(mf)